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Schulpsychologische Beratungsstellen Warum oft nur der Anrufbeantworter rangeht

Schulpsychologinnen und Schulpsychologen sind für alle da, wenn es in der Schule nicht rund läuft. Die Kultusministerin betont, wie wichtig die Beratungsstellen seien. Trotzdem erreichen Ratsuchende, die in Not sind, oft nur den Anrufbeantworter.

17.10.2018 - b&w-Artikel, Maria Jeggle

Die schulpsychologischen Beratungsstellen sind für alle da, wenn es in der Schule nicht rund läuft: Für Lehrkräfte, Schulleitungen, Schülerinnen und Schüler und Eltern. Das Land hat zwar neue Stellen für die Schulpsychologinnen und Schulpsychologen geschaffen, gleichzeitig aber ihre Verwaltungsstellen abgebaut. Nina Großmann, Vorsitzende des Landesverbands Schulpsychologie Baden-Württemberg schildert die Folgen.

Was sind Ihre Kernaufgaben als Schulpsychologin? Wie profitieren Schulen von Ihrer Tätigkeit?

Nina Großmann: Wir unterstützen Schülerinnen und Schüler bei Lernschwierigkeiten, bei Konzentrationsstörungen oder bei Schulängsten und Verhaltensauffälligkeiten. Auch Lehrkräfte und Schulleitungen profitieren von Supervision und Coaching oder von Fortbildungen zum Beispiel zum Umgang mit psychisch erkrankten Schülerinnen und Schülern.

Dazu kommen Kriseneinsätze an Schulen, die Koordination des besonderen Beratungsverfahrens für den Übertritt an die weiterführende Schule sowie für die Hochbegabtenklassen und die Aus- und Fortbildung von Beratungslehrkräften. Auch kommen immer neue Themen und Aufgabenfelder dazu. Aktuelle Beispiele sind unser Einsatz bei Fortbildungen zum Umgang mit Geflüchteten, die Unterstützung von Schulen bei extremistischen Einflüssen oder die neue Initiative des Kultusministeriums für ein Schutzkonzept an Schulen gegen sexuellen Missbrauch.

Zahlen belegen, wie groß die Probleme an Schulen sein können. Nach Erhebungen des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) zeigen von 600 Schülerinnen und Schülern einer normalen Schule 120 psychische Auffälligkeiten, 30 bis 180 wurden Opfer von Mobbing, 90 bis 300 wurden Opfer von Cybermobbing, zehn Jungen und 20 Mädchen der 9. Klasse fügten sich Selbstverletzungen zu, 18 bis 60 leiden an einer Depression, 30 lernen mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (LRS), weitere 30 mit Dyskalkulie.

Auch bei Lehrkräften ist der Beratungsbedarf groß. Von 35 Lehrkräften dieser Beispielsschule leiden elf an Erschöpfung, Burnout oder psychischen Erkrankungen, sechs sind sich sicher, dass sie aus gesundheitlichen Gründen die Altersgrenze nicht erreichen, vier denken daran, ihren Beruf aufzugeben und 23 geben eine hohe Arbeitszufriedenheit an.

„Bei uns fällt sehr viel Verwaltungsarbeit an und es ist eine Ressourcenverschwendung, wenn Schulpsychologinnen und Schulpsychologen ihre Arbeitszeit in Verwaltung stecken statt in die Beratung mit Menschen.“ (Nina Großmann,  Vorsitzende des Landesverbands Schulpsychologie BW)

Sie kämpfen in Ihrem Berufsverband zurzeit vor allem um mehr Verwaltungsstellen. Steckt viel Verwaltungsarbeit hinter Ihren Aufgaben?

Großmann: Ja, reichlich. Jede Einzelfallanfrage wird dokumentiert und muss im Jahresbericht erfasst werden. Bei 600 bis 800 Fällen im Jahr kommt da viel zusammen. Zu den Fallbesprechungsgruppen, Supervisionen oder Coachings werden die Lehrkräfte offiziell eingeladen. Die Veranstaltungen müssen bei Lehrkräftefortbildung Online (LFB-Online) beantragt werden, Teilnehmerlisten müssen angelegt, geführt und weitergemeldet werden.

