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Verbraucherbildung: Initiativen zulassen, Rückschläge aushalten

Das Friedrich-von-Alberti-Gymnasium in Bad Friedrichshall macht sich für Verbraucherbildung stark. Was die Schule alles macht, ist kaum zu fassen – und es sieht nicht so aus, als ob es den Beteiligten zu viel würde.

20.08.2018 - b&w-Artikel, Maria Jeggle

b&w war auf der Suche nach einer Schule, die sich für Verbraucherbildung starkmacht, die das Thema im Schulalltag verankert und Projekte in Gang setzt. Gefunden haben wir das Friedrich-von-Alberti-Gymnasium in Bad Friedrichshall. Dort wird eine Fülle von Projekten, AGs und Aktionen umgesetzt: Theater, Ausstellungen, Schülerfirmen, Medienscouts oder Fairtrade-Kampagnen. Zu viel des Guten?  

Wo fängt Medienbildung an, wo hört Verbraucherbildung auf? Was am Friedrich-von-Alberti-Gymnasium läuft, lässt sich nicht so leicht zuordnen. Ende Juni erhielt die Schüler/innen-AG „Medien-Kompetenz-Training“ den zweiten Platz des Verbraucherschutzpreises 2018. Den Preis lobt das Verbraucherministerium zusammen mit dem Kultusministerium seit 2011 aus. Letztes Jahr belegte die Schule mit dem Projekt „Mode – Kaufen, Kaufen, Kaufen – Konsum – ohne Kopf und Verstand“ den ersten Preis.

Vier Schülerfirmen gibt es an dem Gymnasium: alberti.tv (Filmproduktionen), Jacke wie Hose (neue Produkte aus alten herstellen), Health in Glas (gesunde Gerichte im Glas), und #changemaker (nachhaltige T-Shirts). Mit Changemaker machen die Schüler/innen auf Missstände in der globalen Textilindustrie aufmerksam. Dafür gab es Anfang Juli die nächste Auszeichnung: „Spitze Nadel 2018 – Aktionspreis gegen die dunkle Seite der Modeindustrie“.

Vor einem Jahr war Taslima Akhter zu Gast im Bad Friedrichshaller Gymnasium. Sie ist Fotografin und Aktivistin der „Bangladesh Garment Workers Solidarity“. 2013 wählte das Time Magazine ihr Foto zu den „Top 10 photos of the year“. Das Foto zeigt ein Paar, das 2013 beim Zusammenbruch von fünf Nähfabriken im Rana Plaza-Gebäude umgekommen ist. Akhter hielt Vorträge und gestaltete mit den Schüler/innen eine Fotoausstellung, die auch anderen Schulen angeboten wurde.

„Unser Wissen ist goldwert“

Das Unglück von Rana Plaza und hemmungsloser, billiger Konsum ist auch Thema des Theaterstücks „Fashion Pressure“, das an der Schule mit externer Unterstützung entstanden ist. Dieses Stück kann ebenfalls von anderen Schulen gebucht werden. Bei all diesen (und anderen nicht beschriebenen Projekten) steckt der Ethik-, Geografie- und Sportlehrer Axel Schütz dahinter.

Die Fülle der Projekte, Aktionen und Preise machen misstrauisch. Wie kann das sein? Wie geht das? Im Gespräch mit Axel Schütz, der Lehrerin Katy Stephan und dem Schulleiter Oliver Klis fallen immer wieder die Wörter: „zulassen“ und „aushalten“.

Gelingen könne die Arbeit nur, wenn Schulleiter und Kollegium zuließen, dass Klassenarbeiten verschoben werden, Schüler/innen im Unterricht fehlen oder Noten nicht immer den ersten Stellenwert haben. Ausgehalten werden müsse, wenn Schüler/innen trotzdem billige T-Shirts kaufen, ihr Handy nicht wie vereinbart ausschalten, Projekte auch mal schlechter laufen, Ideen versanden, Schüler/innen die Lust verlieren, Kolleg/innen nicht einverstanden sind, der Gesprächsbedarf groß ist und Konflikte auf Lösungen warten.

„Wir wollen nicht in der Schule sitzen bleiben, wir wollen raus gehen, Schülerinnen und Schüler was erleben lassen. Außerhalb von Schule können sie Spirit aufnehmen“, erläutert Schütz. Die Bundesjugendkonferenzen Medien in Rostock waren beispielsweise für die AG „Medien-Kompetenz-Training“ so ein Impulsgeber und Energieschub.

Zwei Schüler/innen aus der 11. Klasse, die schon drei Mal an der Konferenz teilgenommen haben, berichten von einer Rechtsanwältin, die über Cybermobbing aufklärt, von Uli Sailer, der als Berater für digitalen Verbraucherschutz unterwegs ist, und wie sie sich beim Landesmedienzentrum (LMZ) zu Medienscouts ausbilden ließen. Lisa Scherer und Hope Adamek sind seit der 7. Klasse, seit Gründung der AG, dabei. „Unser Wissen ist goldwert“, sagen sie und ihre Erkenntnisse geben sie engagiert und leidenschaftlich weiter. Die AG wird gerufen, wenn in der Schule Probleme mit Medien auftauchen, und sie gehen zweimal jährlich in die 5. Klassen.

