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Erinnerungen wachhalten

05.07.2018 - b&w-Artikel, Maria Jeggle

Zahlreiche Gedenkorte in Baden-Württemberg erinnern an die Nazi-Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg. Viele Gedenkstätten initierten Ehrenamtliche – und darunter sind reichlich GEW-Mitglieder. Ein Besuch der KZ-Gedenkstätte in Vaihingen/Enz.

Rund 70 Lern- und Gedenkorte in Baden-Württemberg sorgen dafür, dass die Nazi-Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg nicht vergessen werden. Viele Gedenkstätten initierten Ehrenamtliche, nicht selten sind Lehrkräfte beteiligt, die in der GEW aktiv sind. Die Orte sollen Geschichte vermitteln und politisches Urteil schärfen. Die KZ-Gedenkstätte in Vaihingen/Enz ist eine davon.

Trotz Wintermantel, Schal und Handschuhen war es Mitte März 2018 unangenehm kalt. Jörg Becker führt eine kleine Gruppe von Lehrkräften durch die KZ-Gedenkstätte Vaihingen/Enz. In Decken eingehüllt schauen sie sich in einer kühlen Halle über den Fundamenten der ehemaligen Bade- und Entlausungsbaracke eine Video-Installation an, die die Verbrechen an diesem Ort der letzten beiden Kriegsjahre 1944/45 unter die Haut gehen lässt.

Alle waren froh, dass die Führung in warmen Räumen weiterging. Unvorstellbar, dass hier im Januar 1945 bei 15 Grad Minus Menschen in ungeheizten, stinkenden Baracken ausharren mussten. Sie waren todkrank, völlig erschöpft, hungrig, schmutzig, verlaust. Es fehlten Medikamente, Verbandzeug oder Decken. Die Strohsäcke enthielten kaum noch Stroh. Im Februar, nachdem der Flecktyphus ins Lager eingeschleppt wurde, starben durchschnittlich jeden Tag 33 Häftlinge. In das Vaihinger Lager wurden Kranke aus anderen Konzentrationslagern abgeschoben, um zu verhindern, dass in den dortigen Arbeitslagern Seuchen ausbrachen.

Davor hatte das Lager eine andere Funktion. Es gehörte zum KZ-Komplex Natzweiler im Elsass. Vom August bis Oktober 1944 waren hier 2.187 jüdische KZ-Häftlinge untergebracht, die auf einer nahegelegenen Baustelle schuften mussten. Dort sollte eine unterirdische Fabrikanlage, ein sogenanntes Bunkerwerk für Flugzeugteile entstehen. Auf der Baustelle in einem Steinbruch wurde rund um die Uhr in Zwölf-Stunden-Schichten sieben Tage die Woche gearbeitet. Zu essen gab es mittags Rübensuppe und abends wenig Brot. Wenn es bei der Arbeit nicht schnell genug ging, attackierten SS-Wachen die Häftlinge mit Schlägen. Da die alliierten Luftangriffe zunahmen und nicht mehr damit gerechnet wurde, dass das Rüstungsprojekt fertig wird, wurde die Baustelle aufgegeben.

Aus dem Arbeitslager wurde ein Sterbelager. Am 7. April 1945 befreite die französische Armee schätzungsweise 650 Überlebende. Rund 1.700 kamen ums Leben.

Entstehung der Gedenkstätte

An diese Gewaltverbrechen soll eine Mahn- und Gedenkstätte erinnern. Das nahmen sich Lehrkräfte des GEW-Kreises Ludwigsburg fest vor, als sie im Herbst 1987 eine Kreisrundfahrt „Auf den Spuren des Dritten Reiches“ unternahmen. Sie vermissten eine Gedenkstätte im Kreis Ludwigsburg, die Schüler/innen und Erwachsenen die Verbrechen der damaligen Zeit vor Augen führt.

Das KZ Vaihingen eignet sich als Gedenkstätte, weil es einerseits das größte im Kreis war, andererseits war das Lager aufgrund von Forschungsarbeiten gut dokumentiert. Einen KZ-Friedhof gab es bereits. Er wurde an der Stelle der Massengräber errichtet und im November 1958 eingeweiht. Die typhusverseuchten Baracken wurden 1945 abgebrannt.

