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„Der Staat belohnt Engagement nicht“

„Gleiches Geld für gleiche und gleichwertige Arbeit“ lautet die GEW-Forderung innerhalb der Initiative „Bildung. Weiter denken“. Was so selbstverständlich klingt, in vielen Schulen aber keineswegs selbstverständlich ist, zeigt b&w in einer Serie.

17.10.2016 - b&w Artikel, Maria Jeggle

„Wer Informatik studiert hat, arbeitet nicht als Lehrer“, meint Ingrid M*. Lehrergehälter könnten in dieser Branche mit der freien Wirtschaft nicht mithalten. Ihr Sohn sei ein gutes Beispiel. Er habe das Fach studiert und verdiene heute 6.000 Euro. „Das Regierungspräsidium bemüht sich redlich, es kommen aber kaum Informatiker/innen an die beruflichen Schulen“, bestätigt Frederic D*. „Eher noch Kolleg/innen, die BWL und als Zweitfach Informatik studiert haben.“ Kein Wunder, dass Informatiklehrkräfte fehlen.

An der kaufmännischen beruflichen Schule, an der die beiden unterrichten, kam deshalb vor vier Jahren die damalige Schulleiterin auf Ingrid M zu und fragte sie, ob sie nicht im Wirtschaftsgymnasium in den Informatikunterricht einsteigen wolle. Ingrid M hat ja gesagt und bereut es bis heute nicht. Grund zur Unzufriedenheit hätte sie sehr wohl. Sie ist technische Lehrerin im Angestelltenverhältnis für Büromanagement und Textverarbeitung. Ihr Einsatz im Gymnasium ist nicht vorgesehen und im Fach Informatik auch nicht. „Die Schulleiterin wusste, dass ich technische Betriebswirtschaft studiert und ein Informatikstudium angefangen hatte. Auch an einer Privatschule habe ich schon Informatik unterrichtet“, erzählt die Lehrerin. Sie habe die Sommerferien genutzt und sich eingearbeitet. Unterstützung bekam Ingrid M von einer Kollegin, die kurz vor der Pension stand und die Parallelklasse unterrichtete. Im Schuljahr 2012/13 startete Ingrid M erstmals mit zwei Stunden in einer geteilten Eingangsklasse im Wirtschaftsgymnasium. Seither kamen jedes Jahr ein paar Stunden dazu. Heute unterrichtet die technische Lehrerin 9 Stunden Informatik.

„Wir stimmen uns eng ab“, berichtet Frederic D. Seit die andere Kollegin im Ruhestand ist, unterrichtet er parallel zu Ingrid M. Im Unterschied zu seiner Kollegin ist er wissenschaftliche Lehrkraft und Beamter. „Wir arbeiten nach denselben Stoffplänen, gleichen unsere Unterlagen und Arbeitsblätter an und schreiben die gleichen Klassenarbeiten zur gleichen Zeit. Wir überlegen auch zusammen, welche technische Neuerungen für den Unterricht relevant sind“, beschreibt der Oberstudienrat die Zusammenarbeit mit seiner Tandem-Partnerin. Schülerpräsentationen beurteilen sie auch mal gemeinsam. „Mit dem Vier-Augen-Prinzip sieht man mehr“, erklärt der Lehrer. Die kollegiale Zusammenarbeit mit Betonung auf „gleich“ wäre nicht der Rede wert, wenn es nicht einen krassen Unterschied gäbe: Frederic D verdient als Oberstudienrat annährend 2.000 Euro netto mehr als die angestellte technische Lehrerin Ingrid M.

„Sie ist dreifach benachteiligt“, erklärt Gerhardt Hurich, stellvertretender Vorsitzender der GEW-Landesfachgruppe Kaufmännische Schulen. Zum einen sei sie tarifbeschäftigt und nicht beamtet, sie sei mit E9 nicht parallel zu beamteten Lehrkräften mit A13/14-Besoldung eingestuft und ihr Deputat liege bei 27 statt bei 25 Stunden wie bei wissenschaftlichen Kolleg/innen. Hätte sie unter diesen Bedingungen den Informatikunterricht ablehnen können? „Da wurde aus der Not eine Tugend gemacht“, holt Hurich aus. Die Not bestehe darin, dass es für manche technische und spezialisierte Lehrkräfte an beruflichen Schulen keinen Bedarf mehr gebe. „Bäcker will fast niemand mehr werden. Den klassischen Drucker gibt es nicht mehr. Das Regierungspräsidium sucht nach kreativen, flexiblen Lösungen vor Ort, damit Lehrkräfte mit Fächern von aussterbenden Berufen nicht weit weg beordert werden müssen“, erklärt Hurich.

