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GEW-UmfrageWas Realschullehrkräfte wirklich wollen

Im vergangenen Jahr hat die GEW Realschullehrerinnen und -lehrer befragt, wie die Bildungsgewerkschaft ihnen helfen kann. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Befragten vor allem mehr Zeit für die vielfältigen Aufgaben im Schulalltag wünschen.

11.01.2019

Zahlreiche Realschullehrerinnen und Realschullehrer haben sich im vergangenen Jahr vor Schuljahresende an einer Umfrage der GEW-Landesfachgruppe Realschulen beteiligt.

Die Ergebnisse zeigen zum einen die zum Teil sehr schwierige Situation an den Realschulen auf, zum anderen geben sie der GEW wichtige Hinweise darauf, wo es brennt und wo die Bildungsgewerkschaft mit ihren politischen Möglichkeiten ansetzen kann.

Die Realschule hat mit den beiden schulgesetzlichen Änderungen aus den Jahren 2015 und 2017 den Auftrag erhalten, zusätzlich zur Mittleren Reife auch den Hauptschulabschluss zu ermöglichen. Diese Regelung wird keine Landesregierung wieder zurücknehmen, unter anderem weil in immer mehr Regionen keine Werkrealschule wohnortnah zu erreichen ist. Nur noch 239 Werkrealschulen hatten im vergangenen Schuljahr eine 5. Klasse.

Deshalb muss es jetzt darum gehen, die Kollegien an den Realschulen im Umgang mit der zweifellos immensen Heterogenität der Schülerschaft und den größten Klassen massiv zu unterstützen. Der Wandel in der Zusammensetzung der Schülerschaft darf weder auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler noch auf dem Rücken der Realschullehrerinnen und -lehrer ausgetragen werden.

Die Situation ist dabei an den Realschulen durchaus unterschiedlich. Darauf wird in der ausführlichen Auswertung noch einzugehen sein.

Die Umfrage bestand aus vier Frageblöcken:

  • Situation in der Orientierungsstufe 5/6
  • Fragen zu den Poolstunden
  • Fragen zum Unterricht ab Klasse 7
  • Gewünschter Unterstützungsbedarf

Fragenblock 1: Orientierungsstufe nach G- und M-Niveau differenziert unterrichten

Wenig überraschend wurde von den Realschullehrkräften als größte Schwierigkeit in der Orientierungsstufe die von der derzeitigen Landesregierung eingeführte obligatorische Leistungsbewertung auf M-Niveau benannt. Übereinstimmend berichten die Kolleg/innen von den Schwierigkeiten, die die Regelung bei den leistungsschwächeren Schüler/innen auslöst: Demotivation, Schulunlust und Verhaltensprobleme.

Andererseits sehen Lehrkräfte in der Regelung der einheitlichen Bewertung auch Vorteile, weil sie die Arbeit vereinfacht. Einige sind auch überzeugt, dass mit der alleinigen Bewertung auf M-Niveau der Kernauftrag der Realschule erfüllt würde, zum Mittleren Abschluss zu führen.

Die GEW setzt sich deshalb für eine Regelung ein, wonach in der Orientierungsstufe nach G- und M-Niveau differenziert unterrichtet und bewertet werden kann. Dies mildert Verhaltensprobleme, die durch überforderte Schüler/innen ausgelöst werden, ermöglicht die notwendige individuelle Förderung der Kinder und wird auch dem Sinn einer Orientierungsstufe gerecht.

Es ist selbstverständlich, dass dafür die Schulen besser ausgestattet werden müssen: Mit zusätzlichen Förderstunden (die derzeit aufgebaut werden), mit zusätzlicher Zeit für die konzeptionelle Arbeit, mit Förderkonzepten (die viele Realschulen bereits umsetzen) und mit einer wirksamen Unterstützungsoffensive, die eine Begleitung durch Fachberater/innen der Unterrichts- und Schulentwicklung einschließt.

Fragenblock 2: Lehrkräfte wollen Zeit für Kooperation und Beratung

Mit dem Konzept, den Hauptschulabschluss auch an Realschulen anzubieten, wird die Zahl der Poolstunden bis zum Schuljahr 2020/21 stufenweise auf 20 Stunden je Zug erhöht, um die Leistungsdifferenzierung und Fördermaßnahmen umsetzen zu können.

In der Umfrage waren etwa der Hälfte der Befragten diese Poolstunden bekannt. Überraschend war, dass ein Drittel der Rückmeldungen ergab, dass keine Information über das Vorhandensein von Poolstunden vorliegt.

Der Umgang mit den Poolstunden ist sehr unterschiedlich. An manchen Schulen werden diese nicht explizit als solche ausgewiesen, sie sind auch in kein Konzept eingebettet. An anderen Schulen werden von der Gesamtlehrerkonferenz (GLK) oder von Steuergruppen detaillierte Förderkonzepte erarbeitet und umgesetzt, die den Kollegien auch bekannt sind.

Diese Antworten machen deutlich, dass Ressourcen eine notwendige, aber keine hinreichende Verbesserung für Unterricht und Arbeitsbedingungen sind. Die Schulleitungen und die Kollegien brauchen Zeit für Kooperation und Beratung, in denen sie die notwendigen Umsetzungskonzepte erarbeiten, erproben und evaluieren können. Die Schul- und Unterrichtsentwicklung wird immer mehr als zentraler Qualitätspfeiler erkannt.

Die GEW setzt sich nachdrücklich dafür ein, dass sich diese Erkenntnis auch im derzeit in der Entwicklung befindlichen Qualitätskonzept niederschlägt.

Fragenblock 3: Hauptschullehrkräfte und geeignetes Unterrichtsmaterial können unterstützen

Ab Klasse 7 können Schüler/innen binnendifferenziert oder in getrennten Leistungsgruppen nach G- und M-Niveau unterrichtet und bewertet werden.

Die meisten Realschulen, die in der Umfrage beschrieben wurden, wählen ein Mischsystem, das in den Kernfächern getrennten und in den so genannten Nebenfächern gemeinsamen Unterricht durchführt. Dabei werden getrennte „Hauptschulzüge“ durchaus öfter als sinnvoll erachtet, die Schulen sind jedoch dafür entweder zu klein oder verfügen nicht über genügend Stunden, um diese Züge umsetzen zu können.

Die Realschullehrer/innen wünschen sich für diese Klassenstufe vor allem mehr Unterstützung durch Hauptschullehrkräfte und durch geeignetes Unterrichtsmaterial.

Die GEW unterstützt diese Forderung ausdrücklich.

Fragenblock 4: Schulalltag entwickelt sich weiter

Sowohl an die Schulverwaltung als auch an die GEW wurde eine Vielzahl von Vorschlägen und Forderungen zur Verbesserung der Situation an den Realschulen gerichtet. Die Forderungen waren dabei zum Teil konträr.

Zum Beispiel fordern einige Kolleg/innen, die Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung wieder einzuführen und die Haupt- und Werkrealschulen als dritte Säule zu stärken. Andere setzen auf eine Gleichstellung der Realschule mit den Gemeinschaftsschulen.

Was aber alle Befragten verbindet, ist die Notwendigkeit, mehr Zeit zu haben für individuelle Förderung, für Kooperation sowie kollegialen und fachlichen Austausch, für Fortbildung und die vielen zusätzlichen Aufgaben, die der Schulalltag mit sich bringt.

Personalratswahl 2019: Es ist Zeit für mehr Zeit

Die Ergebnisse bestätigen, was die GEW schon aus zahlreichen Gesprächen mit Realschullehrer/innen und den Informationen über die Zusammensetzung der Schülerschaft an den Realschulen zusammengetragen hatte.

In keiner anderen weiterführenden Schulart ist die Heterogenität größer als an den Realschulen. Deshalb reicht es nicht aus, die Realschulen mit Poolstunden zu unterstützen. Das hat GEW-Vorsitzende Doro Moritz in ihren Gesprächen mit Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann mehrfach deutlich gemacht.

Die Landesvorsitzende wird weiterhin im Kultusministerium und bei den Landtagsabgeordneten mehr Unterstützung für die Realschulen zur Bewältigung der deutlich gestiegenen Herausforderungen einfordern. Es ist sehr hilfreich, wenn auch Realschullehrer/innen direkt die Situation gegenüber Landtagsabgeordneten schildern.

Die GEW hat den Wunsch der Lehrkräfte aufgegriffen und tritt mit dem Slogan „Es ist Zeit für mehr Zeit“ bei den Personalratswahlen an. Zurzeit werden die Forderungen, die sich unter diesem Slogan versammeln, konkretisiert. Dabei ist die Umfrage der Fachgruppe Realschulen in der GEW eine wertvolle Hilfe.

Die GEW als Bildungsgewerkschaft für alle Bildungsbereiche und jede einzelne Schulart hat das Ganze im Blick. Es mag an der einen oder anderen Stelle einfacher sein, nur aus dem Blickwinkel einer Schulart zu sprechen. Eine isolierte Betrachtung verkennt aber die Wechselwirkungen im komplexen System „Schule“. Die GEW bildet diese Komplexität ab und hat dabei immer die berechtigten Interessen der Mitglieder in jeder Schule im Blick.

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