Ganze Schulgemeinde ist sensibilisiert

Die Deutsch- und Geografielehrerin Katy Stephan betreut zusammen mit weiteren Kolleginnen die AG und freut sich, wenn die Schüler/innen zu dem Schluss kommen, dass sie ihr Leitbild vorerst unter sich reflektieren wollen. Die Lehrerin sieht sich hauptsächlich als Moderatorin. Sie spricht immer wieder Schüler/innen an, ob sie bei der AG nicht mitmachen wollen. „Wir suchen Schüler/innen, die reflektieren oder welche, die schlechte Erfahrungen mit Medien gemacht haben“, berichtet sie. Inzwischen sei die ganze Schulgemeinde sensibilisiert und alle Kolleg/innen gingen in die Verantwortung, wenn Probleme mit Mediennutzung auftauchten.

Zur Preisübergabe reisten zehn Schüler/innen der AG von Bad Friedrichshall nach Stuttgart. Das dauerte einen ganzen Vormittag. Einige Schüler/innen hätten eine Arbeit schreiben müssen, erzählt Katy Stephan, die die Schüler/innen nach Stuttgart begleitete. Sie war erleichtert, dass ihre Kolleg/innen das Fehlen einiger Schüler/innen akzeptierten. Im anderen Fall wären die Schüler/innen da geblieben. „Es ist mir nicht egal, wenn Schüler/innen im Unterricht von Kolleg/innen fehlen. Nur weil mir was wichtig ist, muss es den anderen nicht auch wichtig sein“, erklärt sie.

Auch der Schulleiter Oliver Klis zeigt sich tolerant. Die vielfältigen Aktionen an seiner Schule schätzt er sehr. 70 Lehrkräfte unterrichten im Friedrich-von-Alberti-Gymnasium. Da bleiben unterschiedliche Wertvorstellungen nicht aus. „Neben all den Projekten ist guter Unterricht unsere Kernarbeit“, betont er. Er findet es in Ordnung, wenn Lehrkräfte ihren Beruf ganz unterschiedlich füllen und Grenzen ziehen.

„Wenn wir nach einem Projekt fix und fertig sind, reden wir auch darüber, ob wir uns vor uns selbst schützen müssen“, bekennt Stephan. Sie räumt ein, dass der Spagat zwischen Selbstausbeutung und Aufgehen im Engagement eine ständige Herausforderung bleibt. „Wir sind selbst erwachsen und wollen auch selbst entscheiden, wie viel wir uns zumuten können“, schiebt sie nach. Arbeitszufriedenheit und eine lebendige Schulgemeinschaft seien der Lohn.

Rausgehen und Arbeit sichtbar machen

„Ich kenne keine Schule, die nur vor sich hindümpelt. Überall gibt es zuhauf Aktivitäten“, glaubt Klis. Wichtig sei, die Arbeit nach außen und innen sichtbar zu machen. Und: Rausgehen, mehr Verbindungen nach außen suchen. „Wenn man anfängt, Kontakte zu knüpfen, entsteht auch vieles von selbst“, weiß er aus Erfahrung. Wobei er sich nicht als guten Netzwerker sieht.

Diese Rolle liegt Axel Schütz, der wiederum sagt: „Lehrkräfte müssen nicht alles selbst machen. Jeder hat andere Talente und Stärken, die man zusammenführen kann.“ „Ich kann nicht Klavier spielen“, kokettiert er, als seine gut gestalteten Broschüren und Fotos gelobt werden.

Angefangen hat alles 2008. Damals diskutierte die Schule über ihr Leitbild. Entstanden sind zunächst das Sozial- und das Musikprofil. Immer mehr Projekte kamen im Laufe der Zeit dazu. Vielfalt und Pluralität sind dem Schulleiter wichtig. Niemals dürften die Themen von oben verordnet werden, sondern man müsse Initiativen von Lehrer- und Schülerseite aufgreifen, fördern, vernetzen und weitertragen.

„Wir freuen uns, dass unsere Arbeit allmählich gesehen wird“, sagt Schütz. Als Beispiel nennt er ein Schreiben von Nikhil Seth, Exekutivdirektor Ausbildungs- und Forschungsinstitution der Vereinten Nationen. Der Architekt der 17 Nachhaltigkeitsziele würdigte darin die Events und Aktivitäten der Schule, die im Einklang mit den United Nations Sustainable Development Goals (SDGs – globale Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen) stehen.

Unterstützung erfährt die Schule mittlerweile von vielen Seiten. „Wir haben einen tollen Schulträger, mit dem wir wirklich gut zusammenarbeiten“, lobt Klis. Eineinhalb Stellen für Schulsozialarbeit investiert die Stadt, was die Schulgemeinde sehr zu schätzen weiß. Auch die Eltern sind eingebunden und motivieren die Lehrkräfte, wenn sie ihnen rückmelden, wie gut sich ihre Kinder entwickeln würden. So kommen Initiativen auch ohne Zuarbeit der Lehrkräfte zustande. Der Elternbeirat hat beispielsweise gemeinsam mit den Schulsozialarbeiterinnen eine vegane Woche durchgeführt. Sieht nicht so aus, als ob es den Beteiligten zu viel würde.

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