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DienstanfangMein erstes Jahr als Lehrerin

Wie ist das, nach einer langen Ausbildung im Beruf zu starten? Was belastet, was motiviert und wie können erfahrene Lehrkräfte unterstützen? Die Sonderpädagogin Elena Mienert erzählt offen von ihren Erwartungen und ersten Erfahrungen.

06.09.2020 - Von Elena Mienert, Lehrkraft für Sonderpädagogik an einem SBBZ und einer Gemeinschaftsschule in Stuttgart

Wie bereitet man sich auf sein erstes Jahr als Lehrerin vor? In den Sommerferien vor meinem ersten Jahr wusste ich noch nicht besonders viel über meine erste Stelle. Ich kannte die Schule schon aus meinem zweiten Ausbildungsabschnitt als Anwärterin. Nun würde ich mit vollem Lehrauftrag einige Stunden in einer gemischten Klasse 1/2 am Stamm-SBBZ (Förderschwerpunkt Lernen) und viele Stunden an einer Grund- und Gemeinschaftsschule in der Inklusion in einer dritten Klasse tätig sein.

Meine Stunden sollten sich hauptsächlich auf die Hauptfächer konzentrieren. Mit Deutsch und Sachunterricht kannte ich mich aus Studium und Vorbereitungsdienst schon gut aus. Mathematik hingegen kannte ich nur aus den wenigen Seminaren im Studium und aus Hospitationen bei anderen Lehrer*innen. Deshalb befasste ich mich in den Sommerferien hauptsächlich mit Mathematik-Didaktik und entwarf einen groben Plan, welche Themen ich in Deutsch und Mathematik nacheinander behandeln wollte. Die Sommerferien vergingen so recht schnell, und ich wurde Anfang September an meinem ersten offiziellen Arbeitstag vereidigt. Trotz der vielen Praktika und eineinhalb Jahre Vorbereitungsdienst fühlte ich mich an meinem ersten Schultag wie eine Erstklässlerin. Schließlich liegen viele neue Aufgaben vor einem, und der „Welpenschutz“, den man bisher genossen hatte, ist vorbei.

Als Starthilfe bot ein Inklusions-Kollege an, mich bei Fragen in den ersten Wochen zu unterstützen. Dies habe ich als große Hilfe wahrgenommen. Ich hatte jedoch so viele Fragen, dass ich mich nicht nur an eine Person wenden wollte. Der Lehrermangel ist in unserer Schule, wie in so vielen anderen auch, so sehr zu spüren, dass alle schon stark ausgelastet sind. Ich wollte nicht noch eine weitere Belastung sein. Ein Mentoring-Programm, bei dem die Betroffenen an anderen Stellen entlastet werden, wäre aus meiner Sicht flächendeckend wünschenswert.

Neue Schule, neue Begebenheiten

Obwohl ich die Schulen aus dem Vorbereitungsdienst kannte, hat ein halbes Jahr für ein richtiges Kennenlernen nicht ausgereicht. Meine Inklusionsschule – eine Grund- und Gemeinschaftsschule mit circa 600 Schüler*innen in einem Brennpunktgebiet in Stuttgart – hat fast 70 Lehrer*innen, von denen ich die wenigstens kannte. Auch die Kolleg*innen aus der Stammschule waren neu für mich. Dazu kamen die Namen aller Schüler*innen meiner neuen Klassen. Gerade in den ersten Tagen hieß es also Namen lernen, Namen lernen, Namen lernen.

Ein Kommentar von Johanna Schreiber, GEW-Referentin für Junge GEW

„Ankommen in der Schule und im Team, die eigene Unterrichtserfahrung ausbauen und den Materialpool vergrößern, das steht die ersten Jahre an der Schule an. Oft ist es auch eine Zeit, in der private Themen eine große Rolle spielen: Wo und wie möchte ich leben und arbeiten? Wie bekomme ich Familie, Freundschaften und Hobbys unter einen Hut? Was ist mir wichtig im Leben? Diese Fragen sind nur individuell zu beantworten und brauchen Zeit.

Dann ist es gut, in der Rush-hour des Lebens die GEW an der Seite zu haben – und damit ein Netzwerk, das einem den Kopf frei hält für Schule und Unterricht. Was heißt das konkret?

