GEW Baden-Württemberg
Sie sind hier:

Neue Trends bei den Übergangszahlen

Im Februar hat das Kultusministerium 62 neue Gemeinschaftsschulen genehmigt. Ab dem Schuljahr 2015/16 gibt es dann 279 Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg. Erstmals gehen im Schuljahr 2014/15 mehr Schüler/innen in Gemeinschaftsschulen als in Haupt-/Werkrealschulen. Ein neuer Trend ist auch, dass die Übergangsquoten an Gymnasien und Realschulen rückläufig sind.

13.03.2015 - Ute Kratzmeier

Durchaus Überraschendes boten die Übergangszahlen zu den weiterführenden Schulen, die das Statistische Landesamt im Februar 2015 präsentierte: Der langjährige Trend einer stetig steigenden Gymnasialquote wurde erstmals gestoppt: Die Quote liegt 2014/15 bei 43,9 Prozent, im Vorjahr waren es 44,6 Prozent. Auch bei den Realschulen ist ein Rückgang zu verzeichnen, von 37,1 Prozent im Schuljahr 2013/14 auf 34,7 Prozent.


Für die Haupt- und Werkrealschulen sind zurückgehende Übergangszahlen seit langem Normalität: Der ohnehin schon geringe Wert von 2013/14 (11,9 Prozent) wurde im Schuljahr 2014/15 nochmals unterboten (9,3 Prozent). Den Rückgängen an Gymnasien, Realschulen und Werkrealschulen stehen 10,3 Prozent Gemeinschaftsschüler/innen in der Eingangsklasse gegenüber. Die Standortfrage wird für die verbleibenden Werkrealschulen immer drängender.


Die bis im letzten Jahr steigenden Quoten an den Realschulen und Gymnasien heißen nicht, dass auch mehr Schüler/innen diese Schulen besuchten: Schaut man sich die Übergänge in absoluten Zahlen an, sieht man tendenziell sinkende Schülerzahlen auch an diesen Schulen, wenn auch in keinem dramatischen Ausmaß (vergleiche Abbildung 1)
Die landesweiten Durchschnittsdaten verstellen den Blick auf erhebliche regionale Unterschiede (vergleiche Abbildung 2). Traditionell verzeichnen die Universitätsstädte sehr hohe Übergangsquoten zu den Gymnasien. Die mit Abstand höchste Quote an Hauptschulübergängen hat der Stadtkreis (SKR) Pforzheim (21,4 Prozent), gefolgt vom Landkreis (LKR) Sigmaringen (17,9 Prozent).

Entwicklung der Grundschulempfehlungen

Den regional sehr unterschiedlichen Übergängen gehen entsprechende Grundschulempfehlungen voraus. Im Landkreis Waldshut erhalten 33,6 Prozent der Kinder eine Empfehlung für die Haupt- und Werkrealschule, in Heidelberg und Freiburg sind es je 13,5 Prozent. Umgekehrt ist Waldshut der Landkreis mit dem niedrigsten Anteil an Gymnasialempfehlungen (35,8 Prozent), Heidelberg verzeichnet hier mit 67,3 Prozent die landesweit höchste Quote. Wie lassen sich diese großen Differenzen erklären? Dieser Frage sollte dringend nachgegangen werden. Derart weit auseinanderlaufende Quoten weisen auf eine erhebliche Bildungsbenachteiligung von bestimmten Regionen hin (Stadt-Land-Gefälle, Sozialstruktur usw.)
Schaut man sich die Entwicklung der Grundschulempfehlungen seit 1990 insgesamt an, wird deutlich, dass die Zunahme von gymnasialen Empfehlungen ein langjähriger Prozess ist. Inzwischen erhalten knapp die Hälfte der Grundschüler/innen am Ende der Klasse 4 eine Empfehlung für diese Schulart. Hingegen wird die Haupt-/Werkrealschule nur noch für rund 25 Prozent der Kinder empfohlen, 1990 waren dies noch 38,3 Prozent. Die Grundschulempfehlung folgt damit den gestiegenen Bildungserwartungen der Eltern. (vergleiche Abbildung 3)

Gemeinschaftsschulen zum Vierten
Im Schuljahr 2015/16 können 62 Gemeinschaftsschulen neu starten. Hinzu kommt eine künftige Gemeinschaftsschule in privater Trägerschaft. Von den 62 Gemeinschaftsschulen gehen fünf aus Realschulen und drei aus der Fusion einer Werkreal- und einer Realschule hervor. Zwei Gemeinschaftsschulen sind Neugründungen, die verbleibenden 52 entwickeln sich aus Werkrealschulen.
An den 209 bereits bestehenden Gemeinschaftsschulen haben sich 2014/15 9.469 Schüler/innen angemeldet. Damit wurde erstmals die Zahl der Anmeldungen an Haupt- und Werkrealschulen übertroffen (8.566 Anmeldungen). Die Gemeinschaftsschule ist also durchaus akzeptiert, jedoch in erster Linie als Alternative zu den Haupt- und Werkrealschulen und, mit Abstrichen, zur Realschule. Für Schüler/innen mit Gymnasialempfehlung ist hingegen das Gymnasium immer noch die erste Wahl.
Nicht nur PISA und andere Monitoring-Studien, sondern auch konkrete Auswertungen wie die der Gesamtschule Mannheim machen deutlich, dass kein zwangsläufiger Zusammenhang zwischen Grundschulempfehlung und Bildungserfolg besteht: Rund 52 Prozent der Mannheimer Gesamtschüler/innen erreichen einen gegenüber der ursprünglichen Grundschulempfehlung höheren Schulabschluss. Dennoch werden Gemeinschaftsschulen umso erfolgreicher sein, je heterogener ihre Schüler/innen sind (vgl. Expertise Gemeinschaftsschule 2013). Damit die künftig 279 Gemeinschaftsschulen ihrem Auftrag gerecht werden können, individuell zu fördern und zu allen Bildungsabschlüssen zu führen, ist es notwendig, sie weiter zu stärken. Dabei muss die Qualität im Mittelpunkt stehen.

Zurück