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Schulsozialarbeit kann sich sehen lassen

Die Schulsozialarbeit bekam bei ihren beiden Jahrestagungen im November 2017 Rückenwind aus der Wirkungsforschung. Wissenschaftler/innen bestätigten der Schulsozialarbeit, dass sie Schulen positiv verändern kann. Die rund 280 Teilnehmenden kehrten nach den Veranstaltungen in Bad Boll und Gültstein selbstbewusst und motiviert an ihre Schulen zurück.

05.02.2018 - b&w-Artikel, Heike Herrmann

Prof. Dr. Florian Baier, Hochschule für soziale Arbeit, FHS Nordwestschweiz, ist überzeugt, dass sich Schulsozialarbeit, bezogen auf ihre Wirkung, nicht verstecken müsse. Immer wieder könne in wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen werden, dass sie das Schulklima positiv verändere. Die Forschung belege auch, dass Schulsozialarbeit die Gesamtkosten der Jugendhilfe senke. In seinem Vortrag „Praxis wirkungsvoll gestalten“ erörterte Baier auf den Tagungen der Schulsozialarbeit, welche Faktoren, Praxiselemente und Strukturen in welcher Weise dazu beitragen, Schulsozialarbeit wirkungsvoll zu gestalten. Befragungen von Kindern und Jugendlichen, Klassenerhebungen und Videodokumentationen geben Aufschluss darüber, wie Wirkung erzeugt werden kann. Für Kinder und Jugendliche sei z.B. enorm wichtig, dass die Schulsozialarbeit ihnen Zuversicht gebe und ihnen mehr Zeit lasse, um sich zu verändern. Die Methoden spielten keine so eine große Rolle. Relevant sei, mit welchem Habitus, Denken und Handeln die Schulsozialarbeitenden auftreten. Wirkung sei aber auch von Rahmenbedingungen abhängig. Damit Wirkung entstehen könne, müsse eine Schule mindestens einen Stellenanteil von 40 Prozent einer Vollkraftstelle haben, und damit seien kleine Schulen gemeint.

Werdet laut!
Die Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Schulsozialarbeit, Prof. Dr. Nicole Kastirke, zeigte in ihrem Vortrag anhand von Beispielen aus verschiedenen Bundesländern und der Literatur, vor welchen Herausforderungen das Arbeitsfeld Schulsozialarbeit steht. Bundesweit betrachtet sei ihr Profil trotz zahlenmäßiger Ausweitung noch immer unscharf, sowohl hinsichtlich ihrer Rolle, des Auftrags als auch ihrer Position. Die Rahmenbedingungen von Schulsozialarbeit seien unbefriedigend, das zeige sich in der fehlenden rechtlichen Verortung, den vielen befristeten Stellen und schließlich an der unbefriedigenden Bezahlung. Die Arbeit an der Schnittstelle Jugendhilfe/Schule konfrontiere die Fachkräfte mit zwei Systemen, denen unterschiedliche Prinzipien zugrunde lägen. Professionelles Ziel müsse entsprechend dem Auftrag aus dem Kinder- und Jugendhilfegesetz sein, den Prinzipien der Freiwilligkeit, Ressourcenorientierung und Ganzheitlichkeit zu folgen. Voraussetzung seien gute Ausbildung, gute Strukturen, sozialpädagogische Konzepte und eine zielgruppenorientierte Haltung.
Schulsozialarbeit müsse systematisch ausgebaut und professionell etabliert werden, dazu sei dringend eine dauerhafte Finanzierung notwendig. Sie müsse ein fachlich aus der Kinder- und Jugendhilfe verortetes Angebot sein, eine Steuerung erfahren und ihre Standards und Qualität deutlich und messbar machen. Kastirke appellierte an die Fachkräfte, in Erscheinung zu treten, standardbezogene Konzepte zu entwickeln und laut zu werden. Ihre Wirkung könne sich sehen lassen.

Die Veranstalter der Tagung, der Kommunalverband Jugend und Soziales (KVJS) und das Netzwerk Schulsozialarbeit dürften die Forderung von Kastirke nach einer dauerhaften Finanzierung gerne gehört haben. Reinhold Grüner, stellvertretender Leiter des KVJS-Landesjugendamts, und Gerald Häcker, kommissarischer Leiter des Dezernats Jugend beim KVJS, erklärten, die Fördermittel des Landes in Höhe von 25 Millionen Euro jährlich, plus 2,5 Millionen Euro für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung über den Pakt für Integration, würden gerade noch für 2018 ausreichen. Danach müsste die Förderpauschale angehoben werden. Beide KVJS-Vertreter halten das Landesprogramm für bemerkenswert, allerdings sei unbedingt eine Verstetigung erforderlich. Das sieht auch die GEW so.
Inzwischen arbeiten in Baden-Württemberg 2.280 Fachkräfte, die 1508 Vollkraftstellen besetzen, in der Schulsozialarbeit. Es ist davon auszugehen, dass die Kommunen und Landkreise Schulsozialarbeit weiter ausbauen. Bereits 2018/2019 werden nach Aussage des KVJS die beantragten Mittel für Schulsozialarbeit über 29 Millionen Euro betragen. Sie liegen damit mit mehr als 1,5 Millionen Euro über dem vorgesehenen Budget. Das Land muss mehr Geld in die Hand nehmen und vor allem den Projektstatus beenden, damit Kommunen und Landkreise beim Ausbau der Schulsozialarbeit mehr Planungssicherheit haben. Bei der Anpassung der Landesmittel muss nach Ansicht der GEW auch die Fördersumme von bisher 16.700 Euro pro Stelle erhöht werden. Berechnungsgrundlage für die Drittelfinanzierung sollte die tarifliche Eingruppierung nach TVöD, SuE sein. Dafür reichen 16.700 Euro nicht aus. Nur bei gut der Hälfte der Schulen ist die Schulsozialarbeit in öffentlicher Trägerschaft, an rund 49 Prozent der Schulen sind freie Träger zuständig. Viele der Träger zahlen nicht nach Tarif und der Verdienst der Fachkräfte variiert enorm. Mehr Kontinuität und Qualität im Arbeitsfeld erreicht man aber nur, wenn die Beschäftigten ordentlich bezahlt werden. Die GEW fordert das Land auf, die Förderpauschale anzuheben und die Träger zu einer tariflichen Eingruppierung aufzufordern.
Marion Deiß, Leiterin des Referats Jugend im Ministerium für Soziales und Integration, informierte die Teilnehmenden auf der Tagung, dass sich Sozialminister Manfred Lucha für den bedarfsgerechten Ausbau der Schulsozialarbeit einsetze und befürworte, dass das Programm nach 2019 weitergeführt werde.
Inzwischen hat das Parlament zugestimmt, dass die Fördermittel erhöht werden. Der Projektstatus jedoch bleibt.

Die GEW – immer dabei
Das Interesse an den Jahrestagungen ist enorm. „2018 finden zwei identische Tagungen in Bad Boll statt, dann gibt es mehr Plätze und wir können hoffentlich alle Interessierten teilnehmen lassen“, kündigte Claudio De Bartolo vom KVJS an. Der gegenseitige Austausch ist den Schulsozialarbeitenden besonders wichtig, denn die allermeisten sind an ihren Schulen unter vielen Lehrkräften Einzelkämpfende ihrer Profession.  
Wie in den letzten Jahren war die GEW bei den Jahrestagungen 2017 wieder mit einem Infostand vor Ort und informierte die Fachkräfte über die aktuelle Tarifsituation, über die GEW-Forderungen und GEW-Positionen zur Landesförderung. Es gibt immer mehr Beschäftigte in der Schulsozialarbeit und auch die GEW-Mitglieder unter ihnen nehmen zu.

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