GEW Baden-Württemberg
Sie sind hier:

Vorbereitungsdienst belastet stärker als vermutet

Eine Studie der Pädagogischen Hochschule Freiburg hat die psychosoziale Belastungen bei Referendaren und Referendarinnen untersucht. Mit welchen Belastungen haben sie im Vergleich zu Lehrkräften und anderen Berufstätigen zu kämpfen?

19.07.2016 - Anne-Sophie Rosati, Marie Drüge, Prof. Dr. Karin Schleider

Die Wissenschaft hat sich schon oft mit den Belastungen des Lehrberufs, mit seinen Ursachen, Bedingungen und Folgen (z.B. Burnout) auseinandergesetzt. Schaarschmidt (2004) zufolge zeigt kein anderer Beruf vergleichbar kritische Belastungsverhältnisse auf. Vor allem die zweite Phase der Lehrerausbildung – das Referendariat – wird psychosozial als sehr belastend gesehen. Mit dem Beginn des Referendariats kommen vielfältige Anforderungen auf die Lehramtskandidaten/innen zu. Es müssen zahlreiche Kompetenzen der Bereiche Unterrichten, Erziehen, Beurteilen und Innovieren (Kultusministerkonferenz, 2004) erworben und erprobt werden, um die neuen Aufgaben zu bewältigen. Diese Übergangsphase von der Hochschule in die berufliche Praxis wird häufig mit dem sogenannten  „Praxisschock“  beschrieben (Klusmann et al., 2012) und wird als  sehr  belastend beschrieben.  Viele der Referendar/innen brechen den Vorbereitungsdienst  ab  und  beenden  ihre Berufslaufbahn (ebd.). Umso erstaunlicher ist es, dass sich mit dieser Thematik bislang nur sehr wenige Untersuchungen   (Christ/van   Dick/Wagner,   2004; Klusmann et al., 2012) befasst haben. Aus diesem Grund wurde an der Abteilung  für  Beratung,  Klinische  Psycho- logie  und Gesundheitspsychologie  der Pädagogischen Hochschule Freiburg eine  Studie  durchgeführt, welche die Merkmale und Ausprägungen  psycho- sozialer  Belastungen  bei  Lehramtsanwärtern/innen erhebt und Zusammenhänge zu deren Folgen aufzeigt (Drüge/ Schleider/Rosati, 2014). An  der Studie  aus  2013  nahmen  342 Referendar/innen  aus  den  staatlichen Seminaren  für  Didaktik und Lehrerbildung,  der  Lehrämter  Grund-  und Hauptschule,  sowie  des  Lehramts  für Realschule,      in Baden-Württemberg teil.  Die angehenden Lehrkräfte nahmen von Januar bis Mai 2013 an einer Onlinebefragung  mit dem Messinstrument Copenhagen  Psychosocial  Questionnaire  (COPSOQ, www.copsoq.de) teil und beantworteten spezifische Fragen zu ihrer Arbeit, dem Arbeitsumfeld und ihrem momentanen  Gesundheitszustand. Mit dem gleichen Messinstrument wurden bereits über 54.000 Lehrkräfte in Baden-Württemberg sowie weitere Berufe untersucht (Nübling u. A., 2012). Diese Daten wurden mit denen der Referendar/innen verglichen, um Aussagen über das Maß der Belastung und der daraus resultierenden Folgen treffen zu können.

Wie bewerten die angehenden Lehrkräfte ihre beruflichen psychosozialen Belastungen?

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Referendar/innen insgesamt berufs- typische Belastungsaspekte  aufweisen. So  zeigen  die  angehenden  Lehrkräf- te in der Gegenüberstellung mit den Vergleichsgruppen in den Bereiche „Anforderung“, „Soziale Beziehungen und Führung“ und „Unsicherheit des Arbeitsplatzes“ in vielen Skalen deutlich höhere Werte. Bei der Einschätzung der Anforderungen  liegen  die  Werte  aller  vier  Skalen in diesem Bereich bei den Referendar/ innen ausnahmslos  über  den  Werten der Vergleichsgruppen. Höhere Werte sind dabei gleichzustellen mit erhöhten Anforderungen. Drei Skalen stechen dabei besonders hervor: die „quantitativen Anforderungen“, die „emotionalen Anforderungen“ und die „Unvereinbarkeit von Berufs- und Privatleben“. Alle drei Skalen haben einen großen Einfluss auf die psychische Gesundheit. Die starke gefühlsbezogene Belastung, die dem Lehrberuf und dem Referendariat zugeschrieben wird, kann somit durch die Ergebnisse bestätigt werden. Hingegen widerlegen die Befunde die Mutmaßung, dass sich im Lehrberuf Freizeit und Arbeitszeit besser miteinander vereinbaren lassen, als bei anderen Berufen. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei der„Unsicherheit des Arbeitsplatzes“. Die Referendar/innen sind deutlich unsicherer was ihren Arbeitsplatz anbelangt als die gleichaltrigen Vergleichsgruppen anderer Berufsbrachen. Dies ist ein deutlicher Nachteil, da eine große Sicherheit des Arbeitsplatzes Burnout-Symptomen entgegenwirkt (Nübling u.A. 2012). Bei den „soziale Beziehungen und Führung“erzielen die Anwärter/innen bei fünf der Skalen (Rollenkonflikte, Rollenklarheit, soziale Unterstützung, soziale Beziehungen und Gemeinschaftsgefühl) die schlechtesten Werte aller Vergleichsgruppen. Da sich das Ausmaß an sozialer Unterstützung positiv auf Beanspruchungsfolgen auswirkt, kann davon ausgegangen werden, dass diese positiven Einflüsse bei den angehenden Lehrkräften geringer ausfallen.

