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„Geradezu verpflichtet, in Kinder und Jugendliche zu investieren!“

Dr. Ulrich Bürger vom Kommunalverband Jugend und Soziales (KVJS) berichtete Mitte Oktober auf der Jahrestagung der Aktion Jugendschutz (ajs) über den demografischen Wandel in Baden-Württemberg. Er erklärte, warum – gerade weil die Zahl der Kinder und Jugendlichen abnimmt – mehr in Bildung und in Kinder- und Jugendhilfe investiert werden muss.

19.12.2016 - b&w-Artikel, Heike Herrmann

Nachdem der erste Bericht im Jahr 2010 auf großes landesweites Interesse gestoßen war, veröffentlichte der KVJS fünf Jahre später die Fortschreibung „Kinder und Jugendhilfe im demografischen Wandel – Herausforderungen und Perspektiven in einer alternden Gesellschaft“. Grundlage für die Berechnungen sind Datenquellen des statistischen Landesamtes vom Dezember 2015.
Die Ergebnisse helfen Stadt- und Landkreisen, Handlungsbedarfe für junge Menschen und ihre Familien besser einzuschätzen. Die Zahlen sind auch für die Entwicklung von Ganztagsschulen und die Kinder- und Jugendhilfe interessant.

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen nehme stetig ab, sie gerieten sozusagen in eine Minderheit, was Auswirkungen auf die Wahrnehmung ihrer Interessen und Bedürfnisse haben werde, referierte der Verfasser des Berichts, Ulrich Bürger, auf der Veranstaltung der ajs. Gerade in ländlichen Regionen würden Kinder und Familien mehr denn je auf eine breite bürgerschaftliche und (kommunal-) politische Lobby angewiesen sein. Politik müsse begreifen, dass wir uns um diese Bevölkerungsgruppe besser kümmern müssten.

Die Gruppe der Erwerbstätigen (21- bis 65-Jährige), die mit ihren Beiträgen in soziale Sicherungssysteme allen Gesellschaftsmitgliedern Perspektiven auf Teilhabe sichern, nimmt ab 2020 kontinuierlich ab. 2060 stellt diese Altersgruppe nur noch knapp die Hälfte der Bevölkerung. Was das für die Gesellschaft bedeute, schilderte Bürger so: „Arbeitskräfte werden zunehmend fehlen. Maßnahmen, wie die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, können den Trend nicht aufhalten.“ Baden-Württemberg brauche die Zuwanderung von Menschen und das Land könne es sich zukünftig nicht mehr leisten, dass rund ein Viertel der Menschen im erwerbsfähigen Alter nicht arbeite. Ein Teil der nicht Erwerbstätigen im Alter ab 21 Jahren seien junge Menschen, die den Berufseinstieg aufgrund mangelnder Teilhabe an Bildungsprozessen nicht meistern könnten.
Bürger verwies auf den Zusammenhang von sozialer Herkunft und mangelnden Bildungschancen. Innerhalb Deutschlands zeige sich dies in Baden-Württemberg besonders drastisch. Das alte Leitthema aus der Jugendhilfe „Kein/e Jugendliche/r darf verloren gehen“ werde nicht umgesetzt. Er schlussfolgert: „Wir müssen Bildung der jungen Generation vielfältiger und besser gestalten, sowohl in als auch außerhalb der Schulen. Dafür müssen wir entschieden mehr in Bildung und in Kinder- und Jugendhilfe investieren.“ Die Herausforderung gewinne zusätzlich an Bedeutung, da der Anteil der Kinder aus bildungsfernen Familien und aus Familien mit Migrationshintergrund zunehmen werde.

Verteilungskonflikte nicht auf Kosten von Kindern und Jugendlichen

Während die Zahl der 21- bis 65-Jähigen kontinuierlich zurückginge, würden Menschen über 65 Jahre um fast 50 Prozent steigen (siehe Statistik), besonders die Zahl der über 85-Jährigen verdreifachte sich bis 2060. Bürger betonte, dass es sich keinesfalls um Spekulationen handle, die 85-Jährigen im Jahr 2060 seien die heutigen 40-Jährigen.
Die Grundsicherung im Alter und die Sicherung von Pflegeleistungen für die vielen hochbetagten Menschen würden die Sozialleistungen und kommunalen Haushalte belasten, die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe, vielfach Kann-Leistungen, stünden dazu in Konkurrenz. Keinesfalls aber dürfe ein Verteilungskonflikt auf Kosten der Kinder und Jugendlichen stattfinden.
Wenn die gesellschaftliche Zukunftsgestaltung und -sicherung im demografischen Wandel gelingen soll, seien mehr Debatten um die Prioritätensetzung in der Ausgabenpolitik von Kommunen, Land und Bund erforderlich. Und da es keine Formel zu Vermehrung von Ressourcen gebe, müsse das Spannungsverhältnis zwischen steigendem privaten Reichtum eines Teils der Bevölkerung und der Armut in Teilen von öffentlichen Haushalten zum Thema werden.

