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Interview: Referendariat in Coronazeiten„Die Pandemie fördert eine offenere Grundhaltung gegenüber digitalen Medien“

Das Kultusministerium versprach im April 2020, dass die Corona-Krise die Lehrkräfteausbildung nicht benachteiligen würde. War das ein frommer Wunsch oder Realität im Lehrerzimmer und Seminar? Ein Gespräch mit drei Betroffenen.

05.06.2021

Miriam Hannig hat mit Lisa Jäger und Nina Haager gesprochen, die ihren Vorbereitungsdienst in diesem Schuljahr beenden – und mit Marie-Terese Reck, die neu gestartet ist.

Wie wirkte sich die Pandemie auf eure Ausbildung aus?

Marie, Lehramtsanwärterin für Grund­schulen: Das Seminar hat bisher nur online stattgefunden, was die Zusammenarbeit und den Austausch mit anderen Lehramtsanwärter*innen ziemlich erschwert. Auch an der Schule sind wir im Online-Unterricht oder der Notbetreuung gestartet. Normalen Unterricht haben wir erst im Wechselunterricht erlebt. Dieser bot uns aber gute Übungsmöglichkeiten, da wir denselben Unterricht nacheinander in den Wechselgruppen halten konnten. So reflektierten wir den ersten Versuch und machten es beim zweiten Versuch besser.

Nina, Lehramtsanwärterin SBBZ geistige Entwicklung und Lernen: In unserem Seminarablauf gab es immer wieder Veränderungen und Umplanungen. Der häufige Onlineunterricht erschwerte, dass wir uns ­fachrichtungsübergreifend austauschen konnten. Grundsätzlich wurde ich mit der Zeit jedoch flexibler und konnte mich an die neuen Gegebenheiten anpassen.

Auch im Schulalltag hatte die Pandemie Auswirkungen auf die Ausbildung. Im ersten halben Jahr fiel aufgrund des ersten Lockdowns das Ausprobieren und Beobachten im Unterricht aus. Da Schulfeste, Sporttage und Schullandheime pandemiebedingt ausfielen, fehlt uns der große Bereich „Schule mitgestalten“.

Lisa, Lehramtsanwärterin am Gymnasium: Wir alle sind ins kalte Wasser gesprungen und mussten uns erst mal in das Fernlernen einfinden. Besonders nach dem ersten Lockdown habe ich mich verloren gefühlt, da ich kaum Kolleg*innen an den Schulen kannte, keine eigenen Klassen hatte und mich auch niemandem aufzwängen wollte. Online zu unterrichten war ja auch für die erfahrenen Kolleg*innen neu. Gleichzeitig fanden die Seminarveranstaltungen online statt oder wir bearbeiteten die Seminarinhalte alleine zu Hause. Das war teilweise sehr mühsam, und der direkte Austausch hat mir sehr gefehlt.

Ein Kommentar von Miriam Hannig

Schwangere Kolleginnen oder Kolleg*innen mit Kindern waren und sind natürlich mit noch viel stärkeren Widrigkeiten konfrontiert, als die hier gesammelten Erfahrungsberichte abbilden. Wie viel praktische Unterrichtserfahrung bisher überhaupt erworben werden konnte, kommt sehr auf die Fächerkombination an: So konnten beispielsweise die Kolleg*innen mit der Fächerkombination Englisch mit Sport, Kunst oder Musik an der Grundschule kaum praktische Erfahrungen sammeln, da diese Fächer im Wechsel- und meist auch im Distanzunterricht nicht vorgesehen sind. Umso wichtiger ist es, dass junge Kolleg*innen sowohl im Vorbereitungsdienst als auch in den ersten Dienstjahren Unterstützung durch Ansprechpartner*innen aus dem Kollegium erfahren und keine Zusatzaufgaben übernehmen müssen. Dass dies keine neue Forderung ist, zeigt unter anderem die GEW-Befragung der Dienstanfänger*innen 2020.

Schon vor Corona wurde der Dienstanfang als besonders belastend wahrgenommen. Dass dies besser werden muss, ist klar – wie, das erarbeitet gegenwärtig die Junge GEW Baden-Württemberg unter dem Titel „GEWertschätzt von Anfang an“.

Was klappt gut? Was sind die Herausforderungen?

Marie: Herausforderungen sind definitiv die vielen Wechsel der Unterrichtsformen. Wir wurden von der Hochschule nur auf Regelunterricht vorbereitet. Besonders Online-Unterricht war nie Thema. Welche Medien oder Programme man dafür auch an der ­Grundschule nutzen kann, hat bei uns keine Rolle gespielt. Das ist aber ein komplett anderes Arbeiten und erfordert Umdenken.

