GEW Baden-Württemberg
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„Man muss das aus seinem Herzen heraushalten“

„Gleiches Geld für gleiche und gleichwertige Arbeit“ lautet die GEW-Forderung innerhalb der Initiative „Bildung. Weiter denken“. Was so selbstverständlich klingt, in vielen Schulen aber keineswegs selbstverständlich ist, zeigt b&w in einer Serie. In diesem Teil berichten wir von Lehrkräften an einer Gemeinschaftsschule.

08.03.2017 - b&w Artikel, Jens Buchholz

Was macht die ungleiche Bezahlung mit der Atmosphäre in einer Schule? Ich habe mich in der Heinrich-Schickhardt-Schule, meiner Schule, auf die Suche nach Meinungen zu diesem Thema gemacht. Ich bin einer wütenden Fachlehrerin, mehreren zornigen Grund- und Hauptschullehrer/innen, einer erschütterten Realschullehrerin und einer solidarischen Gymnasiallehrerin begegnet.
Es ist nach der sechsten Stunde im Lehrerzimmer. Ein Stillleben redlicher Erschöpfung nach sechs Stunden pädagogischer Höchstleistung. Einer sitzt am Computer. Einer mümmelt lustlos am Vollkornbrot. Eine zieht die Jacke an und ruft fröhlich ihren Abschiedsgruß. Da sacken die anderen noch mehr zusammen und winken freudlos. Die hat es hinter sich für heute, denke ich. Nicht, dass ich meinen Beruf nicht mag. Im Gegenteil. Aber anstrengend ist er trotzdem.

Die Tische in dem engen Raum sind in einer großen Runde angeordnet. Überall liegen große und kleine Materialhäufchen. Die junge Kollegin Christina stützt ihr Kinn in die Hand. Natalie lehnt sich gemütlich zurück. Und hinter einem großen, aber wohlgeordneten Materialberg beugt sich Elke auf den Unterarmen über den Tisch. Und ich bin auch da. Wir vier sind Parallel-Kolleg/innen. Wir unterrichten die drei sechsten Lerngruppen in der Heinrich-Schickhardt-Schule (HSS) in Bad Boll. Die HSS ist eine Gemeinschaftsschule. Natalie und Elke sind Teamkolleginnen. Christina und ich auch. Heute habe ich mir vorgenommen, die Mittagspause zu nutzen und im Lehrerzimmer Nachforschungen zum Thema „Gleiche Arbeit – gleicher Lohn“ anzustellen.
„Ich bin verbeamtete Fachlehrerin“, erzählt Elke, „ich werde mit A11 besoldet.“ Das verschlägt uns erstmal die Sprache. „Dafür“, fährt sie fort, „habe ich einen Lehrauftrag von 28 Stunden.“ Das verblüfft uns noch mehr. Wir haben einen Lehrauftrag mit 27 Stunden. „Ich dachte, du bist Sonderpädagogin“, hake ich nach. Zusammen mit Natalie arbeitet sie in einem inklusiven Setting. Wenn ich sie im Lehrerzimmer treffe, bereitet sie sich mal auf Deutsch, mal auf Mathe vor. Sie geht mit den Kindern und der Musiklehrerin auf die Bühne bei Festen. Was es auch sei: Elke ist immer kompetent vorbereitet.
„Die Zusammenarbeit mit Elke ist super“, berichtet Natalie. Tatsächlich sind die beiden ein hervorragendes Team, das auch bei Elternabenden oder Elterngesprächen gemeinsam auftritt. Nur ist Natalie ausgebildete Realschullehrerin und mit A13 besoldet. „Ich darf nicht drüber nachdenken“, grummelt Elke, „es ist eigentlich eine Frechheit.“ Keine Frechheit von Natalie. Eine Frechheit des Bezahlungssystems, stellt sie klar.
Ich bin jetzt im zweiten Jahr in der Gemeinschaftsschule. „Ich habe mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, dass wir in der Gemeinschaftsschule unterschiedlich bezahlt werden“, werfe ich in die Runde. Ich bin ausgebildeter Grund- und Hauptschullehrer. Und ehrlich gesagt hatte ich mir auch keinerlei Gedanken dazu gemacht, dass wir verschiedene Lehrkräfte sind. Irgendwie hatte ich gedacht, dass wir eben alle Gemeinschaftsschullehrer/innen sind.