Der Bedarf für Ingrid Ms Fächer, Textverarbeitung und Büromanagement, ist ebenfalls gesunken. Rund 10 Deputatsstunden waren ihrer beruflichen Schule übrig. Eine Abordnung konnte nur vermieden werden, wenn sich ein Kollege bzw. Kollegin in neue Fächer einarbeitet. Vor diese Wahl werden Lehrkräfte an beruflichen Schulen öfter gestellt. „Ich habe Englisch und Geschichte studiert und kam zu Informatik, weil ich vor meinem Studium in einer Werbeagentur als Berater für Multimedia gearbeitet habe“, erzählt Frederic D. Er unterrichtet das Fach gerne. Auch Ingrid M sagt: „Mir macht Informatik viel Spaß. Das Fach ist anspruchsvoll und fordert mich mehr als Textverarbeitung. Auch wenn ich viel mehr Arbeit investieren und mich laufend auf dem neuesten Stand der Technik halten muss, freue ich mich auf den Unterricht.“ Die Schule ist ihr ans Herz gewachsen. „Ich kann mich hier einbringen, z. B. den Tag der Menschenrechte organisieren, erläutert sie. Dass sie technische Lehrerin ist, spiele in ihrem Kollegium keine Rolle. „Die meisten Kolleg/innen meinen, ich wäre eine wissenschaftliche Lehrkraft“ betont Ingrid M. „Für die meisten verbeamteten Lehrkräfte gibt es kein Bewusstsein dafür, das Tarifangestellte so viel weniger verdienen“, ergänzt Hurich.

Frederic D findet den Gehaltsunterschied zu seiner Kollegin nicht in Ordnung. „Ich kann nicht für jede technische Lehrkraft reden, aber diese Konstellation ist auf jeden Fall sehr ungerecht.“ Wenn man die Gehälter bewerte, dürfe man aber nicht außer Acht lassen, dass wissenschaftliche Lehrkräfte ein Studium eingebracht hätten. Das Studium dauere ungefähr zwei Jahre länger als die Ausbildung der nicht wissenschaftlichen Lehrkräfte. Das System dürfe aber nicht so starr sein. Er plädiert für einen Ausgleich, mehr Flexibilität und Aufstiegsmöglichkeiten.

Die gibt es. Allerdings nur für Lehrkräfte, die in E12 bzw. A12 eingruppiert sind. Also keine Option für Ingrid M. In diese Gehaltsgruppen schafft es die 58-Jährige in ihrem Berufsleben nicht mehr. Auf ihre Beförderung nach E10 hat sie im letzten Jahr sogar freiwillig verzichtet. Die GEW hat ihr vorgerechnet, dass sie sonst mit dem Tarifvertrag, den die GEW letztes Jahr nicht unterschrieben hat, über die Jahre gesehen Geld verloren hätte. In E10 wäre sie eine Stufe nach unten gerutscht und hätte erst nach 7 Jahren mehr verdient als jetzt. Da will sie aber in Rente gehen.

Selbst wenn Ingrid M E12 erreichen würde, hätte ein Aufstiegslehrgang mit BWL, in dem Informatik angedockt ist, seine Tücken. Kurioserweise hängt die Wahl des Hauptfaches nicht an der Qualifikation der Person, sondern am Schultyp, in dem die Lehrkraft unterrichtet. Ingrid M hätte, weil sie an einer kaufmännischen Schule unterrichtet, neben BWL das Fach Deutsch nehmen müssen. Wer hingegen in gewerblichen Schulen arbeitet, muss sich außer in seinem Profilfach in Mathe fortbilden. Die Hürde für einen Aufstieg ist für die meisten nicht wissenschaftlichen Lehrkräfte ohnehin hoch. Diese Vorgaben machen es noch schwerer. Landesweit standen im laufenden Jahr nur 14 Plätze für diese Fortbildung zur Verfügung. „Wir setzen uns schon lange dafür ein, dass auch Lehrkräfte mit E11 bzw. A11 zum Zug kommen können“, erklärt Gerhardt Hurich.

„Die Schule und die Schüler/innen hätten ein Problem, wenn Ingrid den Informatikunterricht nicht übernommen hätte. Wir Lehrkräfte haben auch Interesse daran, dass wenig Unterricht ausfällt und die Schule funktioniert“, hebt Frederic D hervor. „Der Staat belohnt Engagement nicht“, resümiert die Lehrerin. Eine Zeitlang habe sie sich schlecht gefühlt, sagt sie. Der Verzicht auf die Beförderung habe ihr auch wehgetan. In und mit der GEW kämpft sie für Verbesserungen. Die Freude am Unterrichten kann ihr trotz allem niemand nehmen.

*Namen von der Redaktion gekürzt

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