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Neues Schuljahr 2021/2022Ein Bündel an Maßnahmen kann helfen

Zwei große Probleme gibt es im neuen Schuljahr zu lösen: Wie kann verhindert werden, dass Schulen und Kitas erneut schließen müssen und wie können Nachholbedarfe aufgefangen werden? Für die Vorbereitungen bleibt nicht mehr viel Zeit.

23.07.2021 - Von Maria Jeggle, b&w-Redakteurin

Schön wär’s, wenn verschiedene Studien zu einem Ergebnis kämen. Doch meist sind die Studien unterschiedlich angelegt und nicht gut vergleichbar. So auch bei den Studien, die herausfinden sollen, wie tauglich mobile Luftreinigungsgeräte sind. Eine Studie der Uni Stuttgart im Auftrag der Stadt Stuttgart ergab Anfang Juli: Luftfilter sind kaum wirksamer als Stoßlüften. Die Geräte schützen nur, wenn sie richtig stehen, auf hohen Touren laufen und sorgfältig gewartet werden. Außerdem sind sie teuer, laut und erzeugen Zugluft.

Eine Studie der Bundeswehr-Uni in München besagt dagegen, dass Dauerlüften stark überschätzt werde. Man brauche Raumluftreiniger für die Schulen. Die müssten aber die Luft mindestens sechsmal pro Stunde durchfiltern. Auch andere Studien, zum Beispiel eine aus Frankfurt, sind zu dem Schluss gekommen: Luftreiniger sind sehr wirksam.

Die SWR-Wissenschaftsredakteurin Anja Braun schätzt die unterschiedlichen Er­geb­nisse in einem Interview so ein: „Man weiß, dass mobile Luftreinigungsgeräte grundsätzlich wirksam sind und bis zu 90 Prozent der Aerosole aus der Luft filtern. Daran gibt es gar keinen Zweifel. Und das hat auch die ­Stuttgarter Studie nicht widerlegt.“ Alle Studien würden darauf hinweisen, dass ­zusätzlich gelüftet werden müsse.

Braun sagt auch: „Und ich finde es merkwürdig, dass diese mobilen Luftfiltergeräte schon seit letztem Jahr in vielen Ministerien, unter anderem auch in Stuttgart im Staatsministerium, eingesetzt werden und dort als äußerst wirksamer Schutz vor Coronaviren betrachtet werden. Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Und das ist im Sinne der Schulkinder nicht so schön.“

Die GEW plädiert seit Monaten für Luftreinigungsgeräte an Schulen und Kitas und begrüßt, dass die Landesregierung angekündigt hat, den Schulen 60 Millionen und den Kitas 10 Millionen Euro für die Anschaffung von Luftfiltern zur Verfügung zu stellen. Damit übernimmt das Land die Hälfte der Anschaffungskosten, die andere Hälfte soll von den ­Trägern übernommen werden. „Jetzt muss es darum gehen, dass diese Mittel möglichst schnell und unbürokratisch an den Schulen und Kitas ankommen, um sie für den Herbst und Winter so gut es geht auszustatten“, sagt GEW-Landesvorsitzende Monika Stein.

Ob mobile Luftfiltergeräte sinnvolle Investitionen sind, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Die Hersteller überbieten sich mit Lobpreisungen. Auch bei der GEW kommt viel Werbung an. Dauerhaft installierte Anlagen sind unbestritten besser. Bis die aber überall eingebaut sind, ist die Pandemie hoffentlich vorbei. Für das neue Schuljahr kommen sie zu spät. Die Entscheidung, ob und was angeschafft wird, liegt nun bei den Kommunen.

Luftfilter alleine reichen für einen besseren Gesundheitsschutz sowieso nicht. Damit sich in Schulen und Kitas möglichst niemand ansteckt, braucht es ein Bündel an Schutzmaßnahmen. Entschieden ist bisher nur, dass die ersten zwei Schulwochen Masken getragen werden müssen. Dass wieder Tests nötig sind, ist auch klar, Details stehen aber noch aus. Die bisherigen Schnelltests haben sich als wenig aussagekräftig und als fehleranfällig erwiesen.

Das RKI empfiehlt (Newsletter vom 6. Juli): „Nach den Sommerferien 2021 wird der Aufrechterhaltung des ­Regelbetriebes in Kitas und Schulen weiterhin eine hohe Priorität zukommen. Regelmäßiges, systematisches und sensitives Testen mittels Pool-PCR-Methode kann hier – zusätzlich zu bestehenden Hygienekonzepten – einen Beitrag leisten, um das Infektionsgeschehen in Kitas und Schulen überwachen zu können und gleichzeitig das Risiko für Übertragungen signifikant zu reduzieren. (...) Lolli-Pool-PCR-Tests bei leichter Probengewinnung besitzen eine höhere Sensitivität als Antigentests (...).“

Versäumtes nachholen

Eine vorausschauende Planung für Schutzmaßnahmen, Erfahrungswerte aus eineinhalb Jahren Pandemie und eine hohe Impfquote bei Erwachsenen lassen hoffen, dass Schulen offen bleiben können. Bleibt aber noch die ganz große Aufgabe, nachzuholen, was im letzten Schuljahr versäumt wurde.

