GEW Baden-Württemberg
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Gymnasien auf Kurs?

16.07.2018

Mehr als 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler wechseln von der Grundschule auf das Gymnasium und wollen das Abitur machen. Daraus ergeben sich enorme Herausforderungen für die Lehrkräfte an den Gymnasien.

Der Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft und individuelle Förderung ist auch für die Gymnasien ein wichtiges Thema. Hinzu kommen permanente strukturelle Veränderungen und unabgeschlossene Debatten um die Dauer der gymnasialen Schulzeit.

Die Gymnasien sind die beliebteste weiterführende, mehr als 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler wechseln von der Grundschule auf das Gymnasium Schulart, die Ansprüche wachsen. Die Bedingungen, unter denen die Lehrkräfte an Gymnasien arbeiten, haben sich indessen in den letzten Jahren kontinuierlich und deutlich verschlechtert.

Alte und neue Herausforderungen

  • Die Entscheidung der grün-roten Landesregierung, 44 Standorte für einen „Modellversuch G9“ zuzulassen, hat die Diskussionen um die Dauer der gymnasialen Schulzeit nicht beruhigt. Im Gegenteil bleibt diese Frage offen.
  • Progressive Lösungsvorschläge für eine grundlegende Neukonzeption der Oberstufe, wie sie aus der Arbeitsgruppe „Abitur im eigenen Takt“ vorgeschlagen werden, finden dagegen kein Gehör.
  • 2017 wurden Eckpunkte für eine Reform der gymnasialen Oberstufe beschlossen, die ab dem Schuljahr 2019/20 gelten sollen. Unter anderem werden dann auf erweitertem Niveau drei fünfstündige Kurse unterrichtet. Zwei dieser drei verpflichtenden „Leistungsfächer“ müssen aus dem Fächerkanon Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften stammen.
  • Die Abiturprüfung umfasst drei schriftliche und zwei mündlichen Prüfungen. Die Präsentationsprüfung wird abgeschafft, man kehrt zum früheren Format der mündlichen Prüfungen zurück.
  • Rhythmisierter Ganztag ist noch nicht möglich, Inklusion an vielen Gymnasien noch nicht angekommen – es gibt weder zeitliche noch personelle Ressourcen.
  • Bei der Digitalisierung hinken Ausstattung sowie Fort- und Weiterbildung weit hinter den gesellschaftlichen Erwartungen her.

Gymnasien brauchen bessere Bedingungen

Für die GEW hat die Qualität gymnasialer Bildung einen hohen Stellenwert: Eine hohe Fachlichkeit verbunden mit individueller Förderung der jungen Menschen soll ihnen alle Wege zu Studium und Beruf eröffnen. Um diese Ziele tatsächlich zu erreichen, bedarf es für die Lehrkräfte an Gymnasien einer deutlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Wir fordern daher:

  • eine Erhöhung des allgemeinen Entlastungskontingents,
  • eine Steigerung der Vertretungsreserve auf 106 Prozent der Beschäftigten, auch für fortbildungsbedingte Abwesenheiten,
  • eine Klassenleitungsstunde für alle Jahrgangsstufen der Sekundarstufe I,
  • zusätzliches Budget, um das Lernen an außerschulischen Lernorten zu ermöglichen,
  • Medienausstattung, die didaktisch zeitgemäßes Unterrichten ermöglicht,
  • professionelle Betreuung von Medien und Netzwerken,
  • Schaffung von Arbeitsplätzen für Lehrkräfte,
  • arbeitsfördernde und gesunderhaltende Arbeitsbedingungen durch die Modernisierung von Schulgebäuden,
  • Absenkung des Klassenteilers auf 25 Schüler/innen und
  • die Reduzierung des Deputats auf 23 Wochenstunden.

Aktuelle Debatten: Position der GEW

Arbeitszeit

Eine wissenschaftliche Studie der GEW Niedersachsen aus dem Jahr 2016 und aktuelle Ergebnisse der „Studien zur Arbeitszeit von Lehrkräften in Deutschland“ belegen:

  • Vollzeitlehrkräfte leisten in beträchtlichem Umfang unbezahlte Mehrarbeit!
  • Teilzeitkräfte sind besonders belastet!
  • Lehrer/innen arbeiten ständig unter Stress und dauerhaft zu viel!

In Baden-Württemberg ist das nicht anders. Wir fordern eine Absenkung des Deputats und mehr Anrechnungsstunden für die zusätzlichen Aufgaben!

Oberstufenreform

Die GEW begrüßt die Erweiterung der Fächerauswahl im Sinne einer Spezialisierung und verbesserten Motivation der Schüler/innen sowie die Stärkung der Naturwissenschaften. Die Reform bleibt aber hinter unseren Erwartungen zurück, weil eine Spezialisierung im gesellschaftswissenschaftlichen und im künstlerisch-musischen Aufgabenfeld nicht möglich ist.

Notwendig sind daher unter anderem:

  • Möglichkeit einer Schwerpunktsetzung in allen Bereichen,
  • Stärkung der Gesellschaftswissenschaften,
  • Schaffung realistischer Zeiträume für die Abiturkorrekturen,
  • angemessener Zeitausgleich für die gestiegene Anzahl der mündlichen Prüfungen und
  • Erhalt der Präsentationsprüfung als zweites Format bei den mündlichen Prüfungen.

Qualität durch gute Fortbildungen

Die Qualität des Gymnasiums muss gesichert werden. Gute fachlich fundierte Fortbildungen in möglichst enger Anbindung an die Universitäten sind dabei unabdingbar. Sie müssen freiwillig, kostenfrei und praxisorientiert sein.

Dies bedeutet konkret:

  • Fortbildung von Lehrkräften und Schulleitungen ist eine staatliche Aufgabe, die nicht privaten und kommerziellen Anbietern überlassen werden darf. An der Entwicklung der jeweiligen Programme müssen die Lehrkräfte und ihre Vertretung beteiligt werden.
  • Die Berufseinstiegsphase muss durch geeignete Angebote erleichtert werden, die eine professionelle Einarbeitung an der jeweiligen Schule ermöglichen.
  • Ein breites, staatlich finanziertes Angebot muss es allen Lehrkräften ermöglichen, im Rahmen der Arbeitszeit und unter Einbeziehung der Unterrichtszeit eine passende kostenfreie Fortbildung zu besuchen. Jede Lehrerin und jeder Lehrer hat das Recht, an qualitativ hochwertigen Fortbildungen teilzunehmen, die sie oder er zur beruflichen Weiterentwicklung benötigt.
  • Begleitung von Schulen und Schulteams in Entwicklungsprozessen
  • Ein wichtiges Ziel ist der Arbeits- und Gesundheitsschutz! In allen Berufsphasen müssen Angebote zum Erhalt der Gesundheit und zu Fragen der Be- und Entlastung in schwierigen familiären Lebensphasen gemacht werden.
  • Lehrkräfte, die in der Fort- und Ausbildung tätig sind, müssen ausreichende materielle und zeitliche Ressourcen für ihre Tätigkeit sowie für ihre eigene Qualifizierung bekommen. Nur gute Bedingungen für Fortbildner/innen und Ausbildner/innen sichern nachhaltig die notwendige Qualität.
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