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Gesellschaftswissenschaften in der KursstufeNeue Regelungen greifen entschieden zu kurz

Die GEW-Landesfachgruppe Gymnasien findet, dass zumindest die Richtung bei den neuen Rahmenbedingungen für Geographie und Gemeinschaftskunde stimmt. Das Kultusministerium muss sich insgesamt jedoch berechtigte Kritik gefallen lassen.

09.11.2020

Die vielen Gespräche der GEW-Landesfachgruppe Gymnasien mit Landtagsabgeordneten und Vertreter*innen der verschiedensten Ebenen der Bildungspolitik hatten Erfolg: Das Kultusministerium hat sich mit den neuen Rahmenbedingungen für Geographie und Gemeinschaftskunde in Abitur und Oberstufe definitiv in die richtige Richtung bewegt.

Die Abschaffung der aus fachdidaktischer Sicht sehr problematischen Kombinationsprüfung ist absolut zu begrüßen. Ebenso ist die nun geschaffene Möglichkeit, Gemeinschaftskunde oder Geographie durchgängig zu belegen und dann eine qualitativ angemessene Prüfung im Abitur abzulegen, ein weiterer wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Zukunft braucht ethische Bildung, Erziehung zur Demokratie, eine intensive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, Bildung für nachhaltige Entwicklung und zur Nachhaltigkeit, Friedensbildung sowie den Blick über den nationalen und europäischen Tellerrand. Jede Schülerin und jeder Schüler (SuS) sollten als Staatsbürger*innen willens und in der Lage sein, sich aktiv in unser freiheitlich-demokratisches System einzubringen. Vor dem Hintergrund des Aufstiegs autoritärer nationalistischer und fundamentalistisch-religiöser Strömungen müssen Schüler*innen in die Lage versetzt werden, populistische Argumentationsweisen zu erkennen und damit kritisch umzugehen.

Zwei Kurse on top

Doch nach den neuen Regelungen ist „die Stärkung der Gesellschaftswissenschaften“ bislang nicht mehr als die theoretische Möglichkeit, durchgängig Gemeinschaftskunde oder (!) Geographie wählen zu können – um den Preis von zwei zusätzlichen Kursen in einer ohnehin schon extrem vollen Stundentafel. Wie realistisch ist es, dass sich genug Schüler*innen für ein höheres Maß an politischer Bildung oder geographischem Weltwissen entscheiden, wenn dies zwei zusätzliche Kurse und damit eine Doppelstunde pro Woche mehr sowie zwei Klausuren on top bedeutet?

Damit sich diese Belastung tatsächlich im Abischnitt rechnet, müssten die Schüler*innen de facto bereits bei der Kurswahl in Klasse 10 entscheiden, dass sie in dem fraglichen Fach ins mündliche Abitur gehen.

Keine zusätzlichen Ressourcen

Die Schüler*innen müssen sich zwischen Gemeinschaftskunde und Geographie entscheiden, denn nur in einem der beiden Fächer kann die Schule die durchgehenden Kurse anbieten.

Vor allem jedoch müssen die für das Angebot notwendigen Stunden „im Rahmen der (…) zur Verfügung stehenden Ressourcen“ generiert werden – eine Sonderzuweisung ist nicht vorgesehen. Diese wäre eine dringend notwendige Voraussetzung, da das neue Oberstufensystem strukturell ohnehin zu knapp mit Lehrerwochenstunden ausgestattet ist. So aber bleibt der Schwarze Peter wieder an den Schulen: Falls sich tatsächlich genügend Schüler*innen für eines der beiden Fächer entscheiden sollten, hat dies zwingend Auswirkungen auf das weitere Kursangebot.

Eine echte Stärkung der Gesellschaftswissenschaften ist unter dem Diktat der Ressourcenneutralität nicht realisierbar.

Der einzig substanzielle Beitrag des Ministeriums besteht darin, dass das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) die zusätzlichen Bildungsplaninhalte einarbeitet: „Anfang 2023“ sollen die Ergebnisse vorliegen. Das ist keinen Tag zu früh – denn genau dann laufen die Kurswahlen in den 10. Klassen.

So bleibt leider der Eindruck, dass von dieser „Stärkung der Gesellschaftswissenschaften“ kein wesentlicher Effekt zu erwarten ist. Die Nachfrage in den Jahrgängen wird vermutlich so gering sein, dass kaum einer der Kurse tatsächlich zustande kommen und sich nichts Substantielles ändern wird.

Die GEW-Landesfachgruppe Gymnasien fordert daher weiterhin:

  • Höhere Lehrkräftezuweisung für die Oberstufe – mehr Kurse für alle!
  • Durchgängige Kurse in Geographie und Gemeinschaftskunde, Anpassung der Pflichtkursregelungen!
  • generelle Begrenzung der Zahl der Schüler*innen pro Kurs: 15 SuS im Leistungsfach und 20 SuS im Basisfach sind mehr als genug!
  • Beschränkung der Anzahl der mündlichen Abiturprüfungen pro Tag!
  • Entlastungen der Lehrkräfte bei einer großen Anzahl mündlicher Prüfungen!
  • Ausreichende Zeitfenster zur Organisation der Prüfungen!

Qualität gibt es nicht zum Nulltarif.