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Bildungsbericht für Baden-Württemberg 2018Trend zur formal höheren Schulart hält an

Baden-Baden ist landesweit der einzige Kreis, in dem es keine Gemeinschaftsschule gibt – und Schulwechsel finden nur dann den Weg in die Statistik, wenn sie zum Schuljahresende erfolgen. Eine Auswahl von Daten und Fakten aus dem Bildungsbericht 2018.

13.09.2019

Wer weiß, dass man in Baden-Württemberg rund 330 Berufe lernen kann? Oder dass Baden-Baden landesweit der einzige Kreis ist, in dem es keine Gemeinschaftsschule gibt? Und dass Schulwechsel nur dann den Weg in die Statistik finden, wenn sie zum Schuljahresende erfolgen? Solche Fakten und viele weitere interessante Daten findet man im Bildungsbericht 2018. Eine Auswahl.

Alle drei Jahre erstellt das Landesinstitut für Schulentwicklung (jetzt: Institut für Bildungsanalysen) gemeinsam mit dem Statistischen Landesamt den mit Tabellen und Grafiken gespickten, aber dennoch sehr gut lesbaren Bericht zur frühkindlichen, schulischen und außerschulischen Bildung sowie zur Weiterbildung. Die Daten sind die Grundlage für eine (quantitative) Analyse und Steuerung des Bildungswesens.

Unwägbarkeiten der demografischen Voraussagen

Die demografische Entwicklung der baden-württembergischen Bevölkerung, vor allem die Entwicklung der Altersstruktur, ist ein bedeutender Parameter für die Steuerung des Bildungsangebots. Die letzten Jahre haben deutlich gemacht, dass der demografische Verlauf von einer Reihe von Unwägbarkeiten geprägt ist. So hat die starke Zuwanderung seit 2015 einen zuvor prognostizierten Bevölkerungsrückgang gestoppt und den Prozess der durchschnittlichen Alterung aufgehalten. Stand heute rechnet man zwischen 2025 und 2035 mit einem erneuten Rückgang der Bevölkerungszahl.

Die demografischen Verläufe fallen regional unterschiedlich aus. Städte verzeichnen in der Regel stärkere Zuwächse (Heidelberg, Karlsruhe, Konstanz, Freiburg, Stuttgart, Ludwigsburg), während ländliche Regionen sogar mit schrumpfenden Zahlen planen müssen (Alb-Donau-Kreis, Ostalb, Calw, Freudenstadt, Rottweil, Tuttlingen, Sigmaringen, Neckar-Odenwald-Kreis). Am weitesten liegen die Werte in Karlsruhe (plus 23 Prozent bei den unter 20-Jährigen) und Freudenstadt (minus zehn Prozent bei den unter 20-Jährigen) auseinander.

31 Prozent der Baden-Württemberger haben einen Migrationshintergrund, fast zwei Drittel dieser Gruppe sind unter 45 Jahre alt.

Zu- und Abwanderungswellen, sinkende und steigende Geburtenraten, verändertes Schulwahlverhalten und strukturelle Umgestaltungen im Bildungssystem stellen immer wieder Anforderungen an die Bereitstellung des regionalen Schulangebots. Dabei gilt: Je stärker ein Bildungssystem fragmentiert ist, desto komplexer sind die Auswirkungen demografischer Veränderungen und die erforderlichen Anpassungen. Die regionale Schulentwicklung bleibt deshalb auf der Tagesordnung. Sie muss in den nächsten Jahren noch stärker darauf hinwirken, die Zersplitterung im Bildungssystem zurückzunehmen und Brüche an den Übergängen zu vermeiden.

