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Statistische Folgen

Die bildungspolitischen Entscheidungen der letzten fünf Jahre verändern die Schullandschaft. Das lässt sich an statistischen Zahlen ablesen. In Baden-Württemberg gibt es inzwischen rund 400 Ganztagsgrundschulen und 305 Gemeinschaftsschulen. Diskussionsstoff bietet die steigende Zahl der Sitzenbleiber/innen. Die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung alleine erklärt die Zunahme nicht.

11.04.2016 - b&w Artikel, Ute Kratzmeier

95 weitere Ganztagsgrundschulen einschließlich der Grundstufen von Förderschulen wird es ab September 2016 in Baden-Württemberg geben. Damit bieten im dritten Jahr nach Inkrafttreten des Schulgesetzes von den etwa 2.400 Grundschulen des Landes knapp 400 einen Ganztagsbetrieb an. Der Anteil der Schulen, die das verbindliche Konzept wählen, also den Ganztag für alle Schüler/innen verpflichtend, ist deutlich geringer als die Wahlform. 2014 wollten nur 10 Prozent der Schulen die verbindliche Form, im aktuellen Antragsjahr sind es 25 Prozent. Hier muss man allerdings sehen, dass es vor allem die Grundstufen der Förderschulen sind, die die Verbindlichkeit einführen.

Gemeinschaftsschulen
Bereits im 5. Antragsjahr befinden sich die Gemeinschaftsschulen. 28 Anträge wurden zum Schuljahr 2016/17 genehmigt. Vier dieser neuen Gemeinschaftsschulen gehen aus Realschulen oder aus Verbünden von Werkrealschulen und Realschulen hervor, alle anderen sind aus Werkrealschulen entstanden. Auffällig ist, dass allein vier Anträge aus dem Landkreis Reutlingen kommen, drei direkt aus dem Reutlinger Stadtgebiet: Dort ist man dabei, das Zwei-Säulen-Modell aus Gymnasium und Gemeinschaftsschulen auf kommunaler Ebene gezielt umzusetzen.
Die Zahl der Gemeinschaftsschulen ist mit dieser Antragsrunde auf landesweit 305 angestiegen. Die meisten Gemeinschaftsschulen gehen aus Werkrealschulen hervor, sind zwei- bis dreizügig und in Gemeinden zwischen 5.000 und 50.000 Einwohnern beheimatet.

Grundschulempfehlung wird zu 80 Prozent angenommen

Im Schuljahr 2015/16 erhielten ca. 21.600 Kinder eine Empfehlung für die Werk-
realschule, 25.500 eine Empfehlung für die Realschule und 42.600 Kinder eine Gymnasialempfehlung.
Aus der Abbildung geht hervor, dass Kinder mit Gymnasialempfehlung sich ganz überwiegend an diese Empfehlung halten und zu über 80 Prozent auch auf ein Gymnasium wechseln, 15 Prozent wählen die Realschule und knapp 3 Prozent eine Gemeinschaftsschule.
Anders sieht es bei den Empfehlungen zur Realschule oder Werkrealschule aus. Über 17 Prozent der Kinder mit Realschulempfehlung gehen auf ein Gymnasium über und gut 13 Prozent auf eine Gemeinschaftsschule. Aber auch hier stimmen Empfehlung und tatsächliche Schulwahl zu 80 Prozent überein, da ein Wechsel zur Gemeinschaftsschule in jeder Empfehlung enthalten ist. Eine stärkere Abweichung ist dagegen bei den Hauptschulempfehlungen festzustellen. Dort folgen rund 37 Prozent der Kinder bzw. Eltern der Empfehlung der Grundschullehrkräfte und wählen statt Werkreal- oder Gemeinschaftsschule die Realschule oder auch das Gymnasium.