Aus der GEW-Initiative entstand zunächst ein Initiativ-Kreis „KZ-Gedenkstätte Vaihingen a. d. Enz“ und später ein Trägerverein, der in jahrelanger Arbeit mit Unterstützung des Landkreises und der Stadt Vaihingen die Gedenkstätte errichtete und betreibt. 17 Jahre dauerte es, bis die Gedenkstätte in Vollbetrieb ging. Erst vor wenigen Monaten wurde ein Seminarraum für Schüler/innen bezugsfertig. In der Gedenkstätte steckt viel konzeptionelle, ehrenamtliche und professionelle Arbeit, großes Durchhaltevermögen und mehr Geld, als man den einfachen Hallen und Gebäuden ansieht. Zur Finanzierung waren daher viele Partner nötig. Zuschüsse kamen auch vom Bund, Land Baden-Württemberg und der Europäischen Kommission.

Jörg Becker war von Anfang an im Vorstand dabei. Er gehört heute zu den 110 Mitgliedern des Vereins und ist immer noch aktiv. Er war 29 Jahre lang Geschichtslehrer der Realschule in Ditzingen. Es ist ihm nach wie vor ein großes Anliegen, dass Schüler/innen Geschichte heimatnah erleben. Zahlreiche Klassen haben er und andere Aktive des Vereins durch die Gedenkstätte geführt. Rund 60 Klassen kommen pro Jahr. Becker wirbt dafür, dass Schulen eher in die ortsnahe Gedenkstätten gehen, als beispielsweise ins ferne Dachau.

Lehrkräfte im Ruhestand gesucht

Schüler/innen können für Referate (zum Beispiel GFS-Arbeiten) zu Themen rund um Gedenkstätten hierher kommen, sich beraten lassen und Materialien erhalten. Nachdem sie eingearbeitet sind, führen Schüler/innen oft ihre Klasse durch die Gedenkstätte. Auch Jugendführer/innen können sich vom Verein ausbilden lassen. Wenn Schüler/innen Gleichaltrige durch die Gedenkstätte führen, freuen sich die ehemaligen Lehrkräfte ganz besonders. Es ist allerdings nicht so leicht, Jugendliche dafür zu gewinnen.

Der Verein sucht aber nicht nur jungen Nachwuchs. Auch Lehrkräfte im Ruhestand, die Interesse haben, die Gedenkstätte ehrenamtlich am Laufen zu halten, sind herzlich willkommen.

Zur Lehrerfortbildung bietet der Verein zusammen mit der GEW Nordwürttemberg im Herbst jährliche „Lehrersamstage“ an. Die Fortbildung soll die Gedenkstätte bekannter machen und Anregungen für Unterrichtsgestaltungen geben. In mehrjähriger Arbeit entstand beispielsweise ein Medienkoffer, den Schulen erwerben können. Die Materialien dienen auch dazu, einen Besuch der Gedenkstätte vor- und nachzubereiten.

Becker findet es wichtig, dass Klassen vorbereitet sind, wenn sie das ehemalige KZ besuchen. „Das ist ein sensibler Ort“, erklärt der pensionierte Lehrer. Keinesfalls dürfe die Gedenkstätte zur zeitlichen Überbrückung bis zu den Ferien genutzt werden. Dann hätten die Schüler/innen meist kein Interesse und es fehle auch die dringend nötige Nacharbeit.

„Auch heute noch müssen wir für unsere Menschenrechte einstehen“, sagt Becker. Es sei wichtig, dass Schüler/innen an Orten wie diesen über Ausgrenzung, Grundrechte, Menschenbilder und Demokratie reflektieren. Nachhaltig beeindruckt haben ihn die Begegnungen und Gespräche mit Überlebenden, die seit 1955 immer wieder nach Vaihingen kommen. Manche hätten erst angefangen zu erzählen, als Schüler/innen Fragen gestellt haben. Mittlerweile sind die meisten gestorben.

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