Die GEW sichert dienstliche Risiken ab: Berufsrechtsschutz, Berufshaftpflicht, Schlüsselversicherung. Wir helfen, wenn der Schlüssel verloren geht oder eine Beurteilung von der Schulleitung nicht in Ordnung ist.

Rechtsschutz und Ihre Rechtsberatung haben bei uns Priorität, und wir sind Profis in der Beratung. Die GEW hat vier Geschäftsstellen mit Experter*innen zu Themen, die besonders beim Start an der Schule wichtig sind. Dort kann man ganz unkompliziert anrufen und einen Beratungstermin ausmachen. Probezeit, Teilzeit, Elternzeit, Schulrecht, damit kennen wir uns aus und helfen schnell weiter.

Eigene Kompetenzen ausbauen, Neues entdecken und Spaß haben, das alles wird mit unseren Fortbildungen möglich. In unserem Bildungsprogramm gibt es zahlreiche Angebote, die den Start erleichtern: Stimmtraining, Zeitmanagement, Kreativitäts- und Entspannungstechniken. GEW-Mitglieder können kostenlos an Seminaren teilnehmen.

Als größte Organisation im Bildungsbereich werden wir gehört und können was bewegen. In der Jungen GEW arbeiten wir an Themen, die jungen Kolleg*innen besonders am Herzen liegen: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Work-Life-Balance oder Digitalisierung. Und wir sind erfolgreich! Das Referendariat in Teilzeit, höhere Besoldung am Dienstanfang, Übernahme von Reisekosten zum Ausbildungsseminar, das und mehr ist dem Einsatz der GEW zu verdanken. Wir greifen Themen auf und sorgen dafür, dass sich etwas bewegt. Wer Lust hat, sich für Veränderung einzusetzen, ist herzlich eingeladen mitzumachen.“

Wie an jedem neuen Arbeitsort stand ich nun auch vor der Aufgabe, mich in das Kollegium einzufinden. Tatsächlich wird schon die Suche nach einem Platz im Lehrerzimmer schnell zur Herausforderung: Gibt es feste Plätze oder nicht und was tut man, wenn alle Stühle mit Taschen und Jacken belegt sind?

Dazu kommt, dass viele Abläufe noch nicht klar sind: Wie bestelle ich Bücher und Arbeitsmaterialien für meine Schüler*innen? Woher bekomme ich eigentlich einen Stuhl und einen Tisch für mich im Klassenzimmer? Welche Feiern gibt es und was ist dafür zu tun? Wie melde ich einen Ausflug an? Wie bekomme ich eine eigene E-Mail-Adresse? Wie einen Zugang für die Computer? Mit welchem Programm schreibe ich die Zeugnisse? Und so weiter. Am Anfang fragte ich mich im Kollegium durch. Besonders hilfreich waren auch andere junge Kolleginnen, die jetzt oder im Jahr davor vor den gleichen Fragen standen.

Sich im neuen Alltag und mit neuen Aufgaben zurechtfinden

Wenn man sich nach dem Abitur für den Beruf als Lehrerin entscheidet, denkt man vor allem ans Unterrichten und wie es sein wird, vor der Klasse zu stehen. Im Vorbereitungsdienst bekommt man dann eine grobe Vorstellung davon, dass es noch viele weitere Aufgaben gibt – und in seinem ersten Berufsjahr merkt man dann schnell, dass diese Aufgaben drum herum einen sehr großen Teil der Arbeit ausmachen. Zum Lehrer*in-Sein gehören nicht nur das Unterrichten, sondern auch Vorbereitung, Nachbereitung und Korrekturen, Vertretungsstunden, Elterngespräche, Gespräche mit weiteren Kooperationspartnern (zum Beispiel Jugendamt), Planung von außerunterrichtlichen Veranstaltungen wie Schullandheimen, Schreiben von Berichten, Förderplänen, Gutachten und nicht zuletzt das Abarbeiten einer nicht enden wollenden E-Mail-Flut (die ich durch die Inklusion gleich von zwei Schulen bekam). Das alles kann einen schnell überfordern. Mir hat es bei größeren Aufgaben geholfen, in kleinen Schritten zu planen, so konnte ich sie leichter überschauen.

