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Kita-Notstand: Pädagogische Fachkräfte dringend gesucht

30.04.2018 - Heike Pommerening, stellvertretende GEW-Landesvorsitzende

Immer mehr Stellen in der Frühen Bildung können nicht besetzt werden. Die Folge sind Wartezeiten für Krippen- und Kita-Plätze und kürzere Öffnungszeiten. Die bisherigen Maßnahmen der Landesregierung zur Fachkräftegewinnung reichen nicht aus.

Bereits im November 2016 hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg auf der Landespressekonferenz auf die problematische Entwicklung in der Frühen Bildung durch den zunehmenden Personalmangel hingewiesen. Mittlerweile können in fast allen Regionen des Landes offene Stellen nicht mehr besetzt werden. In der Folge müssen Eltern auf einen Krippen- oder Kita-Platz warten oder Abstriche bei den Öffnungszeiten in Kauf nehmen.

Politiker/innen aller Parteien betonen seit Jahren wie wichtig eine gute Frühe Bildung sei, damit die Bildungschancen der Kinder nicht länger von ihrer sozialen Herkunft abhängig seien. Doch eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhält Priorität. Da die Unternehmen Fachkräfte brauchen, wurde 2013 der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz gesetzlich verankert und nachfolgend vorrangig in den quantitativen Ausbau, also in die Schaffung neuer Plätze investiert.

Die vielen neu geschaffenen Krippen- und Kita-Plätze können jedoch ohne frühpädagogische Fachkräfte nicht in Betrieb genommen werden. Und die Situation wird sich weiter verschärfen.

Steigender Ersatzbedarf für ausscheidende Fachkräfte

In den nächsten zehn Jahren wird rund ein Viertel der frühpädagogischen Fachkräfte aus dem Berufsfeld ausscheiden, da sie das Renteneintrittsalter erreichen oder aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig ausscheiden. Derzeit gehen Erzieher/innen mit durchschnittlich 63 Jahren in Rente (2011: 62 Jahre). Diejenigen, die wegen verminderter Erwerbsfähigkeit den Beruf aufgeben müssen, verlassen bereits deutlich vor dem 60. Lebensjahr das Berufsfeld.

Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) nimmt an, dass nicht alle Fachkräfte ohne Unterbrechung bis zum Renteneintritt in Kindertageseinrichtungen verbleiben und dass ein Prozent aller pädagogisch Tätigen pro Jahr auf Grund der hohen Belastung endgültig ausscheidet. 

Das ergibt einen Ersatzbedarf von rund 20.000 Fachkräften bis 2025.

Waren Geburtenzahlen in Baden-Württemberg bis 2012 noch rückläufig, so steigen sie seit 2013 wieder an.

Aus einer aktuellen Studie von Klaus Klemm und Dirk Zorn zur Bevölkerungsentwicklung in Baden-Württemberg geht hervor, dass sich diese Entwicklung auch in den kommenden Jahren voraussichtlich fortsetzen wird. Nicht enthalten in diesen Zahlen sind Zu- und Abwanderungen nach Baden-Württemberg.

Betreuungsbedarf nimmt zu

Im „Kinderbetreuungsreport 2017“ kommt das DJI zu der Schlussfolgerung, dass Baden-Württemberg beim Ausbau der Krippen- und Kitaplätze zwar deutlich vorangekommen sei, dieser jedoch noch lange nicht ausreiche. Nach wie vor bestehe eine deutliche Kluft zwischen Elternwünschen und vorhandenen Betreuungsplätzen. Vor allem das Platzangebot für ein- und zweijährige Kinder sei noch zu gering.

Im Jahr 2015 erreichte Baden-Württemberg eine Betreuungsquote von knapp 28 Prozent. Allerdings gibt es große regionale Unterschiede in der Versorgung. Der aktuelle Bedarf an Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren wird für Baden-Württemberg auf 41,5 Prozent geschätzt.

Zusätzlichen Bedarf gibt es, so die Studie, auch an ganztägigen Krippen- und Kita-Plätzen. Laut Statistischem Landesamt lag der Anteil der Kinder unter drei Jahren, die ganztags betreut wurden, am 1. März 2015 bei 38,4 Prozent und damit 2,5 Prozentpunkte höher als im Vorjahr. Im Jahr 2007 waren es noch 23 Prozent. 

In der Altersgruppe der Drei- bis unter Sechsjährigen hat sich der Anteil der Kinder mit einer durchgehenden Betreuungszeit von mehr als sieben Stunden ebenfalls kontinuierlich erhöht. Von 8,5 Prozent in 2007 auf 22,6 Prozent in 2015.

