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Inklusion ist möglich – in Südtirol

In Südtirol ist jede Kita und jede Schule barrierefrei. Eine Gruppe der GEW erlebte während einer Bildungsreise, dass dort vieles selbstverständlich ist, was in Baden-Württemberg bei Inklusion noch weit entfernt scheint.

25.06.2018 - b&w-Artikel, Matthias Schneider

„Wir haben Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, dass Schule sich entwickeln kann“, begrüßte Pepe Kühebacher, Koordinator des Schulverbundes Pustertal, am ersten Abend die 16 Gäste der GEW Baden-Württemberg. Sie wollten im Pustertal erleben, wie dort Kita und Schule funktioniert. An drei Tagen besuchten die Lehrer/innen aus unterschiedlichen Schularten drei Schulen, eine Kita, ein Mensa-Restaurant sowie einen externen Lernort auf einem ehemaligen Bauernhof in den Bergen und sprachen mit Vertreter/innen des Schulverbundes Pustertal.

Zu den guten Rahmenbedingungen gehört, dass die Schulen eine höhere Autonomie als in Baden-Württemberg haben und sich Kitas und Schulen im Schulverbund Pustertal auf eigene Initiative zusammengeschlossen haben. Sie haben sich sozusagen eine eigene Schulverwaltung gegeben, in der vorhandene Kompetenzen gebündelt, Unterstützungssysteme gemeinsam aufgebaut und genutzt werden und zum Beispiel Fortbildungen organisiert werden. „Das Gefühl des Aufgehoben-Seins in einem Gesamtsystem kann positive Kräfte für die autonomen Einzelschulen und Kindergärten entfalten“, schreibt das Netzwerk auf seiner Internetseite. Die Kitas und Schulen finanzieren den Schulverbund zum Teil aus ihren eigenen Budgets.

Direktor hat nur Leitungsaufgaben

In Südtirol sind die Schulen durch ein Landesgesetz in Sprengeln organisiert, die jeweils aus einer Mittelschule und etwa sechs Grundschulen mit insgesamt 500 bis 900 Schüler/innen bestehen und von einem beziehungsweise einer Schuldirektor/in geleitet werden. Der Direktor des Sprengels hat nur Leitungsaufgaben, unterrichtet nicht mehr und wird durch Verwaltungskräfte unterstützt. Ein Schulsprengel hat einen eigenen Etat und verfügt zum Beispiel jährlich über 200.000 Euro für eigene Fortbildung und Qualitätsentwicklung. Im Schulverbund sind die Einrichtungen über die Kita- und Schuldirektionen der einzelnen Sprengel vertreten.

Ein Element der Zusammenarbeit sind die Expert/innen aus den eigenen Reihen, von denen alle profitieren. Wer im Pustertal eine Kita oder Schule umbauen oder neu bauen will, fragt zuerst Josef Watschinger. Der Direktor des Schulsprengels Welsberg weiß, wie durch die Architektur die Lernkultur verändert werden kann. Im ganzen Pustertal ist es seine Aufgabe, diese Expertise bei Um- oder Neubauten zur Verfügung zu stellen. Für andere Bereiche, wie Frühförderung und Anfangsunterricht gibt es im Schulverbund andere Expert/innen.

Die neue Grundschule in Welsberg nennt Watschinger eine „Wohnraumschule“. Gleich am Eingang bleiben die Straßenschuhe in einer Garderobe, denn die Kinder sollen auch auf einem sauberen Holzboden aus einheimischer Lärche arbeiten können. Mit den Wänden aus Fichtenholz will die Schule bewusst an eine Südtiroler Bauernstube erinnern, in der sich Kinder und Lehrkräfte zuhause fühlen. Um solche Schulbauten möglich zu machen, wurden in Südtirol auf Initiative der Pädagog/innen unter anderem die Schulbaurichtlinien und darin auch die Brandschutzrichtlinien geändert.

Flexibles Mobilar

Auf zwei Etagen finden sich die Lernwerkstätten und Klassenräume. Großzügige offene Bereiche, in denen Teile der Schulbibliothek und PC-Arbeitsplätze integriert sind und in denen Schüler/innen für sich oder in kleinen Gruppen arbeiten. Das Mobiliar ist flexibel gestaltet, die Lernbereiche können schnell verändert werden. Es gibt abgetrennte Klassenräume, deren große Fenster zu den Lernwerkstätten und nach draußen ins Dorf zum Gefühl einer offenen Lernlandschaft beitragen. Überall wird leise gearbeitet.

Mit ihrer Architektur bietet die Schule in Welsberg viel Flexibilität in der Unterrichtsgestaltung und schafft damit eine Voraussetzung für Inklusion beziehungsweise Integration. In Südtirol wird der Begriff „Integration“ für die Arbeit mit Kindern beziehungsweise Schüler/innen mit „besonderem Bildungsbedarf“ verwendet. Die Integration von Kindern mit Beeinträchtigungen hat in Italien eine andere Vorgeschichte als in Deutschland.

Ganz Italien hat bereits seit den 1960er-Jahren eine fünfjährige Grundschule und eine dreijährige Mittelschule. Bis zur 8. Klasse lernen alle Schüler/innen gemeinsam. Fast über Nacht wurden 1977 in Italien alle Sonderklassen, die es bis dahin noch gab, abgeschafft. Seit 40 Jahren ist es Alltag, dass Kinder mit körperlich-motorischen Behinderungen oder Sinnesbeeinträchtigungen, mit Lernstörungen, Schüler/innen mit geistiger Behinderung sowie schwerst-mehrfacher Behinderung Kitas und Schulen besuchen. Auch nach den ersten acht gemeinsamen Schuljahren können Eltern frei wählen, ob ihre Tochter oder ihr Sohn eine berufsbildende Schule, eine fünfjährige Fachoberschule oder das fünfjährige Gymnasium besucht.

