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Corona-Kita-StudieInfektionsgeschehen in Kitas

Mit einer deutschlandweiten Studie analysieren Forscher*innen, was die Coronavirus-Pandemie für Kitas, Tagespflege, Kinder und Eltern bedeutet. Die Erkenntnisse will die Politik nutzen, damit Kitas mit guten Schutzmaßnahmen sicher öffnen können.

10.06.2021 - Von Maria Jeggle

Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) und das Robert Koch-Institut (RKI) erforschen seit Juni 2020, welche Rolle die Kindertagesbetreuung bei der Ausbreitung von SARS-CoV-2 spielt. Die deutschlandweite Studie haben die Bundesministerien für Familien und Gesundheit beauftragt. Die Erkenntnisse will die Politik nutzen, damit Kitas mit guten Schutzmaßnahmen sicher öffnen können.

Was bedeutet die Pandemie für Kitas, Tagespflege, Kinder und Eltern? Welche Infektionsrisiken gibt es und vor welchen Herausforderungen stehen die Einrichtungen? Diese und weitere Fragen analysieren Forscher*innen aus Medizin und Sozialwissenschaft anhand einer breiten Datenlage. Von den mehr als 56.000 Kitas in Deutschland beteiligen sich rund 13.000 an der Untersuchung, mehr als 7.000 davon melden regelmäßig Corona-Zahlen an das DJI und das RKI. Insgesamt gibt es rund drei Millionen Kitakinder in Deutschland.

Für die b&w haben wir uns die Ergebnisse des Monatsberichts vom März 2021 (veröffentlicht am 9. April) genauer angesehen.

Kitas öffnen mit der Ausbreitung von Virus-Varianten

Im März 2021 werden immer mehr Kitas schrittweise geöffnet. Alle Bundesländer ermöglichen seit der zweiten Märzwoche die Öffnung der Kitas im eingeschränkten Regelbetrieb oder im Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen. In Baden-Württemberg gingen die Kitas schon zum Ende der Faschingsferien am 22. Februar in Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen. Die erneut ansteigenden Corona-Infektionen bremsten jedoch die Lockerungsplanungen. Auf der Bund-Länderkonferenz am 22. März 2021 sollten die seit Mitte Februar erfolgten Öffnungsschritte nur dann aufrechterhalten bleiben, wenn die 7-Tage-Inzidenz unter 100 bleibt.

Kitas zu, Kitas in Notbetreuung, Kitas teilweise offen, Kitas auf – dokumentiert sieben Mal galt bundesweit seit März 2020 eine andere Regel. Der untere Teil der Abbildung zeigt das im zeitlichen Verlauf. Die Abbildung zeigt auch, dass bis September/Oktober 2020 das Infektionsgeschehen in Kitas und Horts sehr gering war.

Anzahl der übermittelten COVID-19-Ausbrüche mit Infektionsumfeld „Kindergarten/Hort“ nach Meldewoche und Anzahl der Fälle nach Altersgruppe
Anzahl der übermittelten COVID-19-Ausbrüche mit Infektionsumfeld „Kindergarten/Hort“ nach Meldewoche und Anzahl der Fälle nach Altersgruppe (Datenstand: 29. März 2021, Quelle: Monatsbericht März 2021 der Corona-Kita-Studie)

Rasante Steigerungen gibt es vor allem seit Februar/März 2021. Der Anteil der COVID-19-Fälle unter den 0- bis 5-Jährigen ist seit Mitte Februar rasch angestiegen. Mitte März wurden knapp 5.000 Fälle in diesem Alter übermittelt. Das sind rund dreimal mehr als noch Mitte Februar. 5,6 Prozent aller Fälle waren nun zwischen 0 und 5 Jahre alt. Das entspricht fast ihrem Bevölkerungsanteil von 5,7 Prozent. Der Anteil der Fälle unter den 6- bis 10-Jährigen liegt mit 4,9 Prozent leicht über dem Bevölkerungsanteil (4,4 Prozent), und der der 11- bis 14-Jährigen erreichte mit 3,6 Prozent ebenfalls den jeweiligen Bevölkerungsanteil (3,6 Prozent). Bei den 15- bis 20-Jährigen liegen die Corona-Infektionen mit 7,4 Prozent hingegen deutlich über ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung (5,8 Prozent).

Anzahl der übermittelten COVID-19-Fälle pro 100.000 Einwohner nach Altersgruppe und Meldewoche
Anzahl der übermittelten COVID-19-Fälle pro 100.000 Einwohner nach Altersgruppe und Meldewoche (Datenstand: 22. März 2021, Quelle: Monatsbericht März 2021 der Corona-Kita-Studie)

Bisher mussten 3,2 Prozent der COVID-19-Fälle im Alter von 0 und 5 Jahren in ein Krankenhaus eingewiesen werden, davon wurden zwei Prozent auf einer Intensivstation behandelt, und es gibt fünf COVID-19-Todesfälle zu beklagen.

Infektionsschutz misslungen

In Zeiten steigender Fallzahlen öffnen die Kitas. Alle Länder begleiten die Öffnungsregelungen mit flächendeckenden und regelmäßigen Testungen und bevorzugten Impfung von Kitabeschäftigten. Diese Maßnahmen sollen nicht nur den Infektionsschutz in den Kitas verbessern, sondern auch Infektionsketten in der Gesamtbevölkerung erkennen und unterbrechen. Trotzdem stiegen die Neuinfektionen und betrafen, wie die oben aufgeführten Zahlen offenlegen, auch vermehrt Kinder und Jugendliche.