Meine Mentorin unterstützt mich aber zum Glück sehr gut. Sie steht mir mit Rat und Tat zur Seite, gibt Feedback und macht Verbesserungsvorschläge. Auch das Seminar betreut uns gut. Die Dozent*innen kennen nun ja schon einen „Corona-Kurs“ und haben sich auf die Online-Lehre eingestellt. Auch dort haben wir gute Ansprechpartner*innen bei Schwierigkeiten oder Fragen.

Nina: Die Kommunikation mit Kolleg*­innen und dem Seminar habe ich stets als sehr positiv empfunden. Trotz des Lockdowns gelangten wir schnell an Informationen. Als sehr fair empfand ich die frühzeitige Information über das alternative Prüfungsformat, welches die unterrichts­praktische Prüfung ersetzt und schon im vergangenen Ausbildungsdurchgang angewandt wurde. Nach der Abgabe der schriftlichen Planungsunterlagen wird die Unterrichtsstunde mündlich präsentiert, woran ein Reflexionsgespräch anschließt, all das aber im Seminar, also ohne Schüler*innen und nicht im Klassenzimmer. Allerdings sehe ich hier auch Schwierigkeiten, da eine anschließende Unterrichtsreflexion wegfällt. Man bekommt daher schnell das Gefühl von „geplant ist geplant“ und kann nicht mehr so stark in das anschließende Gespräch einwirken. Auch wenn ich froh über das alternative Prüfungsformat bin, hinterfrage ich dennoch teilweise die Sinnhaftigkeit.

Lisa: Das veränderte Prüfungsformat hat natürlich Vor- und Nachteile. Ich hätte mir eine normale Lehrprobe gewünscht, auch wenn diese vom Anspruch her wenig mit der sonstigen Unterrichtsrealität zu tun hat. Trotzdem können wir dort mit unserer Persönlichkeit und dem Umgang mit der Klasse viel zeigen, was bei den aktuellen Formaten komplett wegfällt. Die fehlende Unterrichtspraxis aus dem ersten Unterrichtsabschnitt erschwert es zudem, den Anforderungen für die zeitliche Planung einer Stunde zu entsprechen.

Inwiefern könnte die Krise auch eine Chance für die Ausbildung sein?

Marie: Eine Chance ist definitiv, dass die Digitalisierung vorangeht, wenn auch nur schleppend, aber immerhin passiert etwas. Außerdem lernen wir aus den bisherigen Erfahrungen der Lehrkräfte in Krisenzeiten und erfahren, wie man auch jetzt Unterricht machen kann. Wir erleben, welche Umsetzungsmöglichkeiten es gibt, worauf man achten kann und muss, und wie man trotz Fernlernen mit seinen Schüler*innen und ihren Familien in Kontakt bleibt.

Nina: Als große Chance der Pandemie sehe ich neben einer transparenteren Kommunikation sowie einer gewissen Flexibilität auf allen Seiten (LLA, Seminar, Schule), die Digitalisierung. Während der gesamten Zeit verbesserten sich sowohl bei mir als auch beim Seminar und den Kolleg*innen an der Schule die digitalen Kompetenzen. Die Pandemie fördert eine offenere Grundhaltung gegenüber digitalen Medien. Das hilft bei den neuen Unterrichtsformen und der Schulentwicklung.

Lisa: Ich hoffe sehr, dass in Zukunft der Umgang mit digitalen Medien mehr in die Lehramtsausbildung integriert wird, sowohl an der Universität als auch an den Seminaren. Das eröffnet vielseitige Möglichkeiten, und Lernen kann dadurch sinnvoll individualisiert werden. Die Schulen sind jedoch so unterschiedlich wie die Kolleg*innen, die dort unterrichten und – je nach Mentor*in – ist eine fördernde und innovative Unterstützung nicht immer möglich. Umso wichtiger ist es, dass die Ausbildungsseminare grundlegende Kompetenzen vermitteln. Wenn zeitnah erreicht werden kann, dass die Ressourcen (personell wie strukturell) an den Schulen vorhanden sind, es ausreichend Fortbildungen gibt und die Ausbildungsseminare und Universitäten ihr Curriculum erweitern, können die zukünftigen Lehrkräfte digitale Innovationen umsetzen.

Vielleicht gibt die Krise auch einen Anstoß, die Prüfungsformate langfristig zu überarbeiten. Die Schüler*innen, die Unterrichtsrealität, die Ausbildung und die damit einhergehenden Anforderungen haben sich in den letzten Jahren und besonders noch mal mit Corona stark verändert und werden sich weiter verändern. Dem sollte auch bei den Prüfungen Rechnung getragen werden.