Vieles habe ich mir während meines Studiums anders vorgestellt. Die technische Ausstattung an meinen Schulen ist (diplomatisch ausgedrückt) ausbaufähig. In beiden Klassenzimmern ist die Tafel immer noch das Hauptmedium. Dazu kommen ein Tageslichtprojektor und ein Computerraum. Nicht nur ich frage mich, wie man so Medienbildung umsetzen soll – und das in Zeiten, in denen fast jedes Kind in meiner 4. Klasse ein Smartphone besitzt.

Eine meiner ersten Anschaffungen mit meinem Gehalt war ein leichtes Convertable-Tablet, das ich einfach mit in die Schule nehmen kann. Computer-Arbeitsplätze für Lehrer*innen sind in Schulen mit absolutem Zimmermangel nicht ausreichend vorhanden.

Was das Lehrersein ausmacht

Als ich noch an der Pädagogischen Hochschule studierte, sagte eine Dozentin: „Das Referendariat war die Hölle, erst danach hat mir mein Beruf richtig Spaß gemacht.“ Diesen Satz kann ich heute gut nachvollziehen. Obwohl ich während des Referendariats weniger Stunden hatte als jetzt, war der Vorbereitungsdienst unheimlich kräfteraubend und eine psychische Belastungsprobe – vor allem die ständige Kontrolle und die Unterrichtsbesuche.

Es gibt Tage, da verlasse ich das Schulgebäude und verfluche mich selbst, dass ich diesen Beruf gewählt habe. Das passiert, wenn es Ärger mit Schüler*innen gab, oder ich eine ewig lange To-do-Liste im Kopf habe. Und dann gibt es wiederum Tage, an denen ich zufrieden nach Hause gehen kann – das sind zum Glück die meisten. Einige der Kinder in meinen Klassen leben in schwierigen familiären Verhältnissen oder haben Traumata-Erfahrungen. Das wirkt sich auch auf den Unterricht aus und hat mich in meinem ersten Jahr oft betroffen und manchmal hilflos gemacht. Da gab es zum Beispiel Kinder, die bei der geringsten Frustration schrien, um sich schlugen, mit Stühlen warfen oder sich unter ihrem Tisch versteckten. Solche Situationen sind jedes Mal eine Belastungsprobe und ich bin sehr froh, dass ich auf die Unterstützung meiner Kolleg*innen und meiner Rektorinnen bauen konnte.

Das Durchhalten und konsequente Handeln lohnt sich: Am Ende meines ersten Schuljahres kam eine meiner schwierigsten Schülerinnen zu mir und bedankte sich, dass ich sie das ganze Schuljahr unterstützt habe. Unter anderem sind es solche Momente, die einem zeigen, den richtigen Beruf gewählt zu haben. Rückblickend kann ich sagen: Ja, aller Anfang ist schwer, aber es wird besser und viele Probleme, vor denen ich vor einem Jahr stand, sind heute keine mehr.

  • Keine Angst vor dem Nachfragen: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, und in jeder Schule gibt es andere Regeln. Gerade zu Beginn kann man nicht alles wissen, aber es gibt immer Kolleg*innen, die einem unter die Arme greifen können.
  • Drum prüfe, wer sich ewig bindet: Gerade in Zeiten des Lehrermangels sollte man sich gut überlegen, an welcher Schule man anfangen möchte. Im Moment ist es teilweise sehr schwierig, sich in andere Bezirke versetzen zu lassen.
  • Kontakt zu den Eltern suchen: Auch wenn es zeitaufwändig ist, ein guter Kontakt zu den Eltern gibt einen guten Einblick in die familiäre Situation des Kindes. Nur wenn man mit den Eltern an einem Strang zieht, lassen sich Veränderungen erwirken.
  • Den eigenen Anspruch herunterschrauben: Auch wenn man es gerne tun würde, aber es ist nicht möglich, alle Stunden so vorzuplanen, wie man das vom Vorbereitungsdienst gewohnt ist.
  • Sich freie Zeiten gönnen: Als Lehrer*in stempelt man nicht ein und abends wieder aus. Das kann Fluch und Segen zugleich sein. Schnell neigt man dazu, sich keine Pausen zu gönnen und auch abends und am Wochenende weiterzuarbeiten.