GEW Baden-Württemberg
Sie sind hier:

Keine gemeinsame Zukunft mehr

Eine der auslaufenden Werkrealschulen im Land ist die Pestalozzischule in der Mannheimer Schwetzingerstadt. 2018/19 sollen die letzten Abgänger/innen verabschiedet werden. Erhard Korn besuchte die Grund- und Werkrealschule.

26.10.2015 - Erhard Korn, b&w-Artikel

Das Konzept der Werkrealschule mit dem Angebot eines 10. Schuljahrs hatte vielen Schüler/innen geholfen, einen mittleren Abschluss zu schaffen, die Akzeptanz der umbenannten Hauptschulen wurde dadurch aber nicht erhöht. Während 2009 Werkrealschulen aufgelöst und ganze Klassen an andere Schulen verlagert wurden, steht den verbleibenden in Mannheim nun ein langsames Ende bevor. Von ehemals 20 sind aktuell 11 Werkrealschulen übrig, von denen wiederum 5 auf der Schließungsliste stehen; vier von ihnen können im neuen Schuljahr 15/16 keine Eingangsklassen mehr aufnehmen. Inoffiziell geht man davon aus, dass mittelfristig nur drei Werkrealschulen (WRS) bestehen bleiben.
Das pädagogisch gut begründete Weiter-entwicklungskonzept der Pestalozzischule zur Gemeinschaftsschule hat die Stadt 2014 abgelehnt. Offenbar wurden die räumlichen Entwicklungsmöglichkeiten nicht für ausreichend angesehen. In die Entscheidung wurde die Schule kaum einbezogen, Gesprächsinitiativen aus dem Kollegium wurden in der jahrelangen Hängepartie nicht berücksichtigt.

Als die Schulrätin 2013 die Schule besuchte,  machte sie deutlich, dass es für die Kolleg/innen der Werkrealschule keine gemeinsame Zukunft mehr gebe. Den Kolleg/innen wurde angeboten, dass sie auf das Schulamt und die Schulleitung zukommen könnten und Beratung erhalten würden.
Das bedeutet, dass jede und jeder selbst sehen muss, wo sie/er bleibt. Die Reaktion war zunächst Frustration und Resignation. Inzwischen haben sich die Kolleg/innen damit abgefunden und jede und jeder sucht selbst eine neue Orientierung. Die Gemeinsamkeiten im Kollegium werden weniger, man ist mehr mit sich und dem eigenem Alltag beschäftigt.
„Wo geht die Reise hin?“, fragen sich die Kolleginnen und Kollegen. „Was kommt auf uns zu? Realschule? Hausaufgabenbetreuung am Gymnasium? Ganztagesarbeit an der Grundschule? Status, Aufgaben, Bezahlung sind nicht bekannt, keiner weiß, was kommen wird.
Nur etwa ein Viertel ginge gerne an die Grundschule, doch niemand soll verdrängt werden. „Die Hoffnung ist“, erzählt Schulleiter Rolf Schönbrod, „dass die Schule 2018 Ganztagesgrundschule wird und dadurch ein neuer Bedarf für Kolleg/innen aus der WRS entsteht. Doch der Wechsel an die Grundschule ist ein Umstieg in eine andere Welt, den man sich zutrauen muss.“ Die meisten aber haben sich bewusst für die Sekundarstufe entschieden, für die Tätigkeit als Klassenlehrer/in „mit Leib und Seele“. Sie wollten auch bewusst nicht die Einengung auf zwei Fächer wie an anderen Schularten.

Wohin orientieren?

Stefan Till hat sich als Junglehrer an eine WRS in Mannheim beworben, das soziale Engagement stand für ihn im Vordergrund. Er ist nun gespannt, wie sich die Schullandschaft verändert, freut sich auf die Arbeit an einer Gemeinschafts- oder Realschule. Angst hat er nur, dass er wieder an eine WRS kommt, die dann gleich zumacht. Angst auch davor, dass wenige WRS als sogenannte Restschulen mit sehr schwieriger Klientel übrigbleiben. „Die Ausbildung der Lehrkräfte für RS und WRS war ohne spürbaren Unterschied, die Prüfungen hatten das gleiche Niveau, daher hätte ich kein Problem mit dem Unterricht an einer Realschule“, sagt Stefan Till.
Simon Bartl-Zuba, der noch 30 Jahre Schuldienst vor sich hat, wünscht sich vor allem eine Schule mit innovativem Kollegium, gegebenenfalls auch eine Förderschule. Wichtig ist ihm ein berufsbegleitendes Qualifizierungsprogramm, eine Vollzeitausbildung sei finanziell unmöglich zu schaffen. Doch schon jetzt habe er mit Schüler/innen zu tun, für die er in der Ausbildung nicht vorbereitet wurde.
Sonja Wesser weiß nicht, was kommt, wann sie sich wohin orientieren soll. Sie hofft auf eine Wunschschule, versteht aber auch, dass der Schulbetrieb an der alten Schule aufrechterhalten werden muss.