Teilhabe der Kinder im Alltag ist selbstverständlich

„Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist bei uns kein großes Ding, wir leben das ja schon“, sagt Wolfgang Grüner, der in einem von fünf pädagogischen Beratungszentren in Südtirol die Bildungseinrichtungen bei dieser Aufgabe unterstützt. Die Antworten auf ungläubige Nachfragen der GEW-Gruppe in der Grundschule Welsberg zeigen, dass die Teilhabe aller Kinder Alltag und selbstverständlich ist. Zur Skiwoche auf dem benachbarten Kronplatz kommen „natürlich alle Kinder mit. Wer nicht Skifahren kann, erkundet das Skigebiet eben mit dem Lift“, sagt die Schulleiterin Petra Steinhauser.

„Wir sind noch keine inklusive Schule, wir sind auf einem guten Weg dahin. Inklusion ist für uns ein Gesellschaftsmodell“, erklärt Schuldirektor Watschinger. Und erzählt den staunenden Besucher/innen aus Baden-Württemberg, dass beispielsweise für ein Mädchen, das seit seiner Geburt im Koma lag, in einem Klassenzimmer eine Wand durchbrochen und ein Krankenzimmer eingerichtet worden sei. Das Kind sei jeden Tag zur Schule gekommen. „Und wir haben bildungsfreundliche Kommunen“, so Watschinger. Die Finanzierung von baulichen Maßnahmen für die Inklusion sei kein Problem, niemand stelle in Frage, dass dies nötig sei und alle Kinder gemeinsam zur Schule gehen sollen. Auch der Schülertransport aus jedem der vielen kleinen Dörfer ist durch ein Südtiroler Landesgesetz garantiert.

Als Italien die UN-Konvention 2009 ratifizierte, war die autonome Region Südtirol durch eigene Landesgesetze bereits viele Schritte voraus. Die Abschaffung der Sonderklassen 1977 sei ein „Paukenschlag“ gewesen, bestätigt auch Watschinger. Doch bereits 1983 schufen ein Landesgesetz mit „Maßnahmen zugunsten der Behinderten“ und Folgegesetze bis zum Landesgesetz „Teilhabe und Inklusion“ im Jahr 2015 Voraussetzungen für eine umfassende Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen. Alle Kitas und Schulen in Südtirol müssen inklusiv sein, es darf keinem Kind und keinem Jugendlichen der Zugang zum Kindergarten oder einer schulischen Einrichtung in seinem Einzugsgebiet verwehrt werden. Die Schulen haben kleine Gruppen beziehungsweise Klassen und eine gute Schüler-Lehrkräfte-Relation.

Für Schüler/innen „mit besonderen Bildungsbedürfnissen“, so der Begriff in der Alpenregion, erhalten die Schulen bei einer entsprechenden Funktionsdiagnose zusätzlich Integrationslehrpersonen und Mitarbeiter/innen für Integration. Je nach Schweregrad wird eine Integrationslehrkraft mit vollem Deputat für circa zwei Schüler/innen mit Beeinträchtigung der Schule zugewiesen. Die Integrationslehrpersonen sind Lehrkräfte mit einer zweijährigen Zusatzausbildung, die der ganzen Klasse zur Verfügung stehen. Zusätzlich kümmern sich Mitarbeiter/innen für Integration um die einzelnen Kinder und übernehmen eher pflegerische Aufgaben, vergleichbar den Eingliederungshilfen in Deutschland. Der Beruf kann in Südtirol zum Beispiel nach dem Besuch einer fünfjährigen Fachschule (Klasse 9 bis 13) und dem Erwerb einer Zusatzqualifikation für die Schule oder Kita ausgeübt werden.

In vielen Gesprächen und auch beim Blick in die Gesetzestexte wird deutlich, dass im Vordergrund der von Bozen gesteuerten Bildungspolitik immer das Kind steht, nicht die Diagnose. Es wird von Kindern mit einer Funktionsdiagnose gesprochen, spezifische Behinderungsarten werden nicht unterschieden, es gibt in Italien auch keine spezifischen Lehrpläne für bestimmte Behinderungen. Im Südtiroler Landesgesetz „Teilhabe und Inklusion“ aus dem Jahr 2015 wird ein Bildungssystem beschrieben, das „die Vielfalt und individuellen Unterschiede aller Kinder, Schülerinnen und Schüler als Normalität und Ressource betrachtet (…)“.

Die Kita-Leiterin in Terenten, die Grundschul-Schulleiterin in Welsberg, Schuldirektor Watschinger und die Schulleiterin der Ursulinen-Mittelschule in Bruneck haben dies verinnerlicht: Alle sprechen vor dem hohen Stellenwert der „sozialen Integration“ in Südtirol. An die Adresse der Sonderpädagog/innen in der deutschen Besuchergruppe sagt eine Lehrerin: „Sie sind in Deutschland topausgebildet und spezialisiert, das können wir nicht leisten. Wir versuchen, die Stärken zu stärken, alle Kinder und Jugendliche sollen nach ihren Fähigkeiten lebenstüchtig werden.“

Die GEW-Gruppe begegnet am Ende ihrer Reise an einer Mittelschule in Bruneck auch einem in Deutschland ausgebildeten Sonderpädagogen. Er beschreibt, dass auch in den Mittel- und den Oberschulen Teilhabe selbstverständlich sei. „Akzeptanz von Vielfalt wird seit dem Kindergarten angewandt und ist später kein Thema mehr, das problematisiert wird. Wir sind hier schulisch in einer ganz anderen Welt. Bei uns gibt es keine Stempel. Die Kinder sind in keiner Schublade drin, aus der sie nicht mehr herauskommen.“

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