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Schuljahr 2018/19Guter Unterricht entsteht nicht durch Handreichungen und Ankündigungen

Landesvorsitzende Doro Moritz kritisiert die Ankündigungspolitik von Kultusministerin Eisenmann. Zahlreiche Beispiele belegen: Nichts wird getan, um in Zukunft eine gute Unterrichtsversorgung sicherzustellen – und dann ist da noch der Lehrermangel.

13.09.2018

„Kultusministerin Susanne Eisenmann hat seit ihrem Amtsantritt vor mehr als zwei Jahren in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt, Probleme im Schulbereich ernsthaft anzupacken. Probleme gelöst hat sie nicht“, sagte Doro Moritz, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg, auf der GEW-Pressekonferenz zum Schuljahresanfang. Zahlreiche Beispiele belegen die Ankündigungspolitik der Ministerin.

Das Hauptproblem im neuen Schuljahr wird der Lehrermangel sein. An Grundschulen bleiben rund 500 Stellen unbesetzt, an beruflichen Schulen 350. Sehr schwierig ist die Unterrichtsversorgung an Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ). Auch an den Haupt- und Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen gab es für mehr als 400 Stellen keine Bewerberinnen und Bewerber.

Als Gegenmaßnahmen verlangt die GEW unter anderem: zusätzliche Studienplätze für das Lehramt an Grundschulen und Sonderpädagogik und attraktivere Weiterqualifizierung von Grund- und Hauptschullehrkräften zu Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen. Mehr Lehrkräfte könnten mit einer höheren Altersermäßigung bis zur gesetzlichen Altersgrenze arbeiten (derzeit 26 Prozent).

„Es wird nichts getan, um auch in zehn bis 15 Jahren eine gute Unterrichtsversorgung sicherzustellen. Die Behauptung, dass die Studienplätze ausreichen, wird vom Kultusministerium ohne Belege in den Raum gestellt, und die von der GEW vorgelegten Zahlen werden zur Seite geschoben“, kritisierte die GEW-Chefin.

Besonders ernüchternd ist, dass die Ministerin vieles öffentlichkeitswirksam ankündigt, aber schlüssige Konzepte vermissen lässt. Moritz nannte vom Ausbau der Ganztagsschule über die fehlende Bezahlung befristet beschäftigter Lehrkräfte bis zur Stärkung der Schulleitungen ein Dutzend Beispiele.

Handreichung Rechtschreibrahmen

Das Kultusministerium lässt einen Rechtschreibrahmen erarbeiten und schickt die 65 Seiten in mehrfacher Ausfertigung an alle Schulen. „Handreichungen für Lehrkräfte führen nicht zu besseren Schülerleistungen“, sagte Moritz. Die Schülerinnen und Schüler bräuchten im Unterricht mehr Zeit zum Üben.

Auch eine Handreichung zur Klassenführung wird nach der Sommerpause den Schulen zur Verfügung stehen. Auf 43 Seiten sind Hinweise entstanden, die Lehrkräfte bei der Schaffung eines Rahmens für erfolgreichen Unterricht unterstützen sollen. Moritz sagte: „Angesichts der Heterogenität der Klassen sollte ‚Klassenführung‘ nicht überbewertet werden, weil sonst die Lehrkräfte für die Situation verantwortlich gemacht werden. Verhaltens- und Entwicklungsprobleme von Kindern und Jugendlichen brauchen häufig eine weitergehende Unterstützung.“

Zum Schuljahr 2017/18 wurden die Stunden für Vorbereitungsklassen (VKL) und Klassen des Vorqualifizierungsjahrs Arbeit und Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen (VABO) deutlich gekürzt. Diese Kürzung wird erfreulicherweise jetzt für die beruflichen Schulen weitgehend zurückgenommen. Die Beibehaltung der Kürzung an den allgemeinbildenden Schulen trägt der integrationspolitischen Verantwortung nicht Rechnung. Diese Klassen erhalten weiterhin nur zwölf beziehungsweise 16 Stunden pro Woche. Über weitere Stunden entscheidet das Staatliche Schulamt.

„Handreichungen für Lehrkräfte führen nicht zu besseren Schülerleistungen. Die Schülerinnen und Schüler brauchen im Unterricht mehr Zeit zum Üben.“ (Doro Moritz)

Vollerhebung Unterrichtsausfall

Erstmals wurde im Juni 2018 eine Vollerhebung des Unterrichtsausfalls durchgeführt. Sie soll künftig mehrfach pro Jahr durchgeführt werden und macht den Schulleitungen eine Menge Mehrarbeit. „Was nützen den Schulen diese Zahlen?“ fragte Moritz. Die Erhebung erfasst nicht, ob schon zu Beginn des Schuljahres wegen Lehrermangels größere Klassen gebildet werden mussten, keine Arbeitsgemeinschaften und Fördermaßnahmen angeboten werden oder gar Pflichtunterricht gekürzt wurde. Sie erfasst nur, welcher Unterricht des geltenden Stundenplans nicht erteilt beziehungsweise vertreten wurde.

