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Hochschulen in der KriseVon der analogen zur digitalen Hochschule

Während in der Corona-Krise viel um Öffnungen, Hygienestandards und Masken für Schulen debattiert wird, bleiben die Hochschule überraschend außen vor. Die GEW schaut sich die Entwicklungen an den Universitäten, Pädagogischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen genauer an und findet viel Verbesserungsbedarf.

18.03.2021 - Kathrin Leipold, GEW-Referentin für Hochschule und Forschung

Viele Studierende sind von den Auswir­kungen der Corona-Krise stark getroffen: Sie haben ihre Jobs verloren oder leiden anderweitig unter Arbeits­ein­schrän­kun­gen. Auch sind sie von den Einkommens­verschlechterungen der Eltern betroffen, so dass die GEW davon ausgeht, dass Studierende aktuell weniger Geld zur Verfügung haben als sonst üblich.

Daher wurden vom Bund die soge­nann­ten ­Überbrückungshilfen, die Studie­ren­­den mit Zuschüssen bis zu 500 Euro unter­stützen sollen, ins Leben gerufen – zunächst nur für die Monate Juni bis September 2020. Nachdem allerdings keine Besserung der Corona-Lage in Sicht ist und der Lockdown seit No­vember 2020 gilt, wurden auch die ­Überbrückungshilfen reaktiviert (www.überbrückungshilfe-studie­rende.de/start). Seit dem 20. No­­vem­ber 2020 kann der „Zuschuss für Studierende in akuter Notlage“ wieder beantragt ­werden. Anträge können bis März 2021 gestellt werden.

Die GEW kritisiert die Überbrückungshilfen als völlig unzureichend und fordert, die Finanzierung von Studierenden krisenfest zu machen. Dafür sollte langfristig das BAföG reformiert und kurzfristig die bürokratischen Hürden zu den Überbrückungshilfen vereinfacht werden!

Besonders prekär ist die finanzielle Situation für internationale Studierende und Studierende aus Nicht-Akademikerfamilien. Sie brauchen dringend Unterstützung, damit sie nicht aus finanziellen Gründen ihr Studium abbrechen müssen. Die GEW fordert daher eine Verlängerung der Regelstudienzeit nicht nur um ein, sondern um zwei Semester – damit alle Zeit haben, aus der Krise rauszukommen!

Online-Semester – Digitalisierung ­verursacht mehr Aufwand

Die Umstellung auf ­Onlinelehre bedeutet Mehrfachbelastung für Mitarbeiter*­innen an Hochschulen. Datenschutzfragen, Mangel an technischer Ausstattung, vereinsamte Studierende – die Liste der Probleme, die Online-Semester verursachen, ist lang. Die GEW hat das Wissen­schaftsministerium aufgefordert, sich um die langfristigen Folgen einer eiligen Umstellung auf digitale Lehre und Forschung zu kümmern und entsprechende Mittel für die Universitäten bereitzustellen. Passiert ist bisher wenig. Die Hochschulen sind in vielen Angelegenheiten rund um die digitale Lehre allein gelassen.

Dabei muss digitale Lehre unbedingt neu gedacht werden! Denn digitale Forschung und Lehre erfordert mehr Zeit, da sie einer intensiveren Vorbereitung bedürfen. Gleichzeitig werden die Lehreinheiten gekürzt, und ­asynchrones Arbeiten, also die Beschäftigung der Studierenden mit Aufgaben, ist Programm. Digitale Forschung und Lehre beansprucht vor allem ein Vielfaches an Kommunika­tion. Aber wie wird dieser Mehraufwand abgegolten? Das Wissenschaftsministerium äußert sich hierzu nicht und macht keine produktiven Vorschläge. Sinnvoll wäre, ­Lehrverpflichtungen ­abzusenken und das Personal aufzustocken. Vor allem die Lehrbeauftragten, die in sogenannten Honorarverträgen vergütet werden, leiden unter der Umstellung auf die digitale Lehre.

Die GEW fordert daher schon seit Jahren, die Lehrbeauftragten, die lediglich als Honorarkräfte angestellt sind, entsprechend ihrer Expertise und Qualifikation zu entlohnen und sie in Krisenzeiten besonders zu unterstützen! Sie benötigen dringend Corona-Hilfen vom Land!

Online-Prüfungen mit Tücken

An den meisten Hochschulen des Landes sind Online-Prüfungen das Mittel der Stunde. Und dazu sind sie berechtigt: Denn seit Dezember 2020 sind Regelungen des Landeshochschulgesetzes in Kraft, die die Möglichkeiten zur Online-Prüfung festlegen.

