GEW Baden-Württemberg
Du bist hier:

Digitale Medien in der Realschule AltensteigMit externer Hilfe und Austausch ist viel möglich

Die Friedrich-Boysen-Realschule in Altensteig hat iPad-Klassen eingerichtet. Schulleiter Klaus Ramsaier schwärmt von den Vorteilen. Wie es dazu kam, wie das geht und welche Vorteile digitale Medien haben können, erfuhren wir vor Ort.

27.09.2019

„Ob digitale Medien gut oder schlecht sind, kann man erst beurteilen, wenn man sie ausprobiert hat“, sagt der Schulleiter Klaus Ramsaier der Friedrich-Boysen-Realschule in Altensteig. An seiner Schule werden ab Klasse 8 iPad-Klassen eingerichtet. Wie es dazu kam, wie das geht und welche Vorteile digitale Medien haben können, erfuhr b&w vor Ort.

Klaus Ramsaier wollte schon 2011 Klassen mit Tablets ausstatten. Das Vorhaben ist aber aus Datenschutzgründen zunächst in der Schublade verschwunden. Ein neuer Anstoß kam 2017 über die Rennbuckel-Realschule in Karlsruhe. Gut an der Konzeption dieser Schule fand Ramsaier, dass die Schülerinnen und Schüler von Klasse 5 bis 7 eine Informatik- und Medienausbildung bekommen und erst von Klasse 8 bis 10 Tablets im Unterricht eingesetzt werden. So handhabt es die Boysen-Realschule jetzt auch.

Natürlich braucht es Geld für die Einführung digitaler Geräte und Anwendungen. Der Sponsor der Schule, die Firma Boysen, dessen Namen auch die Schule trägt, verlangte eine schriftliche Konzeption. Alles musste wie bei einem Businessplan berechnet und belegt sein: Ausstattung, Zeitplan, Finanzierung, pädagogisches Konzept. Was anfangs lästig erschien, hat sich als sinnvoll erwiesen. Die Einführung war gut durchdacht und diesmal ist auch der Datenschutz gewährleistet. Die Tablets der Schüler/innen und Lehrkräfte haben keine Apple-ID. Daher sind für Apple keine Rückschlüsse möglich, wem die Geräte gehören. Es werden auch nur Apps eingesetzt, die ohne personalisierte Anmeldung funktionieren. Der Server für die Datencloud steht im Keller. Auf die Daten hat niemand von außen Zugriff.

Zum Start gab es 55.000 Euro vom Sponsor, parallel dazu hat die Stadt Altensteig als Schulträger die Infrastruktur bereitgestellt. Glasfaseranschluss, Server und WLAN wurden installiert. Eine Firma übernahm die Betreuung. Die Infrastruktur baute der Schulträger nicht nur für die Realschule, sondern für alle Schulen der Stadt aus. So reduzieren sich die Anschaffungs- und Wartungskosten pro Schule. „Die Stadt war auch deshalb spendabel, weil der Chef von Boysen in einem Gespräch bemängelt hat, dass nichts vorangehe“, erzählt Ramsaier.

Die Ausstattung war damit geklärt, es galt aber auch, das Kollegium und Eltern mit ins Boot zu holen. Wichtig war dem Schulleiter, dass die Einführung für alle Beteiligten auf Freiwilligkeit beruht. Das hatte geduldige Überzeugungsarbeit zur Folge. Auf einer großen Veranstaltung wurden zunächst die Eckdaten vorgestellt. In Einzelgesprächen suchte Ramsaier nach Lösungen, wenn das Vorhaben bei Eltern auf Ablehnung stieß. 90 Prozent hatten sich für die Einführung der Tablet-Klassen ausgesprochen.

24 von 45 Kolleg/innen waren von Anfang an dabei. „Wenn Lehrkräfte sehen, dass sie sich mit den digitalen Medien ganz leicht Material zuschicken können und auch fragen ‚Wie machst du das?‘, dann werden die Vorteile deutlich“, beschreibt der Schulleiter den Annährungsprozess. Lehrkräften werde seit Jahren gesagt, die Arbeit werde einfacher, es wurde aber komplizierter. Jetzt sei es zum ersten Mal tatsächlich so.

Ramsaier ist überzeugt davon, dass es nötig ist, digitale Geräte und Programme in Schulen einzusetzen. „Sonst bereiten wir Kinder auf eine Welt vor, die es nicht mehr gibt“, sagt er. Ohne das Fach studiert zu haben, unterrichtete der Englisch-, Sport- und Gemeinschaftskunde-Lehrer vom ersten Schultag an Informatik. „Früher musste man Schülerinnen und Schülern erklären, was eine Maus oder ein Laufwerk ist, heute wissen sie es auch nicht mehr. Sie kennen nur noch Smartphones“, erzählt er. So manche Kinder hätten auch zu Hause keinen Drucker mehr. Das ist auch der Grund, warum es an der Schule für alle einen frei zugänglichen Drucker gibt.

