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Lehrermangel betrifft auch Ruheständler

Der Lehrkräftemangel zeichnet sich für das Schuljahr 2017/18 besonders gravierend ab. Das „Maßnahmenpaket zur Lehrergewinnung“ der Kultusministerin Eisenmann vom 14. Juli 2017 sieht Maßnahmen vor, die auch Kolleg/innen im Ruhestand betreffen.

20.11.2017 - Barbara Haas, Leiterin Vorstandsbereich Senior/innen

Ministerin Eisenmann will bereits pensionierte Lehrkräfte sowie angehende Pensionärinnen und Pensionäre „aktivieren“ durch die weitere Öffnung der Hinzuverdienstgrenze: Die 2016 durch die Änderung des § 68 Landesbeamtenversorgungsgesetzes geöffnete Zuverdienstgrenze wurde bisher nur für die Flüchtlingsarbeit in Schulen angewandt. Diese ist nun auch für die Mangelbereiche geöffnet, für die Arbeit an Grundschulen, an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) sowie regional an den übrigen weiterführenden Schularten und fächerspezifisch an den Gymnasien. Das Kultusministerium rechnet mit einem Gewinn von rund 80 Deputaten. Das Hinausschieben der Altersgrenze bis zum 69. Lebensjahr für angehende Pensionärinnen und Pensionäre soll attraktiver gemacht werden. Das KM greift dabei auf Regelungen zurück, die seit der Dienstrechtsreform bestehen: Die Pensionsbezüge steigen bei all denen, die noch nicht den Höchstsatz erreicht haben. Lehrkräfte, die den Höchstsatz bereits erreicht haben, erhalten in jedem Monat, den sie freiwillig weiterarbeiten, einen Zuschlag von zehn Prozent ihrer Bezüge. Das KM berichtet, dass dies bereits rund 200 Personen machen und geht davon aus, dass sich diese Personengruppe um zehn Prozent (20 Personen) steigern lässt.

Noch immer liegt die durchschnittliche Zurruhesetzung von Lehrerinnen und Lehrern bei 63,3 Jahren (ohne eigenfinanzierte Freistellungsjahre vor dem Ruhestand) und nur rund ein Viertel der Kolleginnen und Kollegen arbeitet bis zur gesetzlichen Altersgrenze. Es ist schlichtweg verfehlt, damit zu rechnen, dass hier noch ein großes Potential zur Lehrergewinnung besteht. Vielmehr fordert die GEW schon lange bessere Rahmenbedingungen und seit zwei Jahrzehnten einen nachhaltigen Arbeits- und Gesundheitsschutz, der es den Kolleginnen und Kollegen ermöglicht, bei guter Gesundheit ihren Ruhestand zu erreichen, ohne Stress, ohne zunehmende Arbeitsverdichtung und mit angemessener Altersermäßigung.

Erfahrungsbericht von Erwin Trunk

Seit zwei Jahren bin ich in Pension und freute mich immer, wenn ich angefragt wurde, ob ich für ein paar Stunden Vertretung machen könnte. Gerne kam ich, wenn es zeitlich einigermaßen gepasst hat. Es machte mir Spaß und so bekam ich auch mal wieder die Bestätigung: „Ich kann es noch!“. Letztes Jahr erschien mir meine Tätigkeit zunehmend fragwürdiger. Eine Kollegin aus der Nachbarschule fragte an, ob ich nicht drei Tage für sie kommen könne, weil sie nur, wenn sie für Vertretung sorge, auf Fortbildung gehen dürfe. Natürlich sagte ich zu und genoss es, mich in den drei Tagen wieder einmal fast als Klassenlehrer zu fühlen. Aber – wie schlecht muss es um die Vertretungsreserve für Lehrer/innen stehen, wenn nicht einmal drei Tage Fortbildung mehr möglich sind, ohne dass „Hilfskräfte“ von außen angefragt werden müssen. Und – wie schlecht muss es um die Arbeitsbelastung von Schulleiter/innen stehen, wenn sie als Zuständige nicht mehr Vertretung organisieren.

Für das neue Schuljahr stellt sich für mich die Frage: Kaschiere ich nicht durch meine Tätigkeit als Handschlaglehrer, dass die Landesregierung zu wenig Lehrkräfte ausbildet und einstellt? Mit jeder Stunde, die ich halte, merken die Eltern, die eine große Macht als Wähler und als Antreiber des Schulamtes haben, ja nicht, dass Lehrerinnen und Lehrer für eine gute Schule fehlen. Andererseits: Mit jeder Stunde, die ich nicht halte, lasse ich meine ehemaligen Kolleg/innen und befreundete Lehrer/innen im Regen stehen, und sie können am wenigsten dafür, dass der Landesregierung gute Schule so wenig wert ist.

Deswegen frage ich mich: Ist es unsolidarisch, wenn ich mich den Kolleg/innen verweigere und sie dann zwei Klassen zu versorgen haben, oder ist es notwendig, damit die Regierung endlich merkt, dass es so nicht weitergehen kann? Wie handhaben das andere pensionierte Lehrkräfte? Wie gehen sie mit diesem Zwiespalt um?

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