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Ländermonitor berufliche Bildung 2019Wenn Ausbildungsplätze und Bewerber nicht zusammenpassen

Die Bertelsmann-Stiftung hat untersucht, wie es um die Ausbildungschancen von Jugendlichen steht. Der Bericht bestätigt die von der GEW seit langem vertretene Auffassung, dass die Attraktivität der Berufsausbildung dringend gestärkt werden muss.

22.10.2019 - Von Michael Futterer, stellvertretender GEW-Landesvorsitzender

Im September veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung den „Ländermonitor berufliche Bildung 2019“. Das Forschungsprojekt wurde von Wissenschaftler/innen der Universität Göttingen um Professorin Susan Seeber erstellt und beleuchtet vor allem die unterschiedlichen Ausbildungschancen von Jugendlichen.

Der Ausbildungsmarkt in Baden-Württemberg hat sich in den vergangenen Jahren deutlich entspannt. Der „Ländermonitor berufliche Bildung 2019“ verdeutlicht aber, dass die strukturellen Probleme in der dualen Ausbildung keineswegs beseitigt sind. So hat sich in Baden-Württemberg (BW) die sogenannte Angebots-Nachfrage-Relation (ANR) – Angebot an Ausbildungsplätzen und Nachfrage nach Ausbildungsplätzen – zwar deutlich verbessert (ANR 2007: 87,5; 2018: 99,7), hier ist allerdings ein differenzierter Blick notwendig:

  • Das Bundesverfassungsgericht hat 1980 festgehalten, dass für ein „auswahlfähiges Angebot“ mindestens ein Überhang von 12,5 Prozent notwendig ist. Davon ist BW noch ein gutes Stück entfernt.
  • Die Verbesserung der ANR ist zu einem erheblichen Teil auf eine gesunkene Nachfrage (minus zehn Prozent) zurückzuführen, die demografisch bedingt ist, und nur zum geringeren Teil auf ein größeres Angebot (circa ein Prozent).
  • Anlass zur Besorgnis gibt die Ausbildungsquote (Verhältnis der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten zu Auszubildenden), die seit 2009 gesunken ist. In den westdeutschen Flächenländern ist dafür der Beschäftigungszuwachs verantwortlich. Die gute wirtschaftliche Lage und der damit verbundene Beschäftigungsaufbau haben folglich keineswegs dazu geführt, dass die Unternehmen mehr ausbilden.
  • Die ANR weist nach wie vor eine große regionale Streuung auf. So gibt es besonders im Norden des Landes Agenturbezirke (Heidelberg, Waiblingen, Heilbronn, Mannheim, Schwäbisch Hall/Tauberbischofsheim) mit einer ANR zwischen 90 und 96. Besser sind beispielsweise Konstanz/Ravensburg, Ulm, Göppingen oder Lörrach mit über 100.

Schulische Ausbildungsgänge unterrepräsentiert

Beim Anteil der Neuzugänge in vollqualifizierende Ausbildung liegt BW mit 17 Prozent an vorletzter Stelle aller Bundesländer. Dieser Bereich hat zudem seit 2015 nur einen leichten Aufwuchs (4,7 Prozent) erlebt. Dies liegt sicher auch an der stark durch den Produktionsbereich geprägten Arbeitsmarktstruktur. Das ist aber keineswegs unproblematisch, da sich hinter den schulischen Ausbildungsgängen vor allem die Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufe (GES) verbergen.

Der Bereich wurde zwar seit 2007 strukturell in erheblichem Maße umgebaut (Abbau von zum Beispiel Assistenzberufen, Aufbau des GES-Bereiches), so dass der Anteil der GES-Berufe von knapp 37 Prozent auf 64 Prozent (2017) gestiegen ist. Berücksichtigt man aber den bereits heute bestehenden Fachkräftemangel in diesen Berufen und dass dort in den kommenden Jahren viele zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, dann ist der Anstieg deutlich zu gering und wird den Fachkräftemangel verschärfen.

Passungsprobleme nehmen zu

Auffällig ist auch, dass sich die verbesserte ANR immer häufiger nicht auswirkt. So ist die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen von 2.607 (2009) auf 8.976 (2018) gestiegen, während die Zahl der unvermittelten Bewerber/innen lediglich um eine Viertel auf 9.246 zurückging. Hier kommen sogenannte Passungsprobleme zum Tragen. Professorin Susan Seeber unterscheidet hier drei Arten:

  • Berufsfachliche Passungsprobleme, das heißt die angebotenen Stellen passen nicht zu den Berufswünschen der unvermittelten Nachfrageseite und umgekehrt.
  • Regionale Passungsprobleme liegen vor, wenn eine unbesetzte, beruflich passende Stelle nicht im selben Arbeitsagenturbezirk liegt, in der der unvermittelte Bewerber wohnt.
  • Eigenschaftsbezogene Passungsprobleme meint, dass Betriebe und Bewerber/innen nicht zusammenfinden, obwohl Angebot und Nachfrage mit Region und Beruf übereinstimmen. Dazu kommt es, wenn Betriebe Bewerber/innen wegen fehlender gewünschter Eigenschaften (zum Beispiel bestimmter Schulabschluss) ablehnen oder umgekehrt, wenn Bewerber/innen einen Betrieb wegen dessen Eigenschaften (zum Beispiel Ausbildungsbedingungen) ablehnen.

Bemerkenswert ist, dass in BW – stärker als im Bundesdurchschnitt – der Anteil berufsfachlicher Passungsprobleme sprunghaft gestiegen ist (2009 16 Prozent, 2018 47 Prozent).

So gibt es zum Beispiel einen erheblichen Überhang an Ausbildungsstellen im Bereich Nahrung, Hotel und Gastronomie. Die Ursachen dafür, das hat der DGB-Ausbildungsreport deutlich gemacht, liegt aber auch an der mangelnden Attraktivität der Berufe und der entsprechenden Qualität der Ausbildungsverhältnisse.

Regionale Passungsprobleme nehmen zwar an absoluten Werten zu, verlieren aber relativ an Gewicht (19 Prozent 2009, elf Prozent 2018), ähnlich auch die eigenschaftsbezogenen Passungsprobleme.

Soziale Differenzierungen

Die Chancen von Jugendlichen auf eine vollqualifizierende Ausbildung unterscheiden sich nach wie vor nach sozialen und bildungsbiographischen Merkmalen. So liegt zum Beispiel der Anteil der direkten Einmündungen von Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss sowohl für die duale Ausbildung (circa 28 Prozent) als auch für das Schulberufssystem (sieben Prozent) unter dem Bundesdurchschnitt (37 beziehungsweise 10 Prozent). Dies bedeutet, dass circa 65 Prozent dieser Jugendlichen im Übergangssektor landen, insgesamt sind es in BW nur 40 Prozent.

Das Land im Südwesten weist insgesamt betrachtet im bundesweiten Vergleich einen sehr großen Übergangsbereich aus. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass die einjährigen Berufsfachschulen in einer Reihe von Ausbildungsberufen gleichzeitig das erste Ausbildungsjahr abdecken.

Der Ländermonitor kommt aber zu der Einschätzung, selbst wenn man diese Anrechnungsregelungen berücksichtigt und in Rechnung stellt, dass unter diesen Jugendlichen viele Zugewanderte sind, die in der Statistik des Landes regelhaft als Personen ohne