Der Vergleich dieser Zahlen mit den erhobenen Elternwünschen zeigt, dass auch hier noch deutlicher Ausbaubedarf besteht. Denn in Baden-Württemberg, so der DJI-Kinderbetreuungsreport, wünschen sich 43 Prozent der Eltern von unter Dreijährigen einen Betreuungsumfang von mehr als sieben Stunden täglich, bei den Drei- bis unter Sechsjährigen sind es 36 Prozent.

Der notwendige Ausbau von Krippenplätzen und ganztägigen Betreuungsangeboten wird den Bedarf an frühpädagogischen Fachkräften in den nächsten zehn Jahren noch zusätzlich erhöhen. Der Umfang lässt sich derzeit allerdings nur auf Grundlage der Stellen- und Personalentwicklung der vergangenen Jahre prognostizieren: Zwischen 2013 und 2015 wurden landesweit in den Kitas 11.631 neue Vollzeitstellen geschaffen und 18.100 Beschäftigte zusätzlich eingestellt. Im Jahresdurchschnitt sind dies knapp 4.000 Stellen und circa 6.000 Beschäftigte.

Bisherige Maßnahmen der Landesregierung zur Fachkräftegewinnung

Um den steigenden Personalbedarf zu decken, wurden in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren verschiedene Maßnahmen ergriffen. Zum einen wurde die Ausbildungskapazität erhöht, zum anderen der Fachkräftekatalog im Kindertagesbetreuungsgesetz erweitert.

In den vergangenen Jahren wurden die Ausbildungskapazitäten an den Fachschulen für Sozialpädagogik kontinuierlich ausgebaut. Darüber hinaus wurde zum Schuljahr 2012/13 die Praxisintegrierte Erzieher/innen-Ausbildung (PIA) eingeführt. Ziel dieser neuen vergüteten Ausbildungsform war es, zusätzliche Interessenten für den Erzieher/innen-Beruf zu gewinnen. Da dies bislang gut gelungen ist, wurde PIA zum Schuljahr 2017/18 in die Regelform übernommen.

Im Schuljahr 2016/17 begannen insgesamt 4.769 Schüler/innen ihr erstes Ausbildungsjahr an einer Fachschule für Sozialpädagogik. Darunter 3404 (71,4 Prozent) in der tradierten Form und 1365 (28,6 Prozent) in PIA.

Auffallend ist jedoch, dass ein wachsender Teil der Schüler/innen die Fachschulausbildung abbrechen. Zwischen 1997 und 2012 lag der Anteil der Schulabgänger ohne Abschlusszeugnis noch bei durchschnittlich 7,5 Prozent. Seit 2013 liegt dieser Anteil bei über elf Prozent, im Jahr 2015 sogar bei 17 Prozent.

Diese Zahlen deuten darauf hin, dass

  1. der Ausbau der Ausbildungskapazität in keiner Weise mit dem zu erwartenden Bedarf Schritt hält.
  2. die Zahl der derzeit in Baden-Württemberg pro Jahr ausgebildeten Fachkräfte (rein rechnerisch) gerade in etwa ausreicht um den Ersatzbedarf bis 2025 zu decken.
  3. alle weiteren zusätzlichen Platzbedarfe, die sich aus den steigenden Kinderzahlen und den erweiterten Betreuungswünschen der Eltern ergeben, nicht mehr abgedeckt werden können.

Neufassung der Fachkraft-Definition im KiTaG

Der Fachkräftemangel in Baden-Württemberg hat auch dazu geführt, dass der Zugang zum Beruf der Erzieherin/des Erziehers immer mehr aufgeweicht wurde. Seit der Neufassung des § 7 „Pädagogisches Personal und Zusatzkräfte“ im Kindertagesbetreuungsgesetz (KiTaG) im Jahr 2013 besteht für andere, nicht frühpädagogisch ausgebildete Berufsgruppen (zum Beispiel Gesundheits- und Therapieberufe, Hebammen, Familienhelfer/innen) die Möglichkeit, als „Fachkraft“ zu gelten.

Sie brauchen dafür lediglich 25 Tage Nachqualifizierung, die vor oder berufsbegleitend zu durchlaufen ist oder es genügt ein einjähriges betreutes Berufspraktikum.