Um 15,8 Prozent verminderte sich die Anzahl der Schülerinnen und Schüler an Grundschulen seit dem Schuljahr 2005/06. Inzwischen steigen die Zahlen wieder. Interessant ist hier der Blick in die Trägerschaft der Grundschulen. Der Anteil der Grundschüler/innen an privaten Schulen ist in Baden-Württemberg mit 2,8 Prozent im Schuljahr 2017/18 niedrig, der Trend geht jedoch nach oben. Seit 2005 hat sich die Zahl der Privat-Grundschulen nahezu verdoppelt, während 148 öffentliche Grundschulen in diesem Zeitraum aufgehoben wurden.

Die seit 2014 wieder nach oben kletternden Grundschülerzahlen machen sich vor allem in den städtischen Verdichtungsräumen bemerkbar, während ländliche Gebiete verlieren. Der Neckar-Odenwald-Kreis beispielsweise hat 2017/18 über 30 Prozent weniger Grundschüler/innen als 2005.

Anzahl der Schulen in Baden-Württemberg 2017/18

Der Bildungsbericht stellt den Trend eines „Übergangs auf eine formal höhere Schulart“ seit 2005 fest. Die veränderte Schulwahl verursacht zusammen mit dem achtjährigen Gymnasium als Normalform und der Einführung der Gemeinschaftsschulen (GMS) strukturelle Verschiebungen der Sekundarstufe. Die Haupt- und Werkrealschulen unterrichten 2017 rund 65 Prozent weniger Schüler/innen als noch 2005. Heute werden nur noch zehn Prozent der Sekundarstufe-I-Schülerschaft an Haupt- und Werkrealschulen unterrichtet.

Seit der Veröffentlichung des Bildungsberichts kamen noch vier weitere Gemeinschaftsschulen dazu, sodass es jetzt 306 öffentliche Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg gibt. Sie verteilen sich recht unterschiedlich über das Land: Baden-Baden ist der einzige Kreis, in dem keine Gemeinschaftsschule angeboten wird. Auch im Flächenlandkreis Emmendingen gibt es nur eine einzige Gemeinschaftsschule, nämlich in Waldkirch. Eine hohe Dichte an GMS findet sich in den Landkreisen Tübingen und Karlsruhe sowie in der Region in und um Stuttgart.

An den Realschulen des Landes ist der Anteil der Schüler/innen relativ stabil zwischen 31 und 34 Prozent. Seit 2005 wurden 35 private Realschulen eingerichtet, sodass es heute 507 Realschulen in Baden-Württemberg gibt. Auch die Anzahl der privaten Gymnasien nahm zu: von 57 im Jahr 2005 auf heute 81.

Die Übergänge auf eine weiterführende Schulart sind ebenfalls regional sehr unterschiedlich. Daran zeigt sich, dass die Schulwahl bei weitem nicht nur eine Frage der Grundschulempfehlung ist. Tübingen hat mit 60 Prozent die landesweit höchsten Übergangsquoten an die Gymnasien. Im Main-Tauber-Kreis wechseln 44,8 Prozent der Grundschüler/innen auf eine Realschule, in Heidelberg bleiben für die Haupt- und Werkrealschulen gerade mal noch ein Prozent der Übergänger/innen. Dies macht deutlich, dass eine ausgewogene regionale Schulstruktur auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit ist. Die Erreichbarkeit eines Schulstandorts mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln ist für manchen Bildungsweg entscheidender als die Frage, ob man die Schulart für geeignet hält.

Eine einmal getroffene Schulwahl nach Klasse 4 ist für etwa ein Prozent der Schüler/innen nicht von Dauer. Im Schuljahr 2017/18 wechselten 5.780 Schüler/innen zwischen den Schularten der Sekundarstufe I. Mit Abstand am häufigsten ist der Wechsel von einem Gymnasium zu einer Realschule. Die Zahl der Wechsler/innen ist faktisch allerdings höher, weil die Schulstatistik unterjährige Veränderungen nicht zählt.

Inklusion – auch eine soziale Frage

Die in der UN-Behindertenrechtskonvention in Artikel 24 geforderte Inklusion im Bildungsbereich ist inzwischen durch Gesetze und Verordnungen in Landesrecht überführt. Im Grundsatz ist die inklusive Bildung eine Aufgabe aller Schularten. In der Praxis übernehmen aber Grund- und Gemeinschaftsschulen den Löwenanteil (78 Prozent) der Inklusionsaufgabe.