Lernbrücken in den letzten beiden Ferien­wochen sollen nicht nur Lernstoff vermitteln, sondern auch Lernblockaden lösen und die Motivation fürs Lernen stärken. Bis zu den Sommerferien lief das Projekt „Bridge the gap“. Ob die Unterstützung der 400 Lehramtsstudierenden (geplant waren 550) mit jeweils vier Förderstunden nur ein Tropfen auf den heißen Stein waren, lässt sich noch nicht abschließend beurteilen. Einzelne Schüler*innen profitierten bestimmt davon, auch von Studierenden kamen positive Rückmeldungen. Flächendeckend konnte das Projekt ganz sicher keine Lücken stopfen. Aufwendig zu organisieren war es allemal. Die Pädagogischen Hochschulen (PH) und Schools of Education hatten die Aufgabe, Studierende zu rekrutieren und passende Schulen zu finden, die Schulen mussten viele Formalien erledigen und die Aushilfskräfte anleiten. Die Zusammenarbeit des Wissenschafts- und des Kultusministeriums mit den Hochschulen lief holprig. Es ist dem Engagement der Kolleg*innen an den Schools und den PHs zu verdanken, dass so viele Studierende gefunden wurden.

„Bridge the gap“ diente auch dazu, Erfahrungen für ein viel größeres Projekt zu sammeln: „Rückenwind“, heißt das Vorhaben, das während des ganzen nächsten Schuljahres laufen soll. Dafür werden rund 30.000 externe Personen für möglichst alle 4.500 baden-württembergischen Schulen gesucht. Aushelfen sollen Studierende aller Fachrichtungen und ­Hochschularten, pädagogische Assistent*­innen, ­Lehramtsan­wärter*­­innen, Lehrkräfte in Elternzeit und pensionierte Lehrkräfte sowie Mitarbeiter*innen von Nachhilfeanbietern und Berufsbildungswerken. „Unser Ziel ist es, den ­Kindern und Jugendlichen die bestmögliche Unterstützung zu geben, um mit den Folgen der Corona-Pandemie zurechtzukommen“, er­klärte Kultusministerin Theresa Schopper und betonte, dass es dabei nicht nur um Bildungslücken, sondern auch um die sozial-emotionale Situation der Schülerinnen und Schüler gehe. Die Organisation für „Rückenwind“ bleibt allerdings an den Schulleitungen hängen. Sie müssen die Personen suchen, ihre Arbeitsverträge ausstellen und zusammen mit dem Kollegium die Förderstunden anleiten. Die GEW kritisiert, dass die Schulen mit dieser Arbeit alleine gelassen werden.

„Rückenwind“ gehört zum Förderprogramm des Bundes mit rund zwei Milliarden Euro. Etwa eine Milliarde davon soll auf die Kompensation von Lernrückständen entfallen. Auf Baden-Württemberg entfallen davon 130 Millionen Euro. Das Land investiert nochmals die gleiche Summe.

Das Programm startet nach den Sommerferien mit Lernstandserhebungen. Auf deren Grundlage sollen gezielte Fördermaßnahmen eingeleitet werden.

Eine Klasse zu wiederholen, ist eine altbekannte Möglichkeit, versäumten Stoff nachzuholen. Im vergangenen Schuljahr wurde das Sitzenbleiben ausgesetzt. Für das freiwillige Wiederholen entschieden sich 2020 nur halb so viele Schüler*innen wie üblicherweise sitzenbleiben. Dieses Schuljahr ist es wie immer: Schüler*innen mit entsprechend schlechten Noten werden nicht versetzt. Die Klassenkonferenz kann aber beschließen, die Versetzungsentscheidung zu verschieben oder den oder die Schüler*in auf Probe zu versetzen. Ob Klassenwiederholungen Schülerinnen und Schülern tatsächlich dabei helfen, mehr zu lernen, ist eine alte und strittige Diskussion. Es ist auf jeden Fall eine teure Maßnahme und oft beschämend für Kinder und Jugendliche. Die GEW setzt sich dafür ein, dass die Schulen anstelle des Sitzenbleibens wesentlich bessere Fördermöglichkeiten bekommen, um die Schüler*innen beim Lernen individuell unterstützen zu können.