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Halbzeit der grün-schwarzen LandesregierungLehrermangel an beruflichen Schulen besonders dramatisch

Die gescheiterte digitale Bildungsplattform „ella“ ist nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, dass Kultusministerin Susanne Eisenmann mit ihrer Halbzeitbilanz nicht zufrieden sein darf. Große Ankündigungen helfen weder Schülern noch Lehrern.

02.10.2018 - Michael Futterer, stellvertretender Landesvorsitzender

Im September 2018 hat die grün-schwarze Landesregierung in Baden-Württemberg die erste Hälfte ihrer Legislaturperiode hinter sich. Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Kultusministerin Susanne Eisenmann hat sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren vor allem als Ministerin der großen Ankündigungen hervorgetan.

Digitalisierung: „ella“ ist gescheitert

Die Digitalisierung ist das zentrale Ziel des grün-schwarzen Koalitionsvertrages. Dazu sollte im Februar die digitale Bildungsplattform „ella“ starten. Zweifellos ist diese Plattform sinnvoll und notwendig. Wenige Tage vor dem offiziellen Start musste „ella“ aufgrund technischer Mängel aber gestoppt werden und wurde nun endgültig begraben.

Auch wenn die Ministerin nicht für die Technik verantwortlich ist, bleibt dennoch der Vorwurf, dass offensichtlich die medienwirksame Vermarktung der Einführung wichtiger war als die sorgfältige Planung und Umsetzung des Projektes.

Qualitätsentwicklung: Konzepte liegen nicht vor

Vor mehr als einem Jahr kündigte Eisenmann ein neues Qualitätskonzept für die Schulen des Landes an – Starttermin 1. Januar 2019. Insbesondere die Lehrkräftefortbildung solle verbessert und völlig neu aufgestellt werden – verbunden mit der Schaffung zweier neuer Institute und einem Komplettumbau der Schulverwaltung.

Konkrete Konzepte liegen jedoch bislang nicht vor. Bislang zeichnet sich lediglich ab, dass ein „Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung“ mit mehreren hundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geschaffen werden soll. Ob hier aber lediglich ein bürokratischer Wasserkopf entsteht und welchen qualitativen Mehrwert die Schulen davon haben werden, ist mehr als nebulös.

Unterrichtsversorgung: Lehrermangel spitzt sich zu

Der Lehrkräftemangel spitzt sich immer mehr zu. Kultusministerin Eisenmann hat im vergangenen Sommer ein Konzept zur Sicherung der Unterrichtsversorgung verkündet. Ergebnis dieses Jahr: Insgesamt 750 Stellen – 150 mehr als im Vorjahr – konnten zum Schuljahresbeginn über alle Schularten hinweg nicht besetzt werden.

Auch an den beruflichen Schulen waren nur 960 der 1.046 Stellen besetzt. Im Bereich der Beruflichen Schulen gibt es schon seit Jahren einen erheblichen Mangel an Bewerberinnen und Bewerbern. In den vergangenen zehn Jahren beendeten jährlich 350 bis 450 Referendarinnen und Referendare ihren Vorbereitungsdienst, die Zahl der besetzbaren Stellen für wissenschaftliche Lehrkräfte bewegte sich allerdings zwischen 570 und 1.315 Stellen.

Besonders dramatisch ist die Situation bei den berufsbezogenen Fächern Gewerbe. Weil noch nicht einmal die Hälfte der Stellen aus der eigenen Ausbildung besetzt werden konnte, greift das Kultusministerium (KM) auf den Direkteinstieg zurück. Allerdings ist auch hier die Zahl der Interessenten stark rückläufig (2015: 760 – 2018: 163).

Die von Eisenmann verkündeten Maßnahmen zeigen eine eher bescheidene Wirkung: Über alle Schularten hinweg konnten zum Beispiel 104 Deputate mit Pensionären besetzt werden, 250 durch Deputatsaufstockungen und 42 durch vorzeitige Rückkehr aus der Beurlaubung. Und in der Beschulung von Geflüchteten wurden insgesamt 528 Stellen über befristete Verträge mit Bewerber/innen besetzt, die nicht die Voraussetzungen zur Einstellung in ein Lehramt erfüllen. Auch wenn diese Maßnahmen im Einzelfall ihre Berechtigung haben mögen, letztlich sind sie nur Flickschusterei.

