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Kinder- und Familienzentren: Was da ist, sinnvoll zusammenfügen

Im Koalitionsvertrag kündigte die Landesregierung an, dass Kindertageseinrichtungen zu Kinder- und Familienzentren ausgebaut werden sollen. Bislang blieb es bei der Ankündigung. Vor der Sommerpause haben die Grünen zu einer Fachtagung eingeladen, um mit Expert/innen und Bürgerschaft zu diskutieren, wie aus Absicht Realität werden kann.

26.10.2015 - Heike Herrmann, b&w-Artikel

„Wir wollen die Kindertageseinrichtungen zu Kinder- und Familienzentren (KiFaz) ausbauen. Kindertagesstätten sollen zu wichtigen Einrichtungen in der Kommune oder im Quartier werden. Sie sollen sich für die Gesellschaft öffnen und Orte sein, die auch Begegnung, Beratung und Unterstützung bieten. Die Eltern spielen bei der guten und frühen Förderung ihrer Kinder eine zentrale Rolle. Wir werden sie in ihrer Verantwortung unterstützen und die Elternbildung sowie die aufsuchende Elternarbeit stärken.“ So steht es im Koalitionsvertrag der Landesregierung von 2011.
Bei der Begrüßung der Tagungsteilnehmer/innen wies Muhterem Aras, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, darauf hin, dass mit Blick auf den Koalitionsvertrag und die frühkindliche Bildung zwei Baustellen offen seien: die Weiterentwicklung des Orientierungsplans und die Weiterentwicklung der Kitas zu Kinder-und Familienzentren. „Wir können noch besser werden“, sagte Aras, nicht ohne die bisherigen Erfolge der Regierung zu benennen. Trotz massiver Kritik habe die Landesregierung viel Geld für die frühe Bildung bereitgestellt und liege nun bei jährlichen Investitionen von etwa 800 Millionen Euro. So konnte beispielsweise der Ausbau der Kitaplätze gut vorangebracht werden. In Punkto Qualität bescheinige die Bertelsmann-Stiftung Baden-Württemberg deutschlandweit den besten Platz in der Fachkraft-Kind-Relation. Ausruhen auf diesem Ergebnis wolle sich die Landesregierung nicht, die Tagung sei als eine Akzentsetzung zum Weitermachen zu verstehen.

Auch Staatssekretärin Marion von Wartenberg teilte mit, dass Kinder- und Familienzentren von ihr gewollt seien. Solche Einrichtung könnten nicht gleich flächendeckend eingeführt werden, aber wenn die entsprechende Schubkraft aus dem politischen Raum käme, könnten konkrete Schritte folgen. Notwendig sei in jedem Fall eine Aufhebung von Hürden zwischen Kinder- und Jugendhilfe sowie dem Kultusministerium. Fort- und Weiterbildungsangebote von pädagogischen Fachkräften bzw. multiprofessionellen Teams seien unerlässlich, ebenso mehr Zeit für Leitungstätigkeit. Eine Verständigung über die Finanzierung mit den Kommunen zu diesen Fragen stehe an.

Jedes Kind ist wichtig
Daniela Kobelt Neuhaus, Mitglied im Vorstand der Karl Kübel Stiftung (KKS) für Kind und Familie und Präsidentin des Bundesverbands Familienzentren, machte in ihrem Vortrag „Von der Kita-Pädagogik zum passgenauen Angebot für Familien: Ganzheitliche Bildung im Sozialraum“ klar, wie wichtig es sei, Kinder als Dialogpartner/innen zu verstehen, mit Eltern wertschätzend und respektvoll zusammenzuarbeiten und die Vernetzung in den Sozialraum hinein zu gewährleisten. Die KKS setze sich in allen Bundesländern für den Aufbau von Modelleinrichtungen für Kinder und Familien ein, die nach den Grundsätzen des britischen Sure Start-Programms und dem Konzept „early excellence“ arbeiteten, hierzulande GaBi (Ganzheitliche Bildung im Sozialraum) genannt. Mit GaBi begleite und qualifiziere die KKS Kommunen, freie Träger und Einrichtungen bei der Weiterentwicklung bedarfsgerechter und wirksamer Angebote für Kinder und Familien. Die Angebote seien auf die jeweiligen Bedürfnisse und den spezifischen Sozial-raum abgestimmt. GaBi stehe für die Maxime „Jedes Kind ist wichtig“ und setze sich für das Wohlergehen und die bestmögliche Unterstützung von Kindern und ihren Eltern ein. Ziel sei es, die Partizipation von Kindern und Familien zu stärken und für mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen.


