GEW Baden-Württemberg
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Wem öffnen wir hier die Türen?

Mit dem neuen Bildungsplan kommt das Fach Wirtschaft an die Schulen. Die GEW fürchtet, dass es damit Lobbyisten noch leichter haben, in die Schulen zu drängen und wirtschaftliche Sachverhalte einseitig darzustellen. Die subtilen Methoden mancher Unternehmen sind schwierig zu durchschauen. Ein Beispiel, das stutzig macht.

04.05.2016 - b&w Artikel, M. Brauer

Mit den Worten „Schauen Sie mal, ob Sie etwas brauchen können!“ hat meine Schulleitung in einer GLK ein Übersichtsblatt von „My Finance Coach“ herumgereicht. „Die My Finance Coach Stiftung GmbH (MFC) ist eine gemeinnützige Initiative, die Kinder und Jugendliche innerhalb und außerhalb des Klassenzimmers (Sekundarstufe I) im Zeichen der ökonomischen Grundbildung für den verantwortungsbewussten Umgang mit Geld sensibilisiert. Mit ihrem kosten- und werbefreien Bildungsangebot wirkt die Initiative der ungeplanten Verschuldung und Überschuldung junger Menschen entgegen. Mehr als 60 Unternehmen und Organisationen unterstützen und kooperieren mit MFC in unterschiedlichen Bereichen.“ So wirbt die aufwendige und modern gestaltete Internetseite von MFC für ihre Angebote.
Das klingt neutral und unverdächtig. Dahinter steckt aber eine Initiative der Unternehmen Allianz, McKinsey und Grey. Sie wurde 2010 gegründet. In sieben Trainingsmodulen zum Thema `Mach dich finanzfit` bieten Referent/innen von MFC Unterrichtsstunden in Wirtschaftslehre an. Das Material wird inzwischen von der Klett MINT GmbH verlegt.

Zusammen mit einer Kollegin konnte ich im Juni 2015 in einer 5. Klasse bei zwei Modulen anwesend sein. Die beiden Referenten erwiesen sich als geschickte Unterhalter. Das Thema „Internetnutzung und Sicherheit“ hat die Schüler/innen sehr interessiert, das Modul „Online und Finanzen“ mit Themen wie dem AGB war nicht altersgemäß und damit Zeitverschwendung. Die MFC-Vertreter sind Fachleute für Finanzen und Versicherungen. Einer der beiden hat vor Ort eine Agentur für Finanzdienstleistungen. Auf unsere Frage, wer sie bezahle, antworteten sie, sie würden nur ehrenamtlich arbeiten.
Unangenehm empfanden wir, dass sich die beiden unseren 5.-Klässler/innen mit Vornamen vorstellten und sich per du ansprechen ließen. So wird eine Vertrauensbasis geschaffen, die nicht zu verantworten ist. Denn auf diesem Markt werden die nächsten Jahre Milliarden für vermeintlich sichere Altersvorsorge angelegt.
Im Gegensatz zu den Bildungspartnerschaften, die gewollt sind, weil sie unseren Neuntklässler/innen - und nur diesen – im Zuge der Berufsfindung den Kontakt zu ortsansässigen Firmen vermitteln sollen, handelt es sich bei My Finance Coach um einen übergeordneten Lobbyverein. Hier geht es nicht um Produktwerbung, sondern um Verbesserung der Reputation. Die Arbeit in Schulen eignet sich hervorragend für die Image-Pflege einer Branche, die seit der Finanzkrise sehr gelitten hat.

Auch wenn das Material brauchbar und die Referenten gute Unterrichtsgestalter sind, verletzen solche Stunden das Gebot der Neutralität, zu der wir verpflichtet sind. Da MFC auf einer Initiative der Arbeitgeberverbände beruht, handelt es sich um eine einseitige Behandlung der Wirtschaftslehre. Die Materialien von MFC sind 2011 von Bundesverband der Verbraucherzentralen als nur bedingt unterrichtstauglich eingestuft worden. Die Neutralität der Experten ist zweifelhaft. (Lobbyismus an Schulen, Lobby Control, Köln 2013, 3. erweiterte Fassung, S. 10) siehe auch: www.verbraucherbildung.de/materialkompass/unterrichtsmaterial/my-finance-coach-mach-dich-finanzfit-1
Für Organisationen, die unabhängig und neutral an der Prävention für Schüler/innen und Jugendliche arbeiten, allen voran die Polizei, sind diese Trainings von Finanzdienstleistern ein Schlag ins Gesicht. Mit dem Berufsethos der Lehrkräfte ist das schwer vereinbar. Mindestens jedoch sollte es für den Einsatz dieser Fachleute einen GLK-Beschluss geben. Folgende Fragen sollten dabei geklärt werden:
•    Wer steht hinter der angeblich gemeinnützigen Organisation? Wer finanziert das Material  und die Referent/innen?
•    Stimmen die Angaben mit dem tatsächlichen Handeln überein?
•    Gibt es eine Möglichkeit, Stellung zu nehmen?
•    Welche Regeln stellen wir für die Unterrichtsstunden der Referent/innen auf, wenn wir uns für `My Finance Coach` entscheiden?
•    Welche Alternativen gibt es? Wo gibt es wertfreies Material aus wirklich unabhängigen Quellen?
•    Abstimmung über ´My Finance Coach` in einer darauffolgenden GLK

Nicht Produkte werden angepriesen, sondern Einstellungen
Aus den Kultusministerien ist zu diesem Problem allenthalben zu hören, die Lehrer und Lehrerinnen seien kritisch und informiert genug, um selbst zu entscheiden, wen sie als Referenten einladen. Können wir Lehrer/innen solch eine subtile Einflussnahme durch Profis überhaupt erkennen? Während manche Lehrkräfte, auch Schulleitungen, noch nach versteckter Werbung suchen, sind die Lobbyisten längst beim sogenannten Deep Lobbyismus angelangt. Nicht Produkte werden angepriesen sondern Einstellungen und Meinungen werden gemacht. Ein weiteres Beispiel: Der Energiekonzern RWE hat 2010 den Schulwettbewerb `Packs an` zur Energieeffizienz veranstaltet. RWE konnte sich damit ein positiveres Image verpassen, während auf der politischen Ebene durch Lobbyarbeit Klimaschutzmaßnahmen verhindert wurden (Lobbyismus an Schulen, s.o. S.10/11).
Wenn Schulleitungen selbst Dienstleister empfehlen, sehen Lehrer und Lehrerinnen kaum Anlass, Referent/innen kritisch zu hinterfragen. Kollegen und Kolleginnen buchen die Externen besonders gern für Tage, an denen sie auf Klassenfahrt sind. So ist zu befürchten, dass Lehrkräfte ihr Pult einem Finanzdienstleister ohne jede Kontrolle überlassen.
Der moralische Aspekt ist dabei noch nicht berücksichtigt: Sind nicht die globalen Finanzdienst- und Unternehmensberatungen die Hauptverantwortlichen dafür, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer stärker auseinander geht? Durch Privatisierungen öffentlichen Eigentums, Gewinnoptimierung, durch Finanzkonstrukte, die Steuermilliarden am Staat vorbei in private Kanäle leiten, sind in der Vergangenheit Kommunen und Länder, also unsere Arbeitgeber, ärmer gemacht worden. Wem öffnen wir hier die Türen? Seit im regulären Finanzmarkt kaum noch Zinsen zu erwirtschaften sind, drängen die Geldmassen zudem in zweifelhafte zum Teil auch kriminelle Anlagen. Nach Transparency International und Oxfam wurden von 2010 bis 2014 von den Großbanken über 300 Milliarden Dollar an Bußgeldern für Gesetzes- und Regelverstöße gezahlt.
Können solche Dienstleister Vorbilder für Schulen sein? Und brauchen nicht eher wir, die Lehrer und Lehrerinnen Wirtschaftslehre, um diese Zusammenhänge zu erkennen?

Es gibt neutrale Alternativen

Als Alternativen zu MFC gibt es für alle Themen unabhängige Referent/innen und Material aus unabhängigen Quellen. Die Polizei hat z.B. im Rahmen ihrer Präventionsprogramme das Thema „Sicherheit im Internet“ mit Filmmaterial hervorragend aufgearbeitet. Die Schuldnerberatung kann fast alle Module von MFC abdecken, wobei deren Referent/innen aufgrund ihrer Erfahrungen wirksamer agieren können, weil sie auch Negativbeispiele darlegen, die ein Finanzdienstleister nicht zur Sprache bringt. Und eine Unterrichtsstunde über Wünsche und Taschengeldverwendung (Modul 1 Einführung, empfohlen für Klasse 5/6) – brauchen wir dafür einen externen Referenten?

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