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Erfolgreicher Schulversuch wird ohne Argumente beendet

„Grundschule ohne Noten“ heißt der Schulversuch, den das Kultusministerium nach fünf Jahren stoppen will. „Wir haben keinerlei Verständnis dafür, dass wichtige pädagogische Impulse in einer Phase ignoriert werden, in der es in der Schulpolitik explizit um die Qualität der Grundschule geht“, sagte die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz, als Anfang November der Absagebrief des KM einging.

20.12.2017 - b&w-Artikel, Maria Jeggle

„Der Schulversuch ‚Grundschule ohne Noten‘ hat keinen erkennbaren Mehrwert, deshalb werden wir ihn zum kommenden Schuljahr beenden“, so begründete Kultusministerin Susanne Eisenmann ihre Entscheidung gegenüber der Presse. Bei dem Schulversuch, der von Rot-Grün eingeführt wurde, habe man „verpasst“, parallel zu evaluieren. Aber ohne eine wissenschaftliche Begleitung habe der Versuch „keinen Erkenntniswert“ und müsse beendet werden.
„Ein weiteres Mal werden die Lehrkräfte bei pädagogischen Entscheidungen übergangen. Weder die Eltern noch die Schüler/innen und Lehrkräfte wurden angehört oder befragt. Eine Evaluation war den Schulen aber genau vom Kultusministerium zugesagt worden. Die Versuchsschulen haben die Einlösung dieser Zusage wiederholt eingefordert“, betonte Moritz. Auch der Vorsitzende des Landeselternbeirat, Carsten Rees, kritisierte die Entscheidung: Der Versuch sei nicht wissenschaftlich begleitet worden, gerade weil das Kultusministerium aus Kostengründen diese Evaluierung abgelehnt hatte. „Das kann man am charmantesten noch mit dem Wort ‚Heuchelei‘ umschreiben“, schrieb Rees in einer Pressemeldung.

Jörg Fröscher von der Theodor-Heuglin-Schule in Ditzingen hat ebenfalls kein Verständnis für den Abbruch. Der Schulleiter einer der zehn Versuchsschulen berichtet von sehr positiven Erfahrungen an seiner Schule, seit die Schüler/innen nicht mehr mit Ziffernnoten beurteilt werden. „Das Konkurrenzdenken der Schüler/innen untereinander hat aufgehört, wegen schlechter Noten muss kein Kind mehr weinen oder wütend werden. Bei uns steht jedes einzelne Kind mit seiner eigenen Leistungsfähigkeit im Mittelpunkt“, erklärt Fröscher. Auch Unternehmen wie Trumpf, Daimler, Bosch, DB oder dm-Märkte hätten sich auf den Weg gemacht, Schüler/innen nicht nur nach Zeugnisnoten zu bewerten. Sie interessierten sich für Schülerpersönlichkeiten und würden sogar eigene Einstellungsprofile entwickeln.

Protest kommt auch vom „Freiburger Bündnis – eine Schule für alle“. „Wir befürchten, dass die Ministerin mit dem Abbruch des Schulversuches die vielversprechenden Ansätze zur Entwicklung, Erprobung und Anwendung einer kindgerechten Lernkultur mit Absicht und möglicherweise irreparabel beschädigt“, erklärt das Bündnis. Die Paul-Hindemith-Schule, eine der Versuchsschulen in Freiburg, schreibt auf ihrer Internetseite: „In unserer Schule soll eine angst- und stressfreie Lernatmosphäre herrschen, in der die Eltern und Schüler regelmäßig eine kompetenzorientierte, direkte Rückmeldung über das Lern-, Arbeits- und Sozialverhalten bekommen. Lehrer, Schüler und Eltern sollen miteinander über die erbrachten Leistungen ins Gespräch kommen und sich gegenseitig beraten, informieren und stützen. Die Schülerinnen und Schüler sollen (…) keine Ausgrenzungen und Demütigungen in der Klasse aufgrund nicht erfüllter Erwartungen erfahren.“ (www.paul-hindemith-grundschule.de/schule-ohne-noten)
Schon auf der GEW-Tagung Ende 2013 berichteten Schulen über gewinnbringende Erkenntnisse, wenn sie alternative Leistungsfeststellungen anwenden. „Kinder werden ohne Noten gerechter und differenzierter beurteilt und sie kennen ihre Stärken und Schwächen“, sagte die Konrektorin Marion Esser der Gerhart-Hauptmann-Schule in Mannheim. Sie ist überzeugt davon, dass die Kinder ihrer Schule angstfrei lernen, keine soziale Ausgrenzung erfahren und selbstsicher und gestärkt in die weiterführenden Schulen wechseln können. Der Grundschulpädagoge Professor Hans Brügelmann erläuterte: „Lehrer/innen und Eltern, die eigene Erfahrungen mit alternativen Beurteilungsformen haben, stehen dem Verzicht auf Noten deutlich positiver gegenüber als die immer noch skeptische Mehrheit der Bevölkerung.“
Die GEW erwartet, dass der Schulversuch verlängert und eine wissenschaftliche Begleitung eingerichtet wird. „Die Kultusministerin hat keine inhaltliche Begründung für die Streichung des Schulversuches geliefert. Mit Bildungspolitik nach Bauchgefühl wird es nicht gelingen, die Qualität in unseren Schulen zu steigern. Der Schulversuch zeigt, dass es andere Wege gibt, Leistung zu messen und den Schüler/innen und ihren Eltern wertvolle und differenzierte Rückmeldungen ohne Noten zu geben“, sagte Moritz.

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