Wie dringend junge Menschen und ihre Familien jetzt Unterstützung brauchen, verdeutlichte ein zusätzlicher Blick auf den sogenannten Versorgungsquotienten „VQ“. Wenn heute 100 Erwerbstätige 67 Menschen unter 21 und über 65 Jahren mit versorgen, so schnelle die Zahl ab 2030 auf 78 Menschen hoch und im Jahr 2060 sogar auf 92.
Bürger erklärte: „Da diese stürmischen Entwicklungen unumkehrbar sind, muss das heutige Ziel sein, so viele unter 21-Jährige wie möglich ohne Verluste und mit reellen Teilhabechancen als Zukunftsträger/innen in das mittlere Alterssegment der Gesellschaft mitzunehmen. Jetzt müssen Prioritäten zugunsten der jungen Menschen gesetzt und Geld für sie in die Hand genommen werden.“
Was zunächst paradox erscheine, sei mit Blick auf die Zahlen folgerichtig: Die Zahl junger Menschen gehe zurück, das Engagement und die Investitionen in die nachwachsende Generation müsse jedoch steigen. „Die Geschwindigkeit und die Ernsthaftigkeit, mit der dieser Sachverhalt zur Kenntnis genommen und in konkretes Handeln umgesetzt wird, entscheidet ganz wesentlich über die Zukunftschancen der Städte und Gemeinden“, mahnte der Experte des KVJS.
Da sich der Wandel regional enorm unterschiedlich vollziehe, sei es für Stadt- und Landkreise wichtig, die Entwicklungen differenziert zu betrachten und entsprechend zu planen. Elementare Grundsätze seien generationenübergreifendes Denken und Handeln, Kinder- und Familienfreundlichkeit und der Umgang mit Vielfalt. Ohne Migration wäre die wirtschaftlich erfolgreiche Entwicklung von Baden-Württemberg nicht denkbar gewesen und ohne weitere Zuwanderung werde dies zukünftig auch nicht denkbar sein. Durch Sozialraumorientierung müsse Armutsrisiken begegnet werden. Und: „Wer nicht erst ausgrenzt, muss später nicht inkludieren“, sagte Bürger.

Auswirkungen auf die Kinder- und Jugendhilfe

Die Altersgruppe der Kinder unter sechs Jahren steigt als einzige Gruppe wieder. Für die Kindertageseinrichtungen sind folglich mehr Investitionen notwendig. Um dem Qualitätsanspruch gerecht zu werden, müssten Gruppengrößen und Personalschlüssel verbessert werden. Dort, wo die Zahlen rückläufig seien, müsse die Chance genutzt werden, um in Familienzentren bzw. Generationenhäuser zu investieren. Auch gemeindeübergreifende Kooperationen sollten angedacht werden. Die Schulsozialarbeit sei, so Bürger, ein Handlungsfeld jenseits demografischer Tendenzen, denn Schulsozialarbeit führe zur konstruktiven Bereicherung des Lern- und Lebensortes Schule. Wichtig sei, das Förderprogramm des Landes aufrecht zu erhalten und somit auf Stabilität und Qualitätsentwicklung des Arbeitsfelds hinzuwirken.
Auch wenn die Zahl der jungen Menschen zurückgehe, dürfe die Angebotsvielfalt der Kinder- und Jugendarbeit nicht darunter leiden. Vielfältige Lern- und Erfahrungsfelder seien für Kinder und Jugendliche von außerordentlicher Bedeutung. An eine Reduzierung der Beschäftigten sei daher nicht zu denken.

Mit zunehmendem Ausbau der Ganztagsschulen werde die Kinder- und Jugendhilfe auch Ressourcen für die Kooperation mit der Schule brauchen. Diese könne für alle Beteiligten im Sinne der Kinder und Jugendlichen sehr sinnvoll und fruchtbar sein. Es sei darauf zu achten, dass die Kinder- und Jugendhilfe ihr sozialpädagogisches Profil bewahre.
Am Beispiel der Hilfen zur Erziehung (HzE) verdeutlichte der KVJS-Experte, dass nicht allein demografische, sondern auch gesellschaftliche Entwicklungen eine wichtige Rolle spielen. Obwohl die Zahl der Kinder und Jugendlichen seit einigen Jahren rückläufig sei, nähmen die HzE zu. Das Aufwachsen in Armut oder an der Armutsgrenze, Rahmenbedingungen bei Alleinerziehenden oder in Stiefelternkonstellation erhöhten den Bedarf der HzE. Ziel müsse sein, frühzeitig zu investieren und die Rahmenbedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen zu verbessern, noch bevor die HzE in Anspruch genommen werden müssten.

Ulrich Bürger appellierte an Entscheidungsträger, für eine konsequente Ausgestaltung einer kinder- und familienfreundlichen, sozialen Infrastruktur zu sorgen. Die Partizipation von Kindern und Jugendlichen spiele in einer alternden Gesellschaft eine noch größere Rolle, ebenso die Beseitigung von Armut. Alle jungen Menschen müssten sich unter guten Rahmenbedingungen gut entwickeln und an einer umfassenden Bildung teilhaben können. Um zukünftig auch Personal für diese Aufgaben zu gewinnen, müssten die Berufsfelder attraktiver werden.

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