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Sag’, wie hältst du’s mit den Schriftstellerinnen?

Die literarischen Schwerpunktthemen im Deutsch-Abitur sind seit 1980 eine annähernd autorinnenfreie Zone! Sind Romane und Dramen von Schriftstellerinnen nicht geeignet für das Abitur?

05.02.2018 - b&w-Artikel, Birgit Breunig

Im Juli 2017 fragt die Süddeutsche Zeitung: „Junge Schriftstellerinnen – wie sexistisch ist der Literaturbetrieb?“ Im Gespräch vier junger Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur äußerte sich die Lyrikerin Maren Kames über ihren Deutschunterricht. Sie habe eine feministische Deutschlehrerin gehabt, die bewusst eine Einheit über Autorinnen gemacht habe – das sei etwas anderes als Goethe oder Schiller. Kames bemerkt: „Ich meine, was ist Gretchen denn für eine Figur? Ein krasses Opfer, 14 Jahre alt, muss ihre Mutter betäuben, damit sie zum ersten Mal Geschlechtsverkehr haben kann, zu dem sie mehr oder weniger überredet wird.“

Es stellt sich die Gretchenfrage: Braucht es tatsächlich eine „feministische Deutschlehrerin“, damit an den Gymnasien in Baden-Württemberg auch Autorinnen gelesen werden? Damit den Schülerinnen und Schülern literarische Figuren begegnen, die nicht aus der Perspektive eines Mannes gedacht sind?
In den kommenden Jahren werden sich tausende Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg mit Goethes Gretchen auseinandersetzen. Zusammen mit Hesses „Steppenwolf“ und dem „Goldenen Topf“ von E.T.A. Hofmann ist Goethes „Faust“ literarisches Schwerpunktthema für das Abitur im Fach Deutsch. Drei männliche Autoren –Zufall?
Blickt man zurück, sagen wir – um einer soliden Datengrundlage willen – bis ins Jahr 1980, ergibt sich folgender Befund: 1986 bis 1988 wird Ingeborg Bachmann unter den Autoren, die zum Thema „Lyrik nach 1945“ gelesen werden sollten, namentlich aufgeführt. 1996 bis  1999 sollen sich die Schüler/innen der Leistungskurse mit der Lyrik von Hilde Domin und Rose Ausländer beschäftigen. 1999 und 2002 ist neben Werken von Brecht und Mörike Ingeborg Drewitz’ Roman „Gestern war Heute“ verpflichtende Lektüre für die damals noch existierenden Grundkurse.  
Ab 2000 werden zu den Themen „Lyrik der Romantik“, „Lyrik des Exils“, „Liebeslyrik“ und „Naturlyrik“auch Werke von Lyrikerinnen gelesen.
Fazit: In den letzten 37 Jahren Deutschunterricht an den Gymnasien Baden-Württembergs gibt es nur eine einzige Schriftstellerin, die es im Bereich der Epik auf die Liste der Schwerpunktthemen für das Abitur geschafft hat. Eine Dramatikerin ist überhaupt nicht zu finden. Das ist bestürzend. Oder ist es sexistisch?

Gretchenfragen
Es ergeben sich daher weitere Gretchenfragen: Sind die Werke von Autorinnen für die Lernenden und die Aufgabenformate im Abitur weniger geeignet? Falls ja, woran liegt das? Falls nein, warum tauchen sie dann nicht auf? Können Schriftstellerinnen vielleicht nur Lyrik? Sicher nicht, denkt man zum Beispiel an Herta Müller, Elfriede Jelinek, Christa Wolf, Irmgard Keun, Irmtraud Morgner, Luise Rinser, Juli Zeh, Birgit Vanderbeke, Marlene Streeruwitz, Sybille Lewitscharoff , Katharina Hagena – eine willkürliche und unvollständige Auswahl von Schriftstellerinnen, die sicherlich abiturwürdige Literatur produziert haben. Autorinnen, die den Abiturient/innen von morgen zeigen könnten, dass Frauen gute, lesenswerte Literatur schreiben.
Die Mitglieder der Abiturkommission Deutsch sollten sich bei der Prüfung künftiger Schwerpunktthemen mit diesen Gretchenfragen beschäftigen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass sexistische Strukturen im Literaturbetrieb bis in die Schulen hineinwirken.
In der Fachprääambel zu den Bildungsstandards im Fach Deutsch der KMK von 2012 heißt es: „Die im Fach Deutsch erworbenen Kompetenzen eröffnen Wege in die Zukunft und stellen zugleich Zugänge zu historischen und gesellschaftlichen Traditionslinien und zum kulturellen Gedächtnis her.“ Die Abiturkommission sollte dafür sorgen, dass die Abiturient/innen in Baden-Württemberg die Traditionslinien weiblicher Autorenschaft kennen und sich Schriftstellerinnen schon in der Schule als Teil des kulturellen Gedächtnisses künftiger Generationen etablieren. Schon alleine deshalb, weil Frauen in den Geisteswissenschaften und im Lehramt den bei weitem größten Anteil an den Studierenden und Beschäftigten stellen.

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