Kobelt Neuhaus nannte zahlreiche Gründe, weshalb eine familienorientierte Bildungssteuerung wichtig sei: Verdichtete Problemlagen in Städten, Berufstätigkeit der Eltern, Wandel zur Wissensgesellschaft, demographische Veränderungen, familiäre Diskontinuitäten, die sozioökonomische Schere, wachsende Diversität in Familien, die Forderung nach Inklusion und Chancengerechtigkeit und schließlich wissenschaftliche Erkenntnisse über die Bedeutung von Eltern und Familie.
Für die Umsetzung von Kinder- und Familienzentren brauche es nach Ansicht der Referentin den politischen Willen und die Bereitschaft von Kultus- und Sozialministerien, zusammenzuarbeiten. Außerdem müssten auf der Verwaltungsebene die nötigen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Es müsse nichts Neues erfunden werden, vielmehr gelte es, das, was schon da sei, sinnvoll zusammenzufügen. Am besten sollten Vertreter/innen von Politik, Ämtern, Trägern, Vereinen, Initiativen, pädagogischen Fachkräften und Eltern an einem Runden Tisch gemeinsam analysieren und die Situation bewerten. Die Jugendhilfeplanung müsse einbezogen werden und keinesfalls dürfe es an politischer Steuerung und Koordination fehlen. Allzu oft werde die Praxis alleine gelassen und sie mache dann das Beste aus der Situation.


Auch Eltern müssen sich wohlfühlen

Präsentationen von Best-Practice-Beispielen bestätigten diese Aussage. Vertreterinnen von Familienzentren aus Reutlingen, Mannheim, Stuttgart Bad-Cannstatt und Ludwigsburg erzählten, wie sie ihre Kita auf dem Weg zum KiFaz begleiteten und welch außergewöhnliche Orte entstanden seien. In Reutlingen wird das KiFaz liebevoll „eine Heimat auf Zeit“ genannt und der Leitgedanke im KiFaz in Stuttgart Bad Cannstatt lautet: „Erst wenn sich die Eltern in der Einrichtung wohlfühlen, können auch die Kinder bei uns ankommen“. Einige der Mütter kamen zur Tagung, um über das Rucksack-Mentoren-Projekt und unterschiedliche Aktivitäten wie Familienfreizeit, Frauenabende, Männerabende und Brunch zu erzählen. Beeindruckt hat die Entwicklung einer jungen Mutter mit Migrationshintergrund, die die gute Zusammenarbeit mit dem KiFaz dazu bewegte, dort eine PIA-Ausbildung (Praxisintegrierte Ausbildung für Erzieher/innen) zu absolvieren.
Cornelia Vogel, Vorsitzende der Landesfachgruppe Tageseinrichtungen für Kinder in der GEW Baden-Württemberg und Leiterin des evangelischen KiFaz in Ludwigsburg, stellte dar, was ein solches Zentrum alles vermag: Mit dem flexiblem Betreuungsangebot können Eltern Berufstätigkeit und Familie gut unter einen Hut bringen. Die Familien können sich dort treffen, austauschen und eigene kleine Netzwerke knüpfen. Beratungsangebote stehen ihnen vor Ort schnell und unbürokratisch zur Verfügung, und zwar immer dann, wenn Hilfe benötigt wird. Darüber hinaus erhalten sie Informationen zu Kindererziehung oder zur allgemeinen Lebensgestaltung. Auch Veranstaltungen, die sich die Familien wünschen, können organisiert werden.
Thekla Walker, Vorsitzende der Grünen Baden-Württemberg, und Muhterem Aras kamen zu dem Schluss, dass KiFaz als Zukunftsmodell für alle Kindertageseinrichtungen gesehen werden können. Mit der Einführung sollte man allerdings an Brennpunkten beginnen. Es bedürfe einer Grundsatzentscheidung vom Land, dieses Modell umzusetzen, und schließlich müsse ein Runder Tisch einberufen werden, an dem unter anderem mit Kommunen und Trägern ein Qualitätspapier entwickelt werden könne.


Auch Tagungsteilnehmer/innen meldeten sich zu Wort. Als wichtig wurde die Einrichtung einer Kompetenzstelle für KiFaz erachtet bzw. das Erstellen eines Strategieplans. Keinesfalls dürften die bereits bestehenden regionalen Ressourcen unberücksichtigt bleiben. Es sei schon viel Gutes da. Auf alle Fälle soll der Index für Inklusion, der sich als geeignetes Instrument erwiesen habe, in den Plan mit aufgenommen werden. Doro Moritz, Landesvorsitzende der GEW, appellierte an die Vertreter/innen der Politik, das Thema Kinder- und Familienzentren unbedingt noch in dieser Wahlperiode zu berücksichtigen.

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