Diese Regelungen an Hochschulen zeigen sehr deutlich, vor welchen Herausforderungen Hochschulen unter der Bedingung von Digitalisierung stehen: Da auch Unternehmen Videoaufsichts­tools zur Verfügung stellen und mit der Videoaufsicht beauftragt werden können, kommen Probleme hinsichtlich der Datenweitergabe, der Datenverarbeitung und unseres Verständnisses von Privatheit auf. Denn Online-Prüfungen, die mit einer ausgelagerten Prüfung umgesetzt werden, verlangen, dass Studierende ihre Kameras und Mikros anschalten, um sicherzustellen, dass auch sie und niemand anderes ihre Prüfung absolviert. Darüber hinaus soll über das sogenannte „Proctoring“ sichergestellt werden, dass die Prüflinge nicht surfen oder sich durch andere Kanäle die prüfungsrelevanten Informationen beschaffen. Die GEW jedoch plädiert für Online-Prüfungen mit Open-Book-Konzepten ohne digitale Überwachung, die in Räumen der Hochschulen oder Testzentren stattfinden, sofern rechtlich zulässig. Nur so kann eine Chancengleichheit bestmöglich gewährleistet werden. Da aber solche Open-Book-Konzepte mit einem gesteigerten Arbeitsaufwand zulasten der Dozent*innen verbunden sind, müssen ausreichende Vor- und Nachbearbeitungszeiten sowie eine dem Arbeitsaufwand entsprechende und angemessene Vergütung sichergestellt werden.

Dringend müssen sich die Hochschulen daher mit der Frage beschäftigen, in welche Richtung Hochschulbildung und Prüfungskultur in Zukunft gehen soll. Prüfungen mit Überwachungs- und Überprüfungstendenzen abzuhalten, wider­spricht der Vorstellung der GEW von Bildung als Selbstbildung und Selbstbestimmung.


Die GEW BW fordert:

  • Schaffung von finanziellen und personellen Ressourcen für die Gestaltung alternativer Prüfungsformate und der Weiterentwicklung der Prüfungskultur an Hochschulen,
  • Fortbildungen für Lehrende für Online-Prüfungen im fachwissenschaftlichen, didaktisch, pädagogischen Bereich,
  • Regelungen zu Online-Prüfungen für Drittanbieter nachbessern und Anbieter, die Datensicherheitsstandards wider­sprechen, als unzulässig markieren,
  • Sicherstellung einer Prüfungsaufsicht, die die DSGO und die Persönlichkeitsrechte der Studierenden nicht verletzt, beispielsweise Prüfungsräume und Endgeräte bereitstellen.


Homeoffice und keine Ende in Sicht

Die Umgestaltung von analogen Lehre zu digitaler Lehre an den Hochschulen lässt sich im Gegensatz zu den Schulen etwas einfacher umzusetzen: Man geht davon aus, dass alle Studierenden selbstbestimmt und freiwillig ein Studium angetreten haben, sich selbst soweit organisieren können, dass sie an allen Seminaren und Prüfungen teilnehmen und dass alle Mitarbeiter*innen problemlos ihre Lehre von zu Hause aus gestalten können. Doch auch in dieser vermeintlich heilen Welt der digitalen Hochschule finden sich Risse: Wie sieht es mit den meist nur unzulänglich behandelten Nachteilsausgleich für Studierende mit Kindern und/oder Care-Verpflichtungen aus? Wenn ein Arbeitgeber Beschäftigte ins Homeoffice schickt, muss er auch die ­Arbeitsmittel zur Verfügung stellen. Wie können Hochschulen für eine entsprechende Ausstattung für Lehrende und Lernende sorgen?

Homeoffice bedeutet für viele Rückenschmerzen, Kopfweh, ein Mangel an Bewegung und wenig Sozialkontakte. Wie lässt sich Onlinelehre mit Gesundheitsvorsorge und Gesundheitsschutz verknüpfen? Vielen Studierenden wäre es schon eine große Hilfe, wenn Biblio­the­ken als Lernraum wieder öffnen würden. Bibliotheken bieten eine gute, ­ruhige Lernatmosphäre. Sie helfen den Tag zu strukturieren, und man fühlt sich weniger allein.

Für einen gelungenen Wechsel von einer analogen zu einer digitalen Hochschule braucht es noch Zeit, Geld und Konzepte! Nicht nur in Corona-Zeiten.