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Shell-Studie Jugend 2019Jugend zwischen Weltoffenheit und Populismus

Die Shell-Jugendstudien zeigen Lebenswelten und Einstellungen von Menschen zwischen 12 und 25 Jahren. Die aktuelle Studie beleuchtet, wie politische Weltsichten mit dem sozialen Status zusammenhängen oder was der Nährboden von Populismus sein kann.

04.03.2020 - Erhard Korn

Neu an der aktuellen Shell-Studie ist: Die Jugendlichen von heute denken nicht mehr vor allem an ihr persönliches Wohlergehen, sondern mehr an die gesellschaftliche Zukunft. Damit hat auch politisches Engagement an Gewicht gewonnen – verbunden mit dem Wunsch nach mehr Mitsprache und Handlungserwartungen an Politik und Ökonomie. Besonders der Anteil politisch stark Interessierter verdoppelt sich auf 8 Prozent, das Interesse weiblicher Jugendlicher steigt von 30 Prozent auf 38 Prozent; allerdings zeigen weiterhin 60 Prozent wenig Interesse an politischen Fragen. Die „Bildungsposition“ und damit der soziale Hintergrund spielt dabei eine wichtige Rolle: Es gibt ein starkes Gefälle von Studierenden (66 Prozent interessiert) zu „Nicht-Gymnasiasten“ (25 Prozent).

Soziale Selektion nicht überwunden

Die Anteile der Bildungsgänge haben sich völlig umgedreht: nur noch 7 Prozent der Jugendlichen besuchen heute eine Hauptschule, auch der Anteil von Realschülerinnen und Realschülern geht zurück (20 Prozent), dagegen ist das Gymnasium mit 47 Prozent neben integrativen Schulformen (26 Prozent) am meisten begehrt. Als Wunschabschluss liegen Abitur und Fachhochschulreife sogar bei 68 ­Prozent (2002: 53 Prozent), womit auch die Zukunft von Schularten ohne gymnasiale Oberstufe hinterfragt wird. Die Erfolgsaussichten sind allerdings bei Jugendlichen, deren Vater selbst die Hochschulreife besitzt, mit 81 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei Hauptschuleltern, deren Kinder die Schule mit einer sechsfach höheren ­Wahrscheinlichkeit mit ­Hauptschulabschluss verlassen. „In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich an den ungleichen Erfolgschancen nichts Maßgebliches geändert“, beklagen die Autoren.
Mit diesen Unterschieden sind auch gegensätzliche Weltsichten verbunden. „Nicht-Gymnasiasten“ tragen viel eher Abstiegs- und Zukunftsängste mit sich. Von den befragten Jugendlichen ohne Abschluss sind zwei Drittel ohne Arbeit, von denen mit Hauptschulabschluss immerhin noch ein Drittel. Sie müssen viel stärker um ihren Platz kämpfen und sich gegen andere durchsetzen. Andere Studien belegen, dass gerade für Hauptschülerinnen und Hauptschüler Ausbildung und Arbeitsplatz als existenziell angesehen werden und bei ihnen die nicht unberechtigte Angst, keinen Arbeitsplatz zu finden, zwischen der 7. und 9. Klasse signifikant zunimmt und das Selbstvertrauen untergräbt (Lill 2016).
Verstärkend wirken Brüche in den Bildungskarrieren, die bei etwa der Hälfte der Kinder aus der Unterschicht festgestellt werden. Schon die Gefahr des Sitzenbleibens ist fünfmal so hoch wie bei denen aus der Oberschicht (5 Prozent). Das Benachteiligungsempfinden und das Gefühl, die eigene Zukunft nicht ausreichend bestimmen zu können, machen anfällig für Populismus. Von den Jugendlichen, die den Hauptschulabschluss besitzen oder anstreben, gehören etwa 50 Prozent zum eher populistischen Spektrum.

Respekt für Vielfalt

Die Studie fächert die politischen Einstellungen auf zwischen Kosmopoliten (12 Prozent), Weltoffenen (27), Nichteindeutigen (28), Populismus-Geneigten (24) und Nationalpopulisten (9), die sich z. B. starke Führer wünschen. Bei 80 Prozent der Jugendlichen ­liegen populistische und humanistische Muster allerdings nebeneinander; dass Deutschland viele Flüchtlinge aufgenommen hat, finden nicht nur Weltoffene gut, sondern auch die Mehrheit der Nichteindeutigen und ein Drittel der Populismusgeneigten. Umgekehrt will ein Drittel der Weltoffenen eine Verringerung der Zuwanderung. Aber auch die Hälfte der Weltoffenen beklagt, dass man zu schnell als Rassist beschimpft wird, wenn man etwas Kritisches über Ausländer sagt. Gestiegen ist die Angst vor Zuwanderung (von 28 auf 33 Prozent) besonders bei solchen mit HS-Abschluss, unter denen Jugendliche mit Migrationshintergrund überrepräsentiert sind. Noch stärker zugenommen hat in allen Gruppen aber die Angst vor Ausländerfeindlichkeit (von 48 auf 52 Prozent) sowie vor der Konfrontation von Menschen mit verschiedenen Religionen und einer Polarisierung von Meinungen. Sehr hoch ist die Angst vor Terroranschlägen (66 Prozent).