Im Bereich „sozialen Beziehungen und Führung“  weisen  Referendar/innen auch auf einigen wenigen Skalen positive Werte auf: So zeigen sich bei den Skalen zu „Feedback“ und „Führungsqualität“ die besten Werte innerhalb der Gruppen und gerade die Führungsqualität zählt zu den Faktoren, die eine hohe positive Bedeutung für das psychische Wohlbefinden haben. Ebenfalls gute Werte weisen die Referendar/innen bei der Bewertung ihrer „Einfluss- und Entwicklungsmöglichkeiten“ auf. Die hohen Werte dieser vier Skalen können positiv beurteilt werden. Besonders erwähnens- wert sind die Werte für die „Entwicklungsmöglichkeiten“ und die „Bedeutung der Arbeit“, die tatsächlich deutlich günstiger  als  bei  den  Vergleichsgruppen ausfallen. Diese Ergebnisse legen eine positive Einstellung zum Beruf nahe, was sich wiederum günstig auf die Gesundheit auswirkt und einen deutlichen strukturellen Vorteil gegenüber anderen Berufen darstellt. Zusammenfassend lassen sich in den meisten Berei- chen deutliche Nachteile, aber durchaus auch einige Vorteile feststellen.

Ein weiteres Ziel der Studie war es, die Folgen der Beanspruchung zu ermitteln. Dafür wurden den Teilnehmer/innen speziell Fragen zu Arbeit und Gesundheit gestellt. Erfragt wurden zum Thema Arbeit, wie häufig an Berufsaufgabe gedacht wird und wie hoch die Zufrieden mit der Arbeitssituation ist. Zum Thema Gesundheit standen der allgemeine Gesundheitszustand, das Burnout-Syndrom, sowie die kognitiven Stresssymptome und die Lebenszufriedenheit im Fokus. Bei drei der fünf erfragten Folgen weisen die Referendar/ innen die schlechtesten Werte aller zum Vergleich herangezogenen Gruppen auf (siehe Abbildung Seite 31). Die  ungünstigen  Werte  bei  den  Fragen zu den „kognitiven Stresssymptomen“ wie auch denen zum „Burnout- Syndrom“ zeigen, dass die angehenden Lehrkräfte  deutlich  stärker  belastet sind.Die gewonnenen Daten lassen sich mit denen der Lehrerbelastungsforschung vergleichen, die Ausprägungen sind jedoch in fast allen Punkten noch Fazit Insgesamt weist die Studie darauf hin, dass der Vorbereitungsdienst für die angehenden Lehrkräfte eine Phase darstellt, die mit starken Belastungen einhergeht. Vor allem die alarmierenden Werte bei den Folgen der Beanspruchung zeigen aus unserer Sicht, dass Handlungsbedarf besteht. In diesem Zusammenhang ist auch die geplante Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung im   Vorbereitungsdienst sehr kritisch zu betrachten. Eine solche Maßnahme könnte zu einer weiteren Erhöhung der Belastungen führen. Angehende Lehrkräfte sollten während der zweiten Phase der Lehramtsausbildung angemessen unterstützt werden: Neben einer möglichen Entlastung durch eine Verringerung der Unterrichtsverpflichtung, wie von der GEW gefordert, sollten Maßnahmen der Prävention und Intervention geplant, umgesetzt und evaluiert werden. So haben sich zum Beispiel Formen berufsbezogener Beratung in außerschulischen pädagogischen Kontexten (vgl. Drüge, Schleider, Färber, 2013) sehr bewährt. Denn nur gesunde Lehrkräfte tragen auf Dauer zu einer gesunden Schule bei und nur so kann Bildung eine zentrale Ressource bleiben. 

 

 

 

 

 

Literatur

Christ, O./van Dick R./Wagner U. (2004): Be- lastung und Beanspruchung bei Lehrern in der Ausbildung. In A. Hillert/E. Schmitz (Hrsg.).: Psy- chosomatische Erkrankungen bei Lehrerinnen und Lehrern.  S. 113-119). Stuttgart: Schattauer. Drüge, M./Schleider, K./Färber, S. (2013): Su- pervision als Präventionsmaßnahme bei psy- chosozialen Belastungen im Kontext pädago- gischer Berufe – Eine qualitative Pilotstudie. Prävention. 79-83.

Drüge, M./Schleider, K./Rosati, A.-S. (2014).Psychosoziale Belastungen im Referendariat – Merkmale, Ausprägungen, Folgen. Die deutsche Schule, 4-2014, 358-372.

Klusmann, U./Kunter, M./Voss, T./Baumert, J.(2012): Berufliche Beanspruchung angehen- der Lehrkräfte: Die Effekte von Persönlichkeit, pädagogischer Vorerfahrung und professioneller Kompetenz. In: Zeitschrift für Pädagogische Psychologie 26 (4), S. 275–290.

Kultusministerkonferenz  –  Sekretariat  der ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (Hg.) (2004): Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften.  Beschluss  der  Kultus- ministerkonferenz vom 16.12.2004. Online ab- rufbar.

Nübling u.A.   (2012): Personenbezogene Gefährdungsbeurteilung  an  öffentlichen Schulen in Baden-Württemberg: Erhebung psychosozia- ler Faktoren bei der Arbeit. Online abrufbar. Schaarschmidt, U. (2004): Fit für den Lehrer- beruf? Psychische Gesundheit von Lehramtsstu- dierenden   und Referendaren. In U. Beckmann, H. Brandt/H. Wagner (Hrsg.): Ein neues Bild vom Lehrerberuf?     Pädagogische     Professionalität nach Pisa (100-115). Weinheim und Basel: Beltz

Zurück