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Leistungsdenken schon in der Kita?

Unbestritten ist, dass nach dem großen Ausbau der Kleinkindbetreuung jetzt in die Qualitätsentwicklung der Kitas investiert werden muss. Die Grundlagen dafür wurden schon vor 11 Jahren mit dem Orientierungsplan gelegt. Ausreichend finanziert wurde er nie. Wie sich Kitas tatsächlich weiterentwickeln sollen, scheint aber nicht mehr Konsens zu sein.

18.01.2018 - Heike Pommerening, stellvertretende GEW-Landesvorsitzende

Nach dem PISA-Schock im Jahr 2000 hat die Frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen enorm an Aufmerksamkeit und Bedeutung gewonnen. In der Folge wurde in Baden-Württemberg 2006 der „Orientierungsplan für Bildung und Erziehung für die baden-württembergischen Kindergärten“ von der damaligen CDU/FDP-Regierung ausgegeben. Den Plan gibt es mittlerweile 11 Jahre!

Der Orientierungsplan wird in der Kita-Praxis sehr geschätzt. Ihm liegt ein umfassendes, ganzheitliches Bildungsverständnis zugrunde, das an der Eigenmotivation der Kinder anknüpft. Die pädagogischen Zielvorgaben orientieren sich an den Entwicklungsfeldern des Kindes, die als grundlegend für die Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation von Geburt an angesehen werden. Die Gestaltung des Kindergartenalltags steht seither unter dem Motto: „Die Welt mit den Augen der Kinder sehen“. Die Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen wurden geschult und sind seitdem dabei, ihre frühpädagogische Arbeit und die Einrichtungen im Sinne des Orientierungsplans weiterentwickelt. Doch nach der anfänglichen Euphorie ist jetzt mehr und mehr Ernüchterung zu spüren. Denn übrig geblieben sind gestiegene Erwartungen und höhere Arbeitsbelastung durch viele zusätzliche Aufgaben, die ohne zusätzliche Ressourcen bewältigt werden müssen. Seit Jahren verschlechtern sich daher die Arbeitsbedingungen der frühpädagogischen Fachkräfte in den Krippen, Kindergärten und Kindertagesstätten.

Dass die Aufnahme von U3-Kindern, die Ausweitung der Öffnungszeiten, die Integration von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und der Flüchtlingskinder trotz des Fachkräftemangels so gut gelingt, ist in erster Linie dem hohen Verantwortungsbewusstsein und Engagement der frühpädagogischen Fachkräfte zu verdanken. Doch sie leiden zunehmend unter einem Umsetzungsdilemma. Denn einerseits identifizieren sie sich mit den Anforderungen des Orientierungsplans, aber andererseits fehlen die notwendigen Ressourcen, diese in hoher Qualität umzusetzen.

Aus Sicht der GEW werden dringend nachhaltige Entscheidungen und Maßnahmen benötigt, die das Arbeitsfeld dauerhaft entlasten und die Arbeit in den Krippen, Kindergärten und Kindertagesstätten attraktiver machen. Vor allem angesichts des Fachkräftemangels müssen mehr Menschen für die frühpädagogische Arbeit gewonnen und auf hohem Niveau qualifiziert werden. Das wird nur gelingen, wenn die Arbeitsbedingungen verbessert und die Beschäftigten besser entlohnt werden. Doch wenn es um die erforderlichen finanziellen Mittel für den qualitativen Ausbau, den verbindlichen Orientierungsplan und die Aufwertung des Berufsfeldes geht, bleibt es seit Jahren lediglich bei Sonntagsreden. Aktuell ist die Landesregierung wieder von Studien aufgeschreckt. Diesmal sind es die IQB-Vergleichsstudien, die den Viertklässlern aus Baden-Württemberg deutschlandweit nur mittelmäßige Leistungen in Deutsch und Mathe bescheinigt haben. Die Kultusministerin Susanne Eisenmann sieht die Ursachen für das ernüchternde Ergebnis auch in Qualitätsproblemen der Kita.

IQB-Studie – mit Folgen für die Kita?

