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LehrerfortbildungLand unter zum Schuljahresanfang

Kultusministerin Susanne Eisenmann will die Qualität an Schulen verbessern. Das Gegenteil ist der Fall: Lehrkräfte können sich nicht für Fortbildungen anmelden. Ansprechpartner fehlen, Verantwortlichkeiten sind ungeklärt. Das Chaos war vorhersehbar.

01.10.2019 - Wolfgang Straub, stellvertretender Vorsitzender der Fachgruppe Schulaufsicht, Schulverwaltung, Seminare, Schulpsychologie

Zum Schuljahresbeginn können sich Lehrkräfte nicht zu Fortbildungsveranstaltungen anmelden, geplante Fortbildungen lassen sich erst gar nicht anlegen. Bei Problemen fehlen Ansprechpartner/innen und Verantwortlichkeiten sind ungeklärt. Wo liegen die Ursachen für die Probleme und was muss getan werden?

Seit März 2019 ist das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) für die Lehrerfortbildung verantwortlich. Zuvor waren die Landesakademie für Lehrerfortbildung für die landesweite und die Staatlichen Schulämter und Regierungspräsidien für die regionale Lehrerfortbildung zuständig. Die Akademiestandorte sind zu Außenstellen des ZSL geworden und werden von der Zentrale gesteuert. Die Planung und Organisation der regionalen Fortbildung ist jetzt Aufgabe der neu eingerichteten sechs Regionalstellen des ZSL. Die neue Struktur muss erst aufgebaut werden und ist bislang nur eingeschränkt arbeitsfähig. Deshalb wurden die Staatlichen Schulämter und die Regierungspräsidien beauftragt, das Fortbildungsprogramm für das Schuljahr 2019/20 zu planen, obwohl das Personal teilweise nicht mehr vorhanden war. Seit 11. September 2019 verwalten die Regionalstellen des ZSL das regionale Fortbildungsprogramm.

Einführung einer neuen Software

Zeitgleich mit der Umstrukturierung haben das Kultusministerium (KM) und das ZSL die neue Software  „LFB-online“ zur Planung und Organisation der Fortbildungen eingeführt. Das neue Programm ist mit dem bisherigen nicht kompatibel, so dass Daten aus dem bisherigen Programm nicht übernommen werden können. Mitarbeiter/innen in der Schulverwaltung wurden für das neue Programm geschult, obwohl sie diese Aufgaben nur noch wenige Monate wahrnehmen sollten.

Der Hauptpersonalrat für den außerschulischen Bereich (HPR asB) hat seit Monaten Bedenken geäußert, eine neue Software, deren Funktionalitäten noch nicht fertig entwickelt und schon gar nicht getestet sind, während der Umstrukturierung übereilt einzuführen. Die Projektverantwortlichen im KM und ZSL waren jedoch von der Qualität und Funktionsfähigkeit des neuen Programms überzeugt und versicherten wiederholt, dass alles bestens vorbereitet sei. Der HPR asB hat deshalb der Inbetriebnahme der Software nur unter Zurückstellung seiner Bedenken und mit Bedingungen zum Schutz der Mitarbeiter/innen vor Überlastung vorläufig zugestimmt.

Zentralisierung des Angebots

Die Mitarbeiter/innen in den Regierungspräsidien und den Staatlichen Schulämtern hatten auftragsgemäß die jetzt startenden Fortbildungsveranstaltungen für ihre jeweilige Region geplant. Sie erfuhren kurz vor der Sommerpause, dass es für das Schuljahr 2019/20 keine regionalen Kataloge mehr geben wird, sondern eine landesweite Datenbank. Die Anmeldung zur regionalen Fortbildung ist nun landesweit möglich.

Völlig ungeklärt ist jedoch, wer Teilnehmer/innen zulässt, wie Personalräte eingebunden werden und wer die Reisekosten übernimmt. Da die Veranstaltungen für das neue Schuljahr regional geplant wurden und jetzt zentral angeboten werden, fehlt dem Programm jegliche Struktur und Konsistenz.

Fehlende Steuerung des Übergangs

Für eine so einschneidende Veränderung der Zuständigkeiten, der Administration und der Rahmenbedingungen für die Lehrerfortbildung wäre ein sorgfältiges Projektmanagement erforderlich gewesen. Das ist jedoch derzeit nicht vorhanden. Die Leitung des ZSL ist landesweit unterwegs, um Visionen zu verkünden. Die Mitarbeiter/innen vor Ort, so sie denn vorhanden sind, handeln mit großem persönlichem Einsatz und in guter Absicht, aber weitgehend unkoordiniert.

Das Chaos war vorhersehbar. Gerade die bessere Steuerung der Themen und der Angebote für die Fortbildungen sollten die Qualität verbessern. Stattdessen verschlechtert sich die Unterstützung der Lehrkräfte gerade kontinuierlich.

Berufsbild für Aus- und Fortbildner/innen fehlt

Obwohl das neue Berufsbild seit Monaten angekündigt wird, gibt es noch immer keine Anhaltspunkte, wie sich die Arbeit der Aus- und Fortbildner/innen in Zukunft gestalten wird, wie viele Personen gebraucht werden und wie sie für ihre qualifizierte Arbeit entlohnt werden sollen. In den regionalen Informationsveranstaltungen für die Fachberater/innen des gehobenen Dienstes blieben viele Fragen offen. Die Leitung des ZSL verkündet eine künftig weitgehend informelle Struktur von Landesfachteams, ohne dass die Rahmenbedingungen für deren Arbeit geklärt wären. Auch die Honorierung dieser Tätigkeit ist unklar.

Das zum Schuljahresbeginn entstandene Chaos in der regionalen Lehrerfortbildung hat folglich vielfältige Ursachen. Hinzu kommt ein Wasserschaden, der seit Mitte September die Zentrale des ZSL und die Regionalstelle Stuttgart voraussichtlich für Monate unbenutzbar macht. Das KM hat seine Steuerungsaufgaben bei der Lehrerfortbildung fast vollständig an das ZSL abgegeben. Wegen unzureichender Rahmenbedingungen kann das ZSL die Aufgaben nicht ausreichend wahrnehmen. Die Leitung des ZSL erweckt den Eindruck, dass sie am „großen Wurf“ interessiert ist, dass sie aber die Probleme vor Ort und in den Regionen nicht kennt und auch nicht wahrnehmen will.

Ein Kommentar von Doro Moritz, GEW-Landesvorsitzende.

Kultusministerin Susanne Eisenmann bestand auf der überhasteten Umsetzung des neuen Qualitätskonzepts zum 1. März 2019. Ein öffentlich sichtbarer Erfolg war wichtiger als eine gründliche Vorbereitung. Eine Vorstellung, wie die bisherigen in die neuen Zuständigkeiten überführt werden, gab es nicht. Klar war nur die Vorgabe, dass das neue Qualitätskonzept kostenneutral umgesetzt werden muss. Deshalb fehlen jetzt Konzepte, Geld und Personen. Nur ein Beispiel: Fachberater/innen müssen einmal wöchentlich ans ZSL oder zu einer Regionalstelle fahren, um ihre E-Mails zu bearbeiten. Das ist unprofessionell.

Jetzt haben wir eine schwierige Situation. Bestehende Strukturen wurden zerschlagen, bevor neue aufgebaut sind. Unprofessionelle Stellenbesetzungsverfahren lösen massiven Frust bei den Beteiligten aus. Aufgaben werden umgeschichtet, um sie danach umgehend wieder an die ursprünglich zuständige Stelle zurückzugeben. Das liegt nicht nur am Wasserschaden des ZSL.

Wahrscheinlich müssen jetzt bald Hochglanzbroschüren und konzeptionelle Eintagsfliegen den Eindruck eines positiven Prozesses vermitteln.

Für die GEW ist klar, dass die sechs Regionalstellen des ZSL nicht in der Lage sein werden, eine schulnahe, am Fortbildungsbedarf der Lehrkräfte orientierte Fortbildung zu gewährleisten. Die Regionalstellen sind personell viel zu schlecht ausgestattet, um die vielen Aufgaben, die ihnen zugedacht sind, wahrnehmen zu können. Die Zentrale des ZSL wird dies nicht kompensieren können. Die GEW wiederholt deshalb den Vorschlag, die Seminare für Lehrerausbildung und für Lehrerfortbildung zu „regionalen didaktischen Zentren“ weiterzuentwickeln. Dies wird jedoch nicht möglich sein, wenn man sie personell ausdünnt und ihre Leitungen schwächt.

Wenn Kultusministerin Susanne Eisenmann eine Qualitätsverbesserung in der schulischen Bildung verspricht, darf sie die Augen vor den aktuellen Problemen in der Lehrerfortbildung nicht verschließen. Sie muss schnellstmöglich dafür sorgen, dass die zuständigen Einrichtungen, insbesondere das ZSL und seine Regionalstellen, personell und finanziell so ausgestattet werden, dass sie ihre Aufgaben wahrnehmen können. Die wichtigste Personengruppe, die Aus- und Fortbildner/innen müssen endlich erfahren, unter welchen Rahmenbedingungen sie ihre Arbeit zukünftig leisten sollen. Die GEW fordert, dass Fachberater/innen im gehobenen Dienst wie die im höheren Dienst, anstatt einer Zulage von 38,81 Euro im Monat, ein Beförderungsamt bekommen.

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