Bei der Förderung und Unterstützung von Schülerinnen und Schülern gibt es drei Stufen:

  1. Besonderer Förderbedarf
  2. Sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf
  3. Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot (SBA)

Inklusion bezieht sich in der Regel auf den Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit SBA an einer allgemeinbildenden Schule. Im Bildungsbericht werden auch kooperative Organisationsformen (Außenklassen) als „inklusiven Bildungsangeboten qualitativ vergleichbar“ dargestellt. Dies ist jedoch in der Inklusionsdiskussion durchaus umstritten.

2015 gab es in Baden-Württemberg 58.600 Kinder mit einem Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot, von diesen waren 8.600 in der schulischen Inklusion. Jungen sind in nahezu allen Förderbereichen überrepräsentiert (Ausnahme: Schule für Kranke), ebenso Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Ein weiterer Faktor ist der soziale Hintergrund eines Kindes: Je niedriger der Sozialstatus, desto höher sind die Anteile in einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ).

Diese Indikatoren machen deutlich, dass der Beratungs-, Förder- und Unterstützungsbedarf im Schulwesen nach wie vor im Kern eine soziale Frage ist. Und: Die bessere Lernleistung und Lernentwicklung der unterstützungsbedürftigen Schüler/innen in inklusiven Gruppen wird immer wieder nachgewiesen. Allerdings ist ebenso richtig, dass diese Kinder häufiger Probleme haben, in die Klassen integriert zu werden und Anerkennung zu finden. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sich Kinder und Eltern oftmals mit der Entscheidung für SBBZ wohler fühlen.

Veränderungen beim Ganztag erwartet

Neben dem Brennpunktthema Inklusion ist auch die Ganztagsschule immer wieder Gegenstand strittiger Debatten. Zwischen „Zwangsbeglückung“ und „Allheilmittel“ gehen die Potenziale guter Ganztagsschulen oftmals unter. Dass diese an Voraussetzungen gebunden sind, ist dabei selbstverständlich.

Der Bildungsbericht 2018 zählt im Schuljahr 2017/18 in Baden-Württemberg 2.148 Ganztagsschulen, davon 732 an Grundschulen, 324 an Haupt- und Werkrealschulen und 315 an Gemeinschaftsschulen. Die privaten Schulen sind in diesen Zahlen enthalten. Dass die Anzahl von 2016 auf 2017 zurückging, hängt mit dem Auslaufen von Haupt- und Werkrealschulen zusammen.

27 Prozent der Primar- und Sekundarstufe-I-Schüler/innen nehmen ein Ganztagsangebot wahr. „Ganztagsangebot“ heißt, dass ein Ganztagsbetrieb an mindestens drei Tagen mit mindestens sieben Zeitstunden stattfindet. Nach den obligatorisch als ganztägig geführten Gemeinschaftsschulen haben die Gymnasien und SBBZ den höchsten Ganztagsanteil aller Schularten.

In den nächsten Monaten werden Änderungen beim Ganztag erwartet: Die Landesregierung hat im Koalitionsvertrag eine Schulgesetzverankerung des Ganztags „Sekundarstufe I“ vereinbart. Der „Qualitätsrahmen Ganztagsschule“ wurde am 8. Juli 2019 der Öffentlichkeit präsentiert. Spannend wird die Frage sein, wie die Standards den Weg in die schulische Praxis finden. Ohne eine adäquate personelle Unterfütterung und ohne ausreichende Unterstützung der Schulen vor Ort wird es nicht gehen. Im nächsten Bildungsbericht, der dann vom neuen Institut für Bildungsanalysen (IBBW) kommen soll, kann man vielleicht schon die ersten Auswirkungen auf die Ganztagsschullandschaft in Baden-Württemberg nachlesen.

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