Inzwischen zeichnet sich jedoch ab, dass die Träger ihrer Verantwortung nur unzureichend nachkommen, das heißt die 25-tägige Nachqualifizierung in Pädagogik der Kindheit und Entwicklungspsychologie findet häufig nicht mal statt. Deshalb wies das Kultusministerium die Kita-Träger Anfang Juni 2017 darauf hin, dass fünf Tage der Schulung in den ersten drei Monaten nach Aufnahme der Beschäftigung absolviert werden müssen.

Und weiter: „Werden die Fortbildungstage innerhalb der ersten beiden Jahre der Beschäftigung nicht oder nicht zur Gänze absolviert, ist eine Anrechnung auf den Mindestpersonalschlüssel so lange nicht mehr möglich, bis mindestens 25 Fortbildungstage absolviert wurden.“

Dadurch relativieren sich dann auch die Erfolgsmeldungen über die sehr gute personelle Ausstattung der frühen Bildung im Land. Die Bertelsmann-Länderstudie attestiert Baden-Württemberg zwar bundesweit den besten Personalschlüssel in Krippen (1:3) und Kindergärten/Kindertagesstätten (1:7).

Bei genauerer Betrachtung wird jedoch sichtbar, dass in den Kitas zunehmend Personal beschäftigt ist, dass über keine originäre frühpädagogische Ausbildung mehr verfügt (sieben Prozent). Diese werden jedoch in der Studie – genauso wie auch die Auszubildenden (sieben Prozent) – als „volle“ Fachkraft auf den Personalschlüssel angerechnet.

Erzieher/innenberuf aufwerten – Arbeitsbedingungen verbessern

Der Fachkräftemangel ist mittlerweile in der Praxis deutlich spürbar und führt zu einer hohen Arbeitsbelastung und Unzufriedenheit im Arbeitsfeld. Vor allem, weil es immer öfter lediglich darum geht den Betrieb aufrecht zu erhalten, sprich die Aufsicht zu gewährleisten. Wenn Stellen nicht besetzt sind und zusätzlich Personal ausfällt, bleibt oft keine Zeit für die Vorbereitung der pädagogischen Arbeit mit den Kindern, geschweige denn für die Qualitätsentwicklung.

Unter diesen Voraussetzungen sind Versprechen für einen weiteren Ausbau pure Worthülsen, die überhaupt nicht realisierbar sind – es sei denn, man setzt diese weiterhin auf Kosten der Qualität um.

Eine Fachkräfteoffensive setzt voraus, dass die Politik endlich eine grundlegende Fehlentwicklung der Vergangenheit korrigiert. Über Jahre hinweg wurden die Beschäftigten im öffentlichen Dienst vornehmlich als Sparpotential betrachtet.

Diese Sparmaßnahmen führen beispielsweise dazu, dass die seit zehn Jahren an Hochschulen akademisch ausgebildeten Kindheitspädagog/innen teilweise schlechter bezahlt werden, als Erzieher/innen, da es bislang kein Eingruppierungsmerkmal für sie gibt. Aus diesem Grund verbleiben nur die wenigsten der jährlich durchschnittlich 600 jungen Bachelor-Absolventen/innen auch tatsächlich dauerhaft in den Kindertageseinrichtungen.

Hier muss dringend nachjustiert werden. Denn in Zukunft wird man um eine Akademisierung des Erzieher/innen-Berufs nicht herumkommen. Nicht nur aufgrund der gestiegenen Anforderungen an das Arbeitsfeld, sondern hauptsächlich auch wegen des veränderten Ausbildungsverhaltens der Jugendlichen: Der Drang zu Abitur und Studium ist ungebrochen.

Die Übergangsquote von Realschüler/innen in die Berufsausbildung beträgt derzeit unter 30 Prozent. Wer also zukünftig ausreichend qualifizierte frühpädagogische Fachkräfte gewinnen will, wird nicht auf Abiturient/innen beziehungsweise akademisch Qualifizierte verzichten können.

Doch damit dies gelingt, muss zunächst die Attraktivität des Erzieher/innen-Berufs erhöht und die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Die Politik argumentiert zwar immer wieder, dass in Zeiten knapper Fachkräfte zeitliche Entlastungen nicht möglich seien. Doch das Gegenteil ist richtig: Wer aus dem Teufelskreis von schlechten Rahmen- und Arbeitsbedingungen und fehlenden Fachkräften herauskommen will, der muss zuerst die Arbeitsbedingungen verbessern.

Wenn hier nicht bald gegengesteuert wird, droht auch der quantitative Ausbau der Frühen Bildung in den Kindertageseinrichtungen an die Wand zu fahren. Dann wird Baden-Württemberg den „Bertelsmann-Spitzenplatz“ beim Personalschlüssel ganz schnell verlieren.

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