Viel Verwaltungszeit wird für die Organisation, Einteilung, Ausbildung und Fortbildung der Beratungslehrkräfte im jeweiligen Stadt- oder Landkreis benötigt. Hier sind Schulen auf die Informationen und Versorgung durch die Beratungsstellen angewiesen. Aber auch jährlich wiederkehrende Verfahren wie die Hochbegabtenauswahl oder das Besondere Beratungsverfahren und anlassbezogene Beratungslehrerauswahl und -ausbildung fordern die Verwaltung stark.

Und nicht zuletzt: Ein besetztes Telefon mit einer kompetenten Verwaltungskraft, die die Hilfesysteme im Landkreis kennt und Klienten im Erstkontakt freundlich annehmen kann, lässt Ratsuchende, die in Not sind, nicht allein. Uns bleibt oft nichts anderes übrig, als den Anrufbeantworter einzuschalten.

Nach dem Amoklauf in Winnenden 2009 hat das Land die Zahl der Schulpsychologinnen und -psychologen kräftig erhöht. Sie stieg von 50 im Jahr 2004 auf jetzt 200. Gleichzeitig wurden Verwaltungskräfte abgebaut. 2004 gab es für 50 Psychologinnen und Psychologen noch 30 Verwaltungsangestellte. Inzwischen sind es im ganzen Land noch 18 Stellen für 200. Einige Sekretariate der 28 Beratungsstellen sind schon seit Jahren nicht oder unterbesetzt. Sie selbst verlieren demnächst ihre langjähre, gut qualifizierte Mitarbeiterin. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Großmann: Für die Beratungsstelle ist das ein herber Verlust. Das führt dazu, dass hoch qualifizierte Psychologen und Psychologinnen mit bis zu einem Drittel ihrer Arbeitszeit mit Verwaltungs- und Sekretariatsarbeiten befasst sind. Für die Schulen und die Ratsuchenden bedeutet das längere Wartezeiten und Anfragen, die zum Teil nicht bearbeitet werden können. Auch Routineaufgaben, die wir im Auftrag des Kultusministeriums und der Regierungspräsidien übernehmen, werden nicht so zeitnah und umfassend erledigt werden können.

Da wir gerne als Schulpsychologinnen und Schulpsychologen arbeiten, leidet durch diese Zusatzbelastung auch die Arbeitszufriedenheit und damit die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hier muss der Arbeitgeber seiner Verantwortung gerecht werden und handeln.

Sie verdienen sicher mehr als Ihre Verwaltungsmitarbeiterin. Wenn Sie jetzt gezwungen werden, deren Aufgaben zu übernehmen, ist das doch Ressourcenverschwendung. Wo hakt es Ihrer Meinung nach?

Großmann: In der Schulverwaltung, im Kultusministerium und in den Regierungspräsidien, Abteilung Schule, ist es üblich, dass hochqualifizierte Lehrkräfte Verwaltungsarbeit übernehmen. In diesen Bereichen hat der Mangel an Verwaltungskräften Tradition. Daher stößt unser Anliegen nicht auf offene Ohren.

Bei uns fällt strukturell sehr viel Verwaltungsarbeit an und es ist tatsächlich eine Ressourcenverschwendung, wenn Schulpsychologinnen und Schulpsychologen ihre Arbeitszeit in Verwaltung stecken statt in die Beratung mit Menschen. Dies hat auch der Landesrechnungshof bei mehreren Beratungsstellen moniert.

Ende Juni sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann in der Stuttgarter Zeitung: „Die Schulpsychologen brauchen zwingend Verwaltungskräfte, die ihnen den Rücken freihalten, damit sie ihren wichtigen Aufgaben in der Diagnostik und Beratung von Schülern, Eltern, Familien und Lehrkräften nachgehen können.“ Die Ministerin kennt also ihr Problem. Warum sind Sie dennoch besorgt?

Großmann: Wir kämpfen jetzt seit fast 10 Jahren für eine ausreichende Versorgung mit Verwaltungskräften. Statt einer Verbesserung erleben wir mit jedem Jahr eine weitere Verschlechterung. Unseren Berechnungen zufolge benötigen wir für die 28 Beratungsstellen insgesamt 40 Verwaltungskräfte. Diese Stellen müssen im Haushaltsplan ausgewiesen werden. Hier muss Geld in die Hand genommen werden.

Wir gehen davon aus, dass das geplante Qualitätskonzept nicht ohne zusätzliche Mittel auskommen wird. Ob das von den Verantwortlichen und Gremien auch so gesehen wird, sind wir nicht sicher. Wir werden uns jedenfalls weiter dafür stark machen.

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