Mit einem „Pakt für gute Bildung und Betreuung“ sollen die Angebote der frühkindlichen Bildung und Betreuung in Baden-Württemberg sowohl qualitativ als auch quantitativ gestärkt werden. Gemeinsam mit den kommunalen Landesverbänden, den freien Trägern sowie der Kindertagespflege berät das Kultusministerium seit Herbst 2017 über die Schwerpunktsetzung. Laut Eisenmann soll dabei besonders der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule in den Blick genommen und eine verbindliche Qualität in den Kitas angestrebt werden. Staatssekretär im KM, Volker Schebesta (CDU), benannte auf einer GEW-Veranstaltung mit Erzieher/innen Mitte November 2017 in Appenweier bei Offenburg weitere Schwerpunkte, die verhandelt werden sollen. Dazu gehörten die weitere Umsetzung des Orientierungsplans, die Erhöhung der Leitungszeit, die Inklusion im vorschulischen Bereich, die Qualifizierung von Fachberatung, Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel und Finanzierung der Kindertagespflege. In seinen Ausführungen zur zukünftigen Ausrichtung der Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen bezog sich Schebesta ebenfalls auf das schlechte Abschneiden der Viertklässler/innen in Deutsch und Mathematik bei der IQB-Ländervergleich-Studie 2016. Die Pläne der Kultusministerin für die Frühe Bildung sind undurchsichtig. In der Schwäbischen Zeitung wurde Eisenmann so zitiert: „Die IQB-Studie hat gezeigt, dass wir früher ansetzen müssen und ein aufbauendes System brauchen. Daher müssen wir etwa darüber nachdenken, ob wir Vierjährigen mit Sprachförderbedarf verpflichtende Angebote machen.“ Auf der Internetseite des Kultusministeriums heißt es dazu: „Eine fundierte Eingangsuntersuchung und daran anschließende verbindliche Maßnahmen für Kinder mit Förderbedarf sind deshalb zwingend notwendig.“

Hier deutet sich eine neue, eine deutlich leistungsorientierte Qualitätsdiskussion in der Frühen Bildung an. Ersichtlich wird dies, weil Übergang vom Kindergarten in die Grundschule priorisiert und die damit verbundene Einschulungsuntersuchung (ESU) neu justiert wird. Auch zeichnet sich eine Tendenz zum Vorschuljahr mit verpflichtenden Förderplänen ab. Dass die Kindertageseinrichtungen als Angebot der Kinderund Jugendhilfe einen eigenständigen, einen ganzheitlichen Bildungsauftrag haben, der an den Stärken der Kinder ansetzt, wird in solchen Überlegungen ignoriert. Was alleine zählt, ist das „Schulreife Kind“. Für die GEW wäre das ein Rückschritt, denn mit dem Orientierungsplan ist es gelungen, das Kind mit seinen Stärken und nicht mit seinen Defiziten in den Mittelpunkt zu stellen.

 

Damit Kitas den Qualitätskriterien des Orientierungsplans entsprechen können, fordert die GEW:

1. Finanzzuweisungen des Landes an die Kommunen anpassen. Eine qualitativ hochwertige Arbeit nach dem Orientierungsplan verlangt neben einer guten Personalausstattung auch eine moderne Ausstattung der Räume und der Arbeits- und Sachmittel, sprich Spielmaterial. In Räumen von gestern lässt sich eine Pädagogik von heute nur bedingt umsetzten.

2. Arbeitszeit regeln

  • Für Leitungsaufgaben, Teamführung und Qualitätsentwicklung sind mindestens 25 Prozent Leitungszeit pro Kitagruppe verbindlich festzulegen. 
  • Für mittelbare pädagogische Arbeitszeit (Verfügungszeit) zur Vor- und Nachbereitung der frühpädagogischen Arbeit, Beobachtung und Dokumentation, Elternarbeit, Teamsitzungen etc. sind mindestens 25 Prozent der Arbeitszeit verbindlich festzuschreiben

3. Qualitätsentwicklung sichern

  • Für die Team- und Organisationsentwicklung sind pädagogische Tage sowie eine kontinuierliche Praxisbegleitung durch pädagogische Fachberatung zur Verfügung zu stellen.
  • Einstellung von zusätzlichem heilpädagogischen Personals für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Kinder mit Fluchterfahrung.

4. Qualifikationsaufstiege schaffen

  • Schaffung von berufsbegleitenden Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten

5. Ausbildungskapazität steigern

  • Ausbau der Ausbildungsplätze an Fach- und Hochschulen - Schaffung von dualen Studiengängen

6. Entgelt erhöhen 

  • Anhebung des Entgelts für frühpädagogische Fachkräfte
  • Tarifliche Regelungen für Kindheitspädagoginnen

Es besteht dringend Handlungsbedarf, aber bislang fehlt vor allem der politische Wille, den Ausbau der Kindertageseinrichtungen auch mit fachlicher Qualität zu hinterlegen und in die Arbeitsbedingungen der Fachkräfte zu investieren. Dabei belegen diverse Studien, dass sich jeder in die Frühe Bildung investierte Euro vielfach auszahlt. Daher sollte die Landesregierung handeln. Geld dafür ist angesichts sprudelnder Steuereinnahmen genug vorhanden.

 

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