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Zehn Jahre nach dem Amoklauf in WinnendenInnehalten und vorwärtsschauen

Am 11. März 2009 tötete ein ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule acht Schülerinnen, einen Schüler, drei Lehrerinnen und drei weitere Menschen außerhalb der Schule und in Wendlingen. Viele sind bis heute traumatisiert.

11.03.2019 - Doro Moritz

Zum zehnten Mal jährt sich in diesem Monat der Amoklauf in Winnenden und Wendlingen. Am 11. März 2009 tötete ein auffällig unauffälliger ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule mit der Waffe seines Vaters acht Schülerinnen, einen Schüler, drei Lehrerinnen und drei weitere Menschen außerhalb der Schule und in Wendlingen.

Ich erinnere mich – wie viele Menschen im Land – an die unfassbaren Nachrichten dieses Tages. Menschen wurden durch grausame Gewalt aus dem Leben gerissen, Mütter, Väter, Geschwister und ihre Familien haben unfassbares Leid erfahren. Die Tat, die Trauer, der Verlust wird sie ihr Leben lang nicht loslassen. Viele Beteiligte leiden noch heute unter den psychischen Belastungen des Amoklaufs. Die Schulgemeinschaft war verstört, ihre Seelen verletzt, viele sind bis heute traumatisiert. Sie müssen gemeinsam einen Weg des Trauerns, des Gedenkens und des Weiterlebens finden. Bei ihnen sind an diesem Jahrestag meine Gedanken.

Neben den seelischen Belastungen sind zahlreiche Lehrkräfte auch beruflich betroffen. Das Land Baden-Württemberg hat sich ihnen gegenüber nicht immer fürsorglich gezeigt. Sie mussten über Jahre – und müssen teilweise immer noch – ihre Ansprüche einklagen. Dies gilt vor allem für diejenigen, die zunächst weiter unterrichten wollten und bei denen später die posttraumatische Belastung dazu führte, dass sie nicht mehr arbeiten konnten.

Stiftung gegen Gewalt an Schulen

Mütter und Väter, die ihr Kind bei dieser sinnlosen Tat verloren haben, gründeten die „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“, der die GEW Baden-Württemberg als Stiftungsgründer beigetreten ist. Viele Menschen hatten das Bedürfnis, dieser Tat etwas entgegenzusetzen, psychische und körperliche Gewalt zu verhindern, der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in der Schule mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung zu geben und Schule sicherer zu machen. Der Landtag hat den Sonderausschuss „Konsequenzen aus dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen: Jugendgefährdung und Jugendgewalt“ eingesetzt. Als Ergebnis wurde die Zahl der Beratungslehrerinnen und -lehrer erhöht, die der Schulpsychologinnen und -psychologen auf 200 verdoppelt, Präventionsprogramme eingerichtet. Das war richtig und notwendig. Nachhaltig verbessert hat das die schulische Realität leider nicht. Einige Jahre nach dem Amoklauf musste 2016 sogar verhindert werden, dass Stellen für Schulpsycholog/innen gestrichen werden.

Der Amoklauf mahnt uns, allen Schülerinnen und Schülern mit Wertschätzung und Achtsamkeit zu begegnen, ihnen Unterstützung und Zuwendung zu bieten. Wie schaffen wir es, Versagenserlebnisse und Diskriminierung zu vermeiden und frühzeitig auf Kinder und Jugend­liche aufmerksam zu werden, die in Not sind und sich abgrenzen, die Bereitschaft zu Gewalt und Extremismus erkennen lassen? Dafür brauchen die Lehrkräfte deutlich mehr Zeit und weitere professionelle Hilfe. Mehr Zeit, um einzelne Schülerinnen und Schüler unterstützen, herausfordernde Situationen wahrnehmen und bewältigen zu können. Zeit, damit Schule nicht nur Lernanstalt, sondern auch Ort eines guten Miteinanders sein kann. Dafür kann und muss auch die Landesregierung sehr viel mehr tun.

Die Schulgemeinschaft in ­Winnenden hat einen Weg gefunden, mit der ­Erinnerung an den Amoklauf umzugehen. Eine Ausstellung künstlerischer Arbeiten von Schüler/innen aus dem Projekt „SaVe – Stories against Violence“ ­bildete den Rahmen am 10. Jahrestag. Es gab Raum für Gespräche, Gedenken, Hoffnung, Trauer. Das Leben geht weiter. Die Erinnerung motiviert uns, Schulen, Kitas und alle Bildungseinrichtungen zu besseren Orten zu entwickeln.

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