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ICILS 2018Fünf Jahre digitaler Stillstand

2013 wurde zum ersten Mal die International Computer and Information Literacy Study (ICILS) durchgeführt. Die internationale Vergleichsstudie untersucht computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Jugendlichen in Klasse 8. Jetzt wurden die Ergebnisse der zweiten Studie aus 2018 veröffentlicht.

07.02.2020 - David Warneck, Leiter des Arbeitskreises Digitalisierung im Bildungswesen

In Deutschland beteiligten sich an der Untersuchung 210 Schulen. Dabei wurden neben Schüler*innen auch Lehrkräfte, Schulleitung und IT-Koordinator*innen befragt. Die Erhebung wurde so angelegt, dass zwischen Gymnasien und anderen Schularten der Sekundarstufe 1 unterschieden werden kann. In Baden-Württemberg war die Teilnahme verpflichtend.

Schulart, Geschlecht, soziale Herkunft und Migrationshintergrund machen weiter den Unterschied

Insgesamt haben sich die computer- und informationsbezogenen Kompetenzen mit 518 Punkten seit 2013 (523) kaum verändert. Sie liegen weiterhin knapp über dem internationalen Mittelwert (496). Die Schüler*innen an ­Gymnasien erreichen aber mit 568 Punkten eine signifikant höhere Leistung als die Schüler*innen der anderen Sekundarschulen. Die Differenz ist 8 Punkte höher als 2013.
Während nur ein Drittel aller Jugendlichen über rudimentäre Kompetenzen verfügt, sind knapp die Hälfte in der Lage, unter Anleitung Informationen zu ermitteln, Dokumente mit Hilfestellung zu bearbeiten und einfache Informationsprodukte zu erstellen. Nur 22 Prozent erreichen die höchste Stufe und können digitale Medien selbstständig und reflektiert nutzen.Mädchen erreichen im Schnitt 16 Punkte mehr als Jungen und damit einen signifikant höheren Wert. Dieser Unterschied wurde bereits 2013 festgestellt. Die Ergebnisse weisen mit einem Plus von bis zu 51 Punkten zudem deutliche höhere Werte bei Schüler*innen ­sozial privilegierter Milieus auf. Ein ähnlicher Unterschied zeigt sich im Vergleich von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund (534) und Jugendlichen, bei denen beide Elternteile im Ausland geboren wurden (494).

Ausstattung, Infrastruktur und Fortbildung haben sich nicht verbessert

Etwa 10 Schüler*innen müssen sich an deutschen Schulen einen ­Computer teilen. Dieser Wert ist seit 2013 nur leicht gesunken (11,5:1). Der internationale Vergleich ist besonders interessant: In den USA beträgt das Verhältnis z.B. 1,6:1, in Finnland 3,4:1 und in Dänemark 4,6:1. Noch schlechter ist in Deutschland die Ausstattung mit mobilen Geräten wie Laptops (67,8:1) oder Tablets (41,4:1). Nur an 3 von 100 Schulen wird Lehrkräften ein dienstliches Gerät zur Verfügung gestellt. Der ICILS-Schnitt liegt hier bei 24,1 Prozent. Während der internationale Mittelwert beim Zugang zu schulischem W-LAN für Schüler*innen und Lehrkräfte bei 64,7 Prozent liegt, schneidet Deutschland mit 26,2 Prozent ebenfalls sehr schlecht ab. Dabei ist die Leistungsfähigkeit der Internetverbindung in den letzten Jahren sogar geringer geworden. Nur 13,2 Prozent der IT-Koordinator*innen geben an, dass der technische Support ausreichend ist. Ein pädagogischer Support ist nicht mal an jeder zehnten Schule vorhanden.
Ein weiteres Problem liegt im Bereich der Fortbildung. Zwischen 2016 und 2018 haben weniger als ein Drittel der Lehrkräfte an einem Kurs oder einem Webinar zur Integration digitaler Medien im Unterricht teilgenommen. Im internationalen Schnitt trifft dies dagegen auf rund die Hälfte aller Lehrkräfte zu.
Schließlich finden regelmäßige Diskussionen über den Einsatz digitaler Medien im Unterricht (z. B. in Konferenzen) auch nur an jeder dritten Schule satt.

Zeitgemäße Bildung erfordert Mut, Entschlossenheit und Ressourcen

Obwohl sich die Rahmenbedingungen seit 2013 nicht verbessert haben, hat sich die Zahl der Lehrkräfte, die digitale Medien in ihrem Unterricht einsetzen, fast verdoppelt. Auch die Potenziale, die sich daraus ergeben können, werden von einem Großteil positiv wahrgenommen. Die meisten Schulleitungen wünschen sich zudem, dass der Umgang mit digitalen Medien und die Förderung computerbezogener Fähigkeiten einen höheren Stellenwert einnehmen sollten.

Es ist die Aufgabe von Schule, Schüler*­innen zu mündigen Bürger*innen zu erziehen. Sowohl in weiten Teilen der Gesellschaft als auch in der Wirtschaft finden digitale Transformationsprozesse statt. Um Teilhabe in einer zunehmend digital geprägten Welt zu ermöglichen, kommt zeitgemäßer Bildung (s. Kasten) deshalb eine besondere Bedeutung zu: Wie können Jugendliche – unabhängig von Schulart, sozialer und kultureller Herkunft sowie Geschlecht – auf sich verändernde berufliche Anforderungen vorbereitet werden? Was ist nötig, damit nicht nur ein kleiner Teil der Kinder und Jugendlichen digitale Medien selbstbestimmt und reflektiert nutzen kann?

Mit Sicherheit spielen die technischen Voraussetzungen (IT-Infrastruktur, Geräte und Support) eine entscheidende Rolle. Die Mittel aus dem Digitalpakt sind ein Anfang, aber nicht nachhaltig. D­eshalb braucht es mehr Entschlossenheit. Anstatt Multimediaempfehlungen oder Digitalisierungshinweisen braucht es ein klares Bekenntnis von Land und Kommunen, die Schulen angemessen auszustatten. Laut Studie ist das Präsentieren von Informationen im Frontalunterricht die häufigste Form, wie digitale Medien im Unterricht eingesetzt werden. Die Chancen, die sich beispielsweise für die individuelle Förderung ergeben, werden bislang kaum genutzt. Medienbildung muss daher ein verbindlicher Bestandteil in Studium, Vorbereitungsdienst und Fortbildungen sein.

Am Ende braucht es aber vor allem Mut: Es darf nicht beliebig sein, wie oder in welchem Umfang die Leitperspektive Medienbildung Eingang in den Unterricht findet. Es braucht einen Konsens an der Schule, einen regelmäßigen Austausch im Kollegium, die Bereitschaft voneinander zu lernen und offen für neue Ideen zu sein. Es muss erlaubt sein, Konzepte auszuprobieren, zu scheitern und wieder neu anzupassen. ­Weitere fünf Jahre Stillstand können wir uns nicht leisten

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