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Brauchen wir die Oberstufe an der Gemeinschaftsschule?

„Es gibt seit langem einen erfolgreichen Bildungsweg zum Abitur für Nichtgymnasiasten und das ist der Weg über die Beruflichen Gymnasien," schreibt ein Berufsschullehrer der GEW. Ein Briefwechsel über die Einführung der Oberstufe an Gemeinschaftsschulen.

01.12.2015

  • Brief von Simon Schilling an die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz und den stellvertretenden Vorsitzenden Michael Futterer:

„Sehr geehrte Frau Kollegin Moritz, sehr geehrter Herr Kollege Futterer,

in der Stuttgarter Zeitung erschien am 11.09.2015 ein Artikel zu den Unwägbarkeiten des neuen Schuljahres. In dem Artikel findet man u.a. auch die Diskussion über die Einrichtung einer gymnasialen Oberstufe an den Gemeinschaftsschulen in Verbindung mit einer unterstützenden Position der GEW. Als Kollege an einer Beruflichen Schule möchte ich Ihnen hierzu ein paar Gedanken mitteilen. […]

Wenn die GEW auch der Interessenvertreter vieler Mitglieder der Beruflichen Schulen ist, warum üben Sie dann bezüglich des gymnasialen Ausbaus der Gemeinschaftsschule nicht an der Stelle etwas mehr Zurückhaltung, wo Sie anfangen, die Interessen Ihrer Mitglieder im beruflichen Bereich zu konterkarieren? Oder gibt es hier eine Paradoxie, die ich nur noch nicht verstanden habe?

Wir an den Beruflichen Schulen, und in diesem Fall an den Beruflichen Gymnasien, leisten aus meiner Sicht erfolgreiche Bildungsarbeit. Warum sollten wir also die Schülerinnen und Schüler der Gemeinschaftsschulen nicht ebenso erfolgreich zum Abitur bringen können wie wir es bisher mit den Realschülern tun und getan haben? Es gibt seit langen Jahren einen vielfach erprobten und erfolgreichen Bildungsweg zum Abitur für Nichtgymnasiasten und das ist der Weg über die Beruflichen Schulen. Hier liegt also die Planungssicherheit, die seitens der GEW im Artikel angesprochen wird, doch geradezu auf der Hand!

Die Option, die Sie jedoch jetzt offensichtlich unterstützen wollen, sieht nach meinem Empfinden ungefähr so aus, als solle man den Bau eines völlig neuen Autos unterstützen, obwohl es bereits einen hervorragenden Mercedes gibt, der einen erstklassig ans Ziel bringt.

Umso unverständlicher wird Ihre Haltung in Zeiten des uns alle betreffenden Spardiktats im Bildungsbereich. Denn die Schaffung einer Oberstufe an den Gemeinschaftsschulen würde u.U. den Aufbau einer kostspieligen Doppelstruktur bedeuten. Wenn aber im Bildungsbereich insgesamt absoluter Sparzwang herrscht, dann frage ich mich, wer dann für den Ausbau der Gemeinschaftsschule die Rechnung bezahlen wird. Aus meiner Sicht sind das die bisherigen Schularten mit zusätzlichen Einsparungen – und dem wollen Sie ja in Ihrer täglichen Arbeit eigentlich entgegenwirken. […]

Simon Schilling"

 

  • Antwort der GEW:

„Lieber Kollege Schilling,

[…] Die GEW versteht sich als Bildungsgewerkschaft. Das heißt, dass wir die Beschäftigten aller Bildungsbereiche vertreten. In Fragen der Bildungspolitik bedeutet dies, dass immer die Kinder, die Jugendlichen bzw. die Schüler/innen im Mittelpunkt stehen müssen.

Genau aus diesem Grund hat die GEW 2010 vehement einen Rechtsanspruch auf einen Platz im Beruflichen Gymnasium und dessen bedarfsgerechten Ausbau gefordert. Im Schuljahr 2011/12 standen den 26.982 Bewerber/innen für die öffentlichen Beruflichen Gymnasien nur 17.609 Plätze gegenüber. Das Engagement der GEW war ein wesentlicher Ausgangspunkt dafür, dass nach dem Regierungswechsel der Ausbau der Beruflichen Gymnasien im Koalitionsvertrag verankert und dann auch umgesetzt wurde. Mittlerweile ist der Versorgungsgrad auf über 90 Prozent angewachsen und die Zahl der Schüler/innen im Beruflichen Gymnasium seit 2011 um mehr als 20  Prozent auf über 61.000 Schüler/innen angestiegen. Betrachtet man diese Entwicklung, dann kann man derzeit wohl kaum davon sprechen, dass die Beruflichen Gymnasien austrocknen.

Die Landesregierung hat in den vergangenen Jahren damit begonnen, die Schulstruktur im Bereich der allgemeinbildenden Schulen zu ändern. Der Einstieg in diesen Prozess war dringend notwendig und sinnvoll. Baden-Württemberg war traditionell ein Bundesland, in dem der Zugang zu weiterführenden Schulen in hohem Maße von der sozialen Herkunft abhing. Die GEW hat immer das Ziel vertreten, im Bildungssystem mehr soziale Gerechtigkeit herzustellen. Daraus begründet sich auch unsere Forderung nach längerem gemeinsamem Lernen. Die treibende Kraft waren hierbei aber eigentlich die Eltern. Angesichts der demographischen Entwicklung und v.a. des veränderten Schulwahlverhaltens sind  die Übergangszahlen in Klasse 5 in die Hauptschule seit 2000 erodiert und schließlich implodiert. Damit ist klar, dass das tradierte dreigliedrige System nicht mehr haltbar ist. […]

Die Schüler/innen haben nach Abschluss der Sekundarstufe I das Recht auf freie Schulwahl. Davon profitieren auch die Beruflichen Gymnasien. Wir haben mittlerweile eine signifikante Zahl von Schüler/innen, die nach der Sekundarstufe I das allgemeinbildende Gymnasium verlassen und das Berufliche Gymnasium besuchen. Der Ausbau der Beruflichen Gymnasien hatte auch damit zu tun – die Quotierung in der Aufnahme dieser Schüler/innen von 15 Prozent spielt heute kaum noch eine Rolle. Ich halte es für schwierig, im Falle der Schüler/innen aus dem Gymnasium die freie Schulwahl zu predigen, im Falle der Schüler/innen aus der Gemeinschaftsschule aber letztlich nach einer staatlichen Zwangssteuerung zu rufen und ihnen ausschließlich das Berufliche Gymnasium anzubieten. Ich glaube auch nicht, dass dies nötig ist: Die Beruflichen Gymnasien bieten mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung, ihren Profilen und der pädagogischen Arbeit der Lehrkräfte ein ausgesprochen attraktives Angebot. Die Tatsache, dass Schüler/innen aus dem allgemein bildenden Gymnasium in so hoher Zahl auf das Berufliche Gymnasium wechseln, unterstreicht dies. […]

Michael Futterer"

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