Toleranz, die Respektierung der Vielfalt von Menschen, ist dagegen in gewisser Weise ein Markenzeichen dieser Generation; ausgenommen sind nur die harten Nationalpopulisten. Vorbehalte gegenüber türkischen Familien etwa sanken in 10 Jahren von 27 auf 18 Prozent. Harmonische persönliche Beziehungen mit Freunden und Familie als „sicherer Heimathafen“ stehen für alle ganz oben auf der Werteskala. Von einer Parallelgesellschaft kann nicht die Rede sein.

Geht der Trend nach links?

Die politische Selbsteinschätzung belegt eine deutliche Tendenz nach links: 14 Prozent sehen sich links, 27 eher links, der Anteil sich rechts oder eher rechts Positionierender ist auf 13 Prozent deutlich gesunken. Studierende ordnen sich sogar zu 56 Prozent als links ein, Gymnasiasten zu 48 Prozent, Nicht-Gymnasiasten allerdings nur zu 32 Prozent. Da der Klima-Protest eher links eingeordnet wird, sieht die Studie einen Zusammenhang zwischen Klimabewegung und zunehmender Einordnung nach links.
Soziale Gerechtigkeit ist für Jugendliche ein hoher Wert. Während über drei Viertel der sich links einordnenden Kosmopoliten finden, dass es in Gesellschaft und Bildung sozial gerecht zugeht, beklagen drei Viertel der rechten Nationalpopulisten nicht nur eine soziale Schieflage, sondern auch fehlende politische Einflussmöglichkeiten („andere bestimmen“). Die höhere Populismusaffinität bei Jugend­lichen aus der unteren Schicht ist also verbunden mit Zweifeln an sozialer Gerechtigkeit, gleichen Bildungschancen, fairer Bezahlung, mit einem geringen Vertrauen, politisch etwas bewirken zu können, wenig Kontrolle über das Leben zu haben und kämpfen zu müssen, notfalls auch mit Ellenbogen. Daraus speist sich auch die Gefahr, dass die „sehr personalisierte Vorstellung von Staat und Politik“ (Lill 2016) mit populistischen Modellen autoritärer Führung bedient wird.

Herausforderungen für die Bildung

Für die Bildung und das Bildungswesen stellt die Studie sowohl eine Bestätigung als auch eine Herausforderung dar. Demokratie wird durchgängig befürwortet und nur bei einem Teil der Nationalpopulisten abgelehnt. Die Betonung eines sozialen Lernens und einer Respektierung von Anderssein in Schulen wirkt „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ (Heitmeyer) entgegen. Die vorschnelle Tabuisierung der Benennung von Problemfeldern als „Rassismus“ birgt allerdings die Gefahr, Verschwörungstheorien des Nationalpopulismus zu bestätigen. Lehrkräfte benötigen (mehr!) Zeit, um vorschnelle Generalisierungen besprechen und aufzuarbeiten zu können, bevor sie sich verfestigen.
Vermutlich trägt der schulische ­Kontext besonders bei Jugendlichen in den nichtgymnasialen Bildungsgängen zu einer „Individualisierung sozialer Problemlagen“ bei. Hier werden aber auch Schieflagen bei Absolvent*innen der ­„oberen“ Bildungsgänge sichtbar, die soziale Gerechtigkeit als gegeben ansehen und so die nichtgymnasiale Schülerschaft als Selbstversager etikettieren. Politische Bildung als Demokratiebildung darf sich nicht mit der Behauptung formaler Gleichheit zufriedengeben. Die Ablehnung einer sozialen Spaltung der Gesellschaft bei allen Gruppen bietet jedenfalls eine solide Basis für weitergehende Lernprozesse.

Bei nichtgymnasialen Schülerinnen und Schülern werden offenbar auch Erfahrungen der „Selbstwirksamkeit“ weniger entwickelt, also die Erfahrung, (auch gemeinsam!) im schulischen Rahmen etwas bewirken und verändern zu können. Das ist eine Baustelle für den weiteren Ausbau einer demokratischen Schulkultur.
Die Studie zeigt, dass die politische Bildung einer Stärkung bedarf. Einer Bildung, die an den konkreten Lebensbedingungen und Konflikten ansetzt und sie mit dem Ziel einer sozialen Gesellschaft verbindet. Sie stellt auch die Gewerkschaften vor die Aufgabe, bei ihren jungen Mitgliedern Solidarerfahrungen zu ermöglichen, mit ihnen zu agieren und nicht nur für sie

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