Dass diese Erhebung wenig mit der Realität an den Schulen zu tun hat, wird daran deutlich, dass an den Grundschulen mit 1,2 Prozent am wenigsten Unterricht ausfällt. Der rechnerisch geringe Unterrichtsausfall kommt zustande, weil die Kinder nicht nach Hause geschickt werden können. Die Grundschullehrerinnen und -lehrer leisten Mehrarbeit oder die Kinder werden auf andere Klassen verteilt. Die Grundschule hat im Unterschied zu allen anderen Schularten keine frei verfügbaren Stunden, die wegfallen könnten.

An Gymnasien und beruflichen Schulen ist der Ausfall mit 6,6 beziehungsweise 6,0 Prozent am höchsten. Die älteren und selbstständigen Schülerinnen und Schüler können heimgeschickt werden.

Moritz betonte: „Kritik an der Statistik erhebe ich, weil keinerlei Ansätze für Abhilfe erkennbar sind. Die Schulen brauchen eine höhere Vertretungsreserve. Sie kostet Geld, die das Land nicht bereit ist auszugeben. Dabei bietet sich jetzt eine gute Gelegenheit, um arbeitslose Gymnasiallehrkräfte im Landesdienst zu binden. 6.000 bis 7.000 Langzeitausfälle pro Schuljahr sollen mit einer Vertretungsreserve im Umfang von 1.666 Deputaten aufgefangen werden. Da hilft keine noch so gute Dokumentation. Die Vollerhebung ist Aktionismus. Sonst nichts.

Stärkung der Schulleitungen fehlt

Es herrscht nicht nur Lehrermangel, sondern auch Schulleitermangel. „Sehr früh hat Eisenmann Maßnahmen angekündigt. Wir brauchen Verbesserungen in der Besoldung und in der Leitungszeit für die administrativen und gestalterischen Aufgaben. Nichts hat sich getan.“

Für die Veränderungen im Ganztag der Grundschule setzt die Ministerin auf Flexibilisierung. „Ein paar Millionen Euro für die Kommunen für flexible Betreuungsangebote soll es geben, weil das dem Elternwillen beziehungsweise dem Wählerwillen entspricht. Ein guter Ganztag kostet Lehrerwochenstunden. Genau das wollen die Kultusministerin und die CDU-Fraktion vermeiden. Ich hoffe, dass die Grünen klare Kante zeigen“, sagte Moritz.

Der Auftakt zum Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt wurde öffentlichkeitswirksam gestaltet. Moritz erklärte: „Da in jeder Schulklasse statistisch rund zwei Schülerinnen und Schüler von sexueller Gewalt betroffen sind, verdient das Thema große Aufmerksamkeit. Doch was bietet das Kultusministerium? Keinerlei zusätzliche Zeit weder für gemeinsame Arbeit des Kollegiums für den Aufbau des Schutzkonzepts noch für die Teilnahme an der Fortbildung. Entsprechend begrenzt wird die Wirkung dieses Angebots sein.“

Änderungen zum Schuljahr 2018/19

In den Klassen 1 und 2 der Grundschule werden vier Stunden Fremdsprache gestrichen. Diese Stunden sind jetzt weiterhin Pflichtunterricht für alle Schülerinnen und Schüler und werden für Förderung genutzt. In keiner anderen Schulart würde Pflichtunterricht gestrichen, um Förderstunden zu gewinnen.

Der Schulversuch „Grundschule ohne Noten“ wird beendet. „Es ist einfach unglaublich, dass der Eindruck erweckt wird, der Verzicht auf Noten sei mit dem Verzicht auf Leistung gleichzusetzen“, sagte die GEW-Vorsitzende. „Eltern sowie Schülerinnen und Schüler sind mit konkreten Rückmeldungen wesentlich besser informiert.“

Offiziell wurde der Schulversuch gestoppt, weil er nicht wissenschaftlich begleitet war. Es gibt in Baden-Württemberg 132 Schulversuche, davon 109 an beruflichen Schulen. Kaum einer ist wissenschaftlich begleitet. Kein anderer wurde gestoppt. Der Schulversuch „Grundschule ohne Noten“ ist der einzige, der keine einzige Lehrerwochenstunde kostet.

Eine wichtige Neuerung in diesem Schuljahr ist der Start der gymnasialen Oberstufe an den Gemeinschaftsschulen in Konstanz und Tübingen. Moritz kritisierte: „Die intensive Diskussion über die Anmeldezahlen will die Gemeinschaftsschulen schwächen. Über Oberstufen an Gymnasien, die die Zahl 60 nicht erreichen, wurde noch nie diskutiert. Eindrucksvoll viele Schülerinnen und Schüler, die mit einer Hauptschulempfehlung an die Gemeinschaftsschule kamen, haben jetzt ihre Mittlere Reife gemacht.

Bildungswege offenhalten – das ist ein wichtiges Element der Gemeinschaftsschule. Viele der Starterschulen erzielen außergewöhnlich positive Leistungsergebnisse. Dazu schweigen Kultusministerin Eisenmann und die CDU. Das ist sehr auffällig. Stattdessen setzen sie die Strategie der Verunsicherung fort.“

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