Zahlen der Sitzenbleiber/innen waren früher höher

An der Klassenwiederholung scheiden sich die Geister: Die eine sehen darin ein Instrument, schulische Defizite abzubauen und Schüler/innen zu Leistung zu motivieren, die anderen halten das Sitzenbleiben für rückständig, stigmatisierend und ineffektiv. Mit der Einführung der Gemeinschaftsschule wurde in Baden-Württemberg erstmals eine Schulart eingeführt, die eine Klassenwiederholung nur in Ausnahmefällen vorsieht. Auch im neuen Realschulkonzept wird beim Übergang in die 6. Klassen der Realschulen kein Kind sitzenbleiben.
Immer wieder wird eine steigende Nichtversetztenquote mit dem Wegfall der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung in Zusammenhang gebracht. Es lohnt sich daher, die Zahlen genauer zu analysieren:
Die Nichtversetztenquoten sind in den 5. Klassen von Realschulen und Gymnasien von 2011 auf 2013 tatsächlich deutlich gestiegen: An Realschulen von 0,7 auf 3,3 Prozent und an Gymnasien von 0,4 auf 1,3 Prozent. Der Wegfall der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung ist sicher ein Grund. Damit lässt sich aber die Entwicklung der Sitzenbleiber/innen bei weitem nicht erklären. Erstens waren noch im Schuljahr 2000/01 sowohl die Quoten über alle Klassen der Sekundarstufen hinweg als auch in den 5. Klassen höher, zum Teil sogar deutlich höher als jetzt. Zum anderen zeigen die Quoten der einzelnen Klassenstufen sehr unterschiedliche, auch uneinheitliche Entwicklungen. Die höchsten Quoten findet man dort, wo der Empfehlungscharakter der Schulart noch gar nicht wirken konnte: In den 8. und 9. Klassen der Realschulen und in den 10. Klassen der Gymnasien.

Privatschulen mit gemeinsamem Lernen nehmen zuIm März 2016 meldete das Statistische Landesamt einen „erneuten Höchststand der Schülerzahlen an privaten allgemeinbildenden Schulen“. Der Trend zu einem verstärktem Privatschulbesuch wird in den bildungspolitischen Debatten oft mit den schulpolitischen Reformen und mit den Gemeinschaftsschule in Verbindung gebracht. Es mag der Fall sein, dass Eltern sich aufgrund der Unzufriedenheit mit einer „Schule für alle“ aus dem öffentlichen Schulwesen zurückziehen, begründet ist eine solche Reaktion aber nicht:Erstens gibt es in Baden-Württemberg nach wie vor alle Schularten des gegliederten Systems, die man selbstverständlich wählen kann. Vor allem das Gymnasium ist von allen im Landtag vertretenen Parteien nie in Frage gestellt worden.Zweitens ist der Pressemitteilung des Statistischen Landesamts zu entnehmen, dass ausgerechnet die sich weiter im Aufbau befindenden privaten Gemeinschaftsschulen (Sekundarstufe I), deren Schülerzahl sich im Vergleich zum Vorjahr mit rund 500 Schülerinnen und Schülern nahezu verdoppelte, den höchsten prozentualen Zugewinn verbuchten. „Auch die Zahl der Kinder, die eine private Grundschule besuchten, wuchs mit 3,9 Prozent deutlich an und überschritt mit gut 10 300 Schülerinnen und Schülern erstmalig den 10 000er-Wert.“ Es sind also gerade die Schulen des gemeinsamen Lernens, die im Privatschulbereich zulegen.

Die Privatschulquoten der Realschulen und Gymnasien liegen derzeit bei 1,6 bzw. 1,3 Prozent. Die privaten Werkreal-/Hauptschulen nehmen deutlich ab, die privaten Freien Waldorfschulen und die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (ehemals Sonderschulen) nehmen leicht zu.
Der Anteil der Privatschüler/innen ist in Baden-Württemberg keineswegs auf einem besorgniserregenden Niveau. Wer Schulen in privater Trägerschaft oder Freie Schulen als wertvolle Ergänzung des öffentlichen Schulwesens begreift, wird ohnehin nicht über die skizzierten Zunahmen klagen. Für die GEW stehen gut ausgestattete und qualitativ hochwertige öffentlichen Schulen im Fokus. Für eine Konkurrenz- oder gar Neiddebatte zu den privaten Schulen gibt es jedoch (noch) keinen Grund.

Für die GEW ist entscheidend, dass die Privatschulfreiheit nicht dazu führt, dass ökonomische Interessen die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten verschlechtern: tarifliche Standards und sichere und langfristige Arbeitsverträge müssen auch an privaten Ersatzschulen die Norm sein.

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