„Bei uns arbeiten Fachlehrkräfte für A11, Grund- und Hauptschullehrkräfte für A12, Realschullehrkräfte, Förderschul- und Gymnasiallehrkräfte für A13“, fasst Elke zusammen. Ein Kollege am Tisch, der bisher nichts gesagt hat, bringt sich jetzt ebenfalls ein: „Fakt ist aber auch, dass ich als Hauptschullehrer unsere Neuntklässler/innen auch auf gymnasialem Niveau unterrichte – ich mache die Arbeit eines Gymnasiallehrers – für A12!“
Jetzt verlässt Natalie ihre bequeme Sitzhaltung: „Das ist schon wahr, aber das muss man irgendwie aus seinem Herzen heraus halten, wie soll denn das sonst gehen hier?“
Ich beschließe, unseren Schulleiter zu fragen, wie das gehen soll. Der Chef gibt mir folgende Info: An einer Gemeinschaftsschule haben alle Lehrkräfte (außer den Fachlehrkräften), egal ob GHS, RS oder Gymnasium ein Deputat von 27 Stunden. Gymnasiallehrkräfte haben normalerweise 25 Stunden, Realschullehrkräfte 26. Das ist irgendwie teilgerecht. An der Besoldung ändert das allerdings nichts. An unserer Schule arbeiten, wenn man die Grundschulkolleginnen mitzählt, um die sechzig Lehrer/innen. Die meisten sind Grund- und Hauptschullehrer/innen. Es gibt vier Realschullehrer/innen und drei Gymnasiallehrer/innen. Alle werden dort eingesetzt, wo sie gebraucht werden.

Als ich das Rektorat verlasse, treffe ich auf eine unserer Studienrätinnen. Oder ist sie Assessorin? Egal, denke ich, sie hat ja auch einen Namen. Ich spreche sie gleich auf das Thema an. „Ehrlich gesagt, habe ich noch nie darüber nachgedacht, wer hier für welche Schulart ausgebildet worden ist“, sagt sie, „ist mir egal, wir sind ja alle Gemeinschaftsschullehrer/innen hier.“ So empfinde ich die Stimmung auch und nicke. „Aber bist du noch nie darauf angesprochen worden, dass du“, ich mache Anführungszeichen mit den Fingern, „mehr verdienst?“ Sie denkt nach. „Nie direkt“, antwortet sie, „aber man kriegt natürlich mit, dass das ein Problem ist.“ Inwiefern ein Problem, will ich wissen. „Wir sind unterschiedlich ausgebildet“, erklärt sie, „und damit ist unsere unterschiedliche Besoldung eigentlich hinreichend begründet.“ Ich nicke. So rein beamtentechnisch betrachtet, ist das richtig. „Aber das Verrückte ist, dass jeder an dieser Schule bereit sein muss, das gymnasiale Niveau zu unterrichten, auch wenn er oder sie ausgebildeter Haupt- oder Realschullehrer/in ist – und dann ist die unterschiedliche Bezahlung ungerecht.“ Und da fällt mir ein, dass meine Parallel-Kollegin Christina sogar mit Schwerpunkt Grundschule studiert hat.

Ich mache mich auf den Rückweg ins Lehrerzimmer. Da meldet sich meine Klassenlehrer-Team-Kollegin Annette über Whatsapp. Sie hat ihre Lohnabrechnung bekommen und schreibt: „Nach vier Jahren mit 19 von 27 Stunden habe ich eine fette Lohnerhöhung von A12/09 auf A12/10 erhalten. 52,85 Euro! Wo soll ich bloß hin mit der ganzen Kohle? Danke für Ihre Wertschätzung, Frau Eisenmann, danke Herr Kretschmann!“ Dann schreibt sie weiter, dass sie aus reiner Neugierde die Besoldungstabellen studiert habe. „In der gleichen Liga erhält eine Gymnasiallehrerin 670 Euro brutto mehr! Ok, ich darf nicht meckern, die 52,85 Euro sind netto!“ Annette ist auch ausgebildete Grund- und Hauptschullehrerin.
Abends beim Lehrerchor treffe ich einen älteren Kollegen. Erst singen wir den Bass. Dann weist er mich auf die Situation bei den neunten Klassen hin. Eine der Lerngruppenleiterinnen ist Studienrätin, die andere Grund- und Hauptschullehrerin. „Da kann man mit längerem Studium argumentieren und ich weiß nicht was – aber die beiden machen exakt die gleiche Arbeit, ist das nicht eher Diskriminierung?“ Aber er legt Wert darauf, dass die Bevorzugten ja nichts für ihre Bevorzugung könnten.
Was macht die ungleiche Bezahlung mit der Atmosphäre in der Gemeinschaftsschule? Sie erzeugt Solidarität, denke ich, als ich nach Hause gehe. Das ist zwar ein schöner Nebeneffekt. Aber gerechte Bezahlung wäre noch schöner.

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