Die Anzahl der Kitas mit wenigstens einer infektionsbedingten Gruppenschließung stieg in der Woche ab dem 22. Februar auf 112 und bis zum 21. März 2021 auf 233, was einem Anstieg von 1,8 auf 4,7 Prozent entspricht. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich auch die Anzahl der vollständigen Schließungen von Kitas von 25 auf 43 (von 0,4 auf 0,9 Prozent). Die Anzahl der betroffenen Kitas ist zwar relativ gering, ihr dynamisches Wachstum gibt jedoch Anlass zur Besorgnis.

Der Anstieg der Fallzahlen kann nicht allein durch eine vermehrte PCR-Testung erklärt werden, sondern deutet auf den Einfluss der zunehmenden Verbreitung von Virusvarianten hin. Die Virusvariante B.1.1.7 wird Mitte März bei mehr als 70 Prozent der untersuchten SARS-CoV-2-positiven Proben in Deutschland gefunden. Dies ist besorgniserregend, da es so scheint, dass die neue Variante alle Altersgruppen und Geschlechter betrifft. Da die Übertragbarkeit in allen Altersgruppen steigt, macht sich das auch in geöffneten Kitas mit steigenden Fallzahlen bemerkbar.

Was die Studie empfiehlt

In der Studie werden folgende Empfehlungen festgehalten: „Um einen möglichst kontinuierlichen Kita-Betrieb gewährleisten zu können, erfordert die aktuelle Situation, alle organisatorischen und individuellen Maßnahmen zur Infektionsprävention einzusetzen. Darüber hinaus muss verhindert werden, dass SARS-CoV-2 in die Einrichtungen getragen werden. Familien und Beschäftigte sollten ihr Infektionsrisiko außerhalb der Kita entsprechend der Empfehlungen des RKI (AHA + L) minimieren und bei Zeichen einer Erkrankung fünf bis sieben Tage zu Hause bleiben. Falls es zu Erkrankungen in Gruppen kommt, sollte eine Schließung der Einrichtung aufgrund des hohen Ausbreitungspotenzials der neuen SARS-CoV-2-Varianten erwogen werden.“

Belastung von Eltern

Der durchschnittliche Anteil der in Kitas betreuten Kinder stieg infolge der Öffnungsschritte von 45 Prozent in der letzten Januarwoche bis zum 19. März 2021 auf 72 Prozent an. Obwohl sich dadurch die Situation für viele Familien etwas entspannte, blieb und bleibt vieles vage. Das liegt nicht nur daran, weil im Kita-Alltag selbst immer wieder unvorhergesehene Einschränkungen und Ausfälle auftreten, sondern auch, weil die schrittweisen Öffnungen nur unter Vorbehalt des Infektionsgeschehens stehen. Viele Eltern müssen damit rechnen, dass ihre Kita wieder schließen muss, beziehungsweise nur ausgewählte Eltern ein Notbetreuungsangebot bekommen.

Ein Kommentar von Maria Jeggle

Die Studie verspricht mehr, als sie halten kann. Wenn man sich die Forschungsfragen anschaut, freut man sich auf die Erkenntnisse und fragt sich am Ende, wo die geblieben sind. Im Modul 1 wird gefragt: Wie sieht der Alltag der Kindertageseinrichtungen, der Tagespflegestellen und der Familien während der Coronapandemie aus? Vor welchen organisatorischen, pädagogischen und hygienischen Herausforderungen stehen sie und welche Lösungen haben die Beteiligten entwickelt? Wie arbeiten Familien und Einrichtungen zusammen? Aktuelle Antworten fehlen. Vor allem die Sicht und der Schutz der Beschäftigten spielt in den Ergebnissen des Märzberichts keine Rolle.

Besser beantwortet werden die Fragen: Wie häufig erkranken Kinder im Kita-Alter an COVID-19? Wie empfänglich sind sie für das Virus? Wie schwer sind ihre Krankheitsverläufe?

Familienministerin Franziska Giffey und Gesundheitsminister Jens Spahn haben die Studie in Auftrag gegeben. Sie wollen mit den Studienergebnissen gute Schutzmaßnahmen entwickeln, dass Kitas sicher öffnen können. Spahn erwartet unter anderem: „Wir wollen sehen, ob Impfen bei Erzieher*innen und später bei Eltern in den Kitas einen Unterschied macht.“ Die Studie hat zwar das Problem, dass sie mit der Geschwindigkeit des Infektionsgeschehens kaum hinterher kommt, aber Erkenntnisse nennenswerter Tragweite hat die Untersuchung bisher nicht erbracht.

Die unsichere Betreuungssituation beeinflusst den Stresslevel der Eltern. Wenig überraschend weisen besonders Eltern, deren Kind zeitweise gänzlich auf den Besuch verzichten musste, das höchste Stresserleben auf. Ein Kitabesuch entlastet Eltern, auch wenn es viele Einschränkungen im Kita-Alltag gibt. Dass der Kita-Besuch eine Entlastung für die ganze Familie bedeuten kann, zeigt sich auch im Wohlbefinden der Kinder. Kinder, die in die Kita gehen konnten, kamen etwas besser mit der Corona-Pandemie zurecht als Kinder, die keine Kita besuchen konnten.

Personal in Kindertageseinrichtungen

Präventions- und Schutzmaßnahmen, eigene familiäre Betreuungszwänge, Infektionen und andere pandemiebedingte Ursachenfaktoren schränkten die Verfügbarkeit der pädagogischen Kita-Mitarbeitenden vor allem seit Mitte Dezember 2020 ein. Im März 2021 verharrte der Anteil der nicht oder nur eingeschränkt einsetzbaren Beschäftigten im Durchschnitt bei knapp 20 Prozent. Was das für die Kitas bedeutet, wurde in der Studie nicht untersucht.