Wenn Schüler/innen gut vorbereitet und angeleitet Tablets nutzen dürfen, verändert sich idealerweise der Unterricht, die Rolle des Lehrers, der Lehrerin, die Kommunikation und vieles mehr. „Kinder bekommen was an die Hand und können sich Themen selbst erarbeiten. Das trägt zur Demokratisierung des Unterrichts bei“, berichtet Ramsaier. Hausaufgaben ließen sich nicht mehr abschreiben, weil die Lösungen individuell seien, zum Beispiel wenn Schüler/innen einen Film zu Plattentektonik erstellen sollen. Und der 50-Jährige schwärmt von weiteren Vorteilen: Lehrkräfte erklärten in der Regel ein Thema ein- oder zweimal, wer das verpasst habe, könne es schwer nachholen. Mit mittlerweile sehr guten Videos könnten Schüler/innen den Stoff so oft wiederholen, wie sie wollten. Beziehungen zu den Schüler/innen verbesserten sich, weil Lehrer/innen mehr Zeit für den einzelnen hätten und nicht Stoff für alle wiederholen müssten. Schüler/innen bekämen dadurch das Gefühl, der Lehrer, die Lehrerin lernt mit mir, kümmert sich um mich. Auch die Leistungsmessung werde anders. Faktenwissen mit Auswendiglernen sei zukünftig vorbei.

Erfahrungen weitergeben

Seit 2008 ist Ramsaier Schulleiter der Realschule. Informatik, digitale und soziale Medien sind sein Steckenpferd. Er investiert viel Zeit dafür und hält sich auf dem Laufenden. Sein Wissen will er weitergeben. Die Altensteiger Realschule wird beim Kultusministerium als Hospitationsschule geführt. Andere Schulen sind also eingeladen, sich das Konzept der Schule anzuschauen. Vieles ihrer Vorarbeit bietet die Schule an: Präsentationen, Elternbriefe oder das Finanzierungsmodell.

55.000 Euro vom Sponsor für 140 Tablets für die 8. Klassenstufe. Auch Lehrkräfte bekommen so ein Dienstgerät und müssen nicht ihre privaten Computer einsetzen. Alle bekommen dieselben Geräte. Sie sind Lehrmittel und gehören der Schule wie Bücher.

Das Angebot an die Eltern lautet:

  • Für zehn Euro pro Monat können die Schüler/innen die Geräte leasen, nach Abschluss der Schule gehört das Gerät der Familie.
  • Wer sich die Rate nicht leisten kann, kann davon befreit werden. Dazu ist in einem Formular nur ein zusätzliches Kreuz nötig. Das Anliegen wird sehr diskret gehandhabt. Niemand soll sich scheuen, eine Befreiung zu beantragen.
  • Wenn die Familie das Tablet nicht zu Hause haben will, können Schüler/innen das Gerät im Schließfach in der Schule lassen.

Die Finanzierung der Tablets über die monatliche Rate funktioniert, wenn mindestens 60 Prozent der Eltern mitmachen. Die ersten drei Jahre muss die Schule 15.000 Euro investieren, ab dem vierten Jahr trägt sich die Finanzierung. Die Betreuung der Geräte übernimmt eine Firma. Beispielsweise kann eine Lehrkraft bestellen: „Ich brauche für Klasse 8 in Bio die App XY.“ Um die Installation muss sie sich dann nicht mehr kümmern.

Erfahrungswerte können hilfreich sein, wenn ab September von Schulen mit ihren Schulträgern ein Medienentwicklungsplan (MEP) gefordert wird, damit Geld aus dem DigitalPakt fließen kann. „Nichts überstürzen“, rät der Schulleiter. „Ein Jahr dauert es mindestens, bis eine Konzeption steht.“

Die Bedingungen, damit es Geld vom Digitalpakt gibt, hält Ramsaier für richtig. Sie seien eine gute Leitlinie, die auch Schulträger brauchten. Nicht alle Kommunen seien auf dem Stand der Entwicklung. Eine Fehlentwicklung wäre aus seiner Sicht, wenn nicht zuerst für Glasfaser, Server und WLAN gesorgt würde.

Die Tafel wird noch benutzt, selbst wenn digitale Medien eingesetzt werden.
Die Tafel wird noch benutzt, selbst wenn digitale Medien eingesetzt werden.

David Warneck ist skeptisch, ob der Weg über die Online-Plattform MEP BW für alle Schulen richtig ist. „Mir kommt es so vor, als ob Schulen einen Einkaufszettel schreiben sollen, aber nicht wissen, was es zu essen gibt. Sollte man nicht vermeiden, dass Schulen in ihrer Not einfach was reinschreiben?“, fragt Warneck, Leiter des Arbeitskreises Digitalisierung bei der GEW. „Schulen müssen sich Hilfe holen“, antwortet Ramsaier. Neu sei, dass man sich heute Know-how und Lösungen von der Stange kaufen könne. Er erzählt, wie er früher sommerferienlang Computerräume repariert habe. „Das darf nicht passieren. Es braucht Profis, die den Markt im Blick haben, die wissen, was es gibt, und es nicht nebenbei machen müssen.“ Das Landesmedienzentrum und die Kreismedienzentren hätten bereits gute Angebote. Hilfreich fände er beispielsweise eine Liste mit zehn typischen Anwendungen, die sich für Schulen gut eignen. Zertifikate könnten auch helfen.

Braucht es noch eine digitale Bildungsplattform wie „Ella“? Die Boysen-Realschule gehörte zu den Pilotschulen, die Ella testen wollten. Ramsaier glaubt nach wie vor an die Vorteile des Programms. „Wir agieren im Moment manchmal noch im Graubereich. Hätten wir Ella, könnten wir sofort rechtssicher handeln. Eine gute Plattform könnte zum Beispiel die Kommunikation zwischen Schüler/innen und Lehrkräften oder Schüler/innen untereinander sicherer machen. Man müsste nicht auf kommerzielle Produkte wie WhatsApp zurückgreifen, die außerdem nicht erlaubt sind.“

Zurück