Vorgriffsstundenmodell wirft Fragen auf

Kultusministerin Eisenmann denkt jetzt über ein Vorgriffsstundenmodell nach, also über befristete Mehrarbeit der Lehrkräfte, die in späteren Jahren zurückgegeben wird. Diese Überlegungen dokumentieren aber eher die völlige Ratlosigkeit dieser Regierung.

An den Beruflichen Schulen wird bereits seit Jahren mit Bugwellenstunden gearbeitet, faktisch sind das nichts anderes als Vorgriffstunden. Die Bugwelle steigt seit 2015 wieder und hat mittlerweile eine Größenordnung von 1.850 Deputaten erreicht. Welchen Mehrwert sich die Kultusministerin von einem Vorgriffsstundenmodell verspricht, bleibt unklar.

Im Bereich der allgemein bildenden Schulen wurde in den neunziger Jahren ein Vorgriffsstundenmodell gefahren. Die Lehrkräfte arbeiteten fünf Jahre lang eine Stunde mehr und konnten diese Mehrarbeit dann zu einem späteren Zeitpunkt – bei sinkenden Schüler/innenzahlen – abfeiern. Das KM verkennt allerdings, dass es damals eine völlig andere Situation gab. Damals gab es einen Stellenmangel, das heißt bei steigenden Schüler/innenzahlen war das Land im Rahmen seiner Sparpolitik nicht bereit, in ausreichendem Maße zusätzliche Stellen zu schaffen.

Heute gibt es einen Bewerber/innenmangel. Das heißt die Schulen befinden sich am Ende eines 15-jährigen Schüler/innenrückganges und das Land ist bereits jetzt nicht in der Lage, die vorhanden Stellen zu besetzen.

Lehrerberuf attraktiver machen

Es gibt auf dem Arbeitsmarkt mittlerweile einen generellen Mangel an Fachkräften und auf diesem Markt ist das KM immer weniger konkurrenzfähig. Gerade in den berufsbezogenen Fächern Gewerbe steht das Land in direkter Konkurrenz zur freien Wirtschaft. Hier rächt sich, dass die öffentlichen Arbeitgeber über mehr als 20 Jahre hinweg in den Beschäftigten vor allem ein Sparpotential gesehen haben.

Wenn die Ministerin erklärt, dass eine höhere Bezahlung das Problem nicht lösen werde und zudem über die mangelnde regionale Flexibilität der jungen Lehrerinnen und Lehrer schimpft, dann hat das eher mit wachsender Realitätsverweigerung zu tun.

Wer das Problem des Lehrermangels angehen will, der muss vor allem den Lehrerberuf attraktiver machen. Mehrarbeit in Form eines Vorgriffsstundenmodells löst hier überhaupt nichts.

  1. Vorgriffsstunden verlagern die Probleme lediglich in die Zukunft. Wer Vorgriffsstunden will, muss beantworten, wann und wie diese zurückgegeben werden sollen. Wenn das Land heute Probleme hat, ausreichend Bewerber/innen zu finden, dann bleibt die Frage, wie dies in Zukunft bei voraussichtlich wieder steigenden Schülerzahlen und damit auch Stellenbedarfen gelingen soll. Das KM schiebt an den Beruflichen Schulen seit Jahren eine Bugwelle vor sich her, ohne einen erkennbaren Plan, wie diese insgesamt abgebaut werden soll.
  2. Die Vorstellung, dass der Beruf der Lehrkraft dadurch attraktiver wird, dass die vorhandenen Lehrkräfte mehr arbeiten, beziehungsweise dass man diese auspresst wie eine Zitrone, ist bar jeder Realität.

Nach zweieinhalb Jahren Grün-Schwarz bleibt festzuhalten: Zweifellos gibt es im Bildungssystem in Baden-Württemberg eine Vielzahl von Problemen. Die bloße Ankündigung von Maßnahmen und Programmen und eine medienwirksame Schaufensterpolitik hilft aber niemanden – weder dem Bildungssystem noch den Schulen oder den Schüler/innen oder den Lehrkräften. Auch der immer wiederkehrende Versuch für alle Probleme immer die Vorgängerregierung verantwortlich zu machen, unterstreicht bestenfalls Hilflosigkeit. Grün-Schwarz ist seit zweieinhalb Jahren in der Regierung – und damit auch in der Verantwortung.

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