Die Verunsicherung bestätigt auch Rolf Schönbrod als Rektor. Er betont aber, dass die Lehrkräfte mit der Unsicherheit professionell umgingen und, ihre Interessen hinter die schulischen Belange zurückzustellten. „Bei uns wird ein gut funktionierendes Kollegium auseinandergerissen.  Für die Älteren ist es schwierig, sich in den zwei bis drei letzten Dienstjahren auf völlig neue Herausforderungen einzulassen“, berichtet Schönbrod. Eine Wegversetzungswelle an andere Schularten habe es bisher nicht gegeben, da die WRS selbst noch Bedarf habe. Da man nun aber erstmals keine 5. Klasse mehr bilden dürfe, werde das Kollegium kleiner und die Abdeckung des Fachunterrichts schwieriger. Sonja Wesser betont, dass sie bereit sei, sich nach einer Versetzung an eine Realschule für einige Stunden zurückabordnen zu lassen.

Sorge um Flüchtlinge

Zwar gibt es nun auch eine Realschule mit einer Vorbereitungsklasse (VKL), doch macht sich das Kollegium große Sorgen, wie angesichts des starken Zuzugs von Flüchtlingen die Förderung von Migrant/innen künftig gestemmt werden kann. Die Schule hat seit 1982 durchgehend Vorbereitungsklassen, jetzt 3, davon ist eine spezialisiert für Analphabeten.
Brigitte Rudolph, die dienstälteste VKL-Lehrerin der Pestalozzischule, stellt klar: „Es sind besondere Erfahrungen und Kenntnisse bei der Arbeit mit Migranten erforderlich. Gute Fortbildungen und Vernetzungen sind unabdingbar, um die neuen Entwicklungen zu bewältigen. Besonders die Flüchtlinge sind eine große Herausforderung. Diese Kinder müssen ankommen, es fehlen ihnen viele Fertigkeiten und Fähigkeiten. Unsere Erfahrungen sind hier enorm wichtig, es ist nicht sinnvoll, wenn junge Leute frisch von der PH oder Lehrkräfte mit ein paar Reststunden eingesetzt werden. Der VKL-Unterricht darf nicht für Vertretungsunterricht ausfallen, was in der Grundschule häufiger vorkommt.“

Wertschätzung erwartet
Simon Bartl-Zuba sorgt sich als Lehrer einer 10. Klasse um die Kinder, die besondere Hilfen benötigen: „Wir hatten nicht die Möglichkeit, die Kinder an eine andere Schulart abzugeben, und hatten daher eine Lernkultur entwickelt, die alle Kinder weiterbringen wollte. Dazu war viel Erziehungsarbeit notwendig. Und es ist eine gute Teamarbeit entstanden, durch die wir überhaupt erst die schwierigen Erziehungsprobleme bewältigen konnten “ Rolf Schönbrod verweist darauf, dass viele Schüler/innen durch besondere Förderung den mittleren Bildungsabschluss geschafft hätten. „Wenn die fehlt, besteht die Gefahr, dass sie herunterfallen.“
Wenn die Lehrkräfte an andere Schularten wechseln, erwarten sie Wertschätzung ihrer Fähigkeiten. Sie befürchten, dass dort eine Zweiklassengesellschaft entsteht, in der die Hauptschullehrkräfte nur für die weniger beliebten und weniger leitungsfähigen Schüler/innen zuständig sind. „Ein Einsatz an anderen Schularten kann daher nur funktionieren“, so Bartl-Zuba, „wenn er mit einer Gleichstellung auch in Status und Bezahlung verbunden wird.“

Worauf die GEW pocht
Die GEW erwartet einen wertschätzenden Umgang mit den Hauptschullehrkräften. Dazu gehören:
•    Schulentwicklung ist vor allem Personalentwicklung. Die Lehrkräfte an Haupt- und Werkrealschulen haben wertvolle Kompetenzen entwickelt, etwa in der Teambildung, bei innovativen pädagogischen Methoden, der Erziehung und Förderung benachteiligter oder auffälliger Schülerinnen und Schüler und der Integration von Migrant/innen. Es wäre für die Schulentwicklung fahrlässig, wenn diese Kompetenzen nicht weiterhin wertgeschätzt und genutzt würden.
•    Lehrkräfte an auslaufenden Schulen brauchen eine langfristige und verlässliche Perspektive. Nur so kann ihre Motivation erhalten werden. Sie dürfen nicht zur Verschiebemasse werden. Mehrere Schulwechsel sind zu vermeiden. Ihre Bewerbungen an andere Schularten müssen bevorzugt behandelt werden.
•    Sie brauchen eine klare und absehbare Aufstiegsperspektive, um nicht an Sonderschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen als Lehrkräfte zweiter Klasse schlechter bezahlt zu werden als neu eingestellte Lehrerinnen und -lehrer. Berufsbegleitendes Studium etwa für sonderpädagogische Aufgaben ist wichtig, darf aber nicht mit neuen Hürden wie Referendariat oder neuen Lehramtsprüfungen ausgestaltet werden. Werk-realschullehrkräfte haben schon bisher erfolgreich zum mittleren Bildungsabschluss und viele Schüler/innen mit Bildungsempfehlungen für Sonderschulen zum erfolgreichen Schulabschluss geführt!
•    Die verbleibenden Werkrealschulen sind Schulen mit besonderen sonderpädagogischen Aufgabenstellungen und brauchen entsprechende Bedingungen bei Klassengröße, Kooperationsstrukturen und Lehrkräfteeinsatz.
Erhard Korn
(Mit-)Vorsitzender der Fachgruppe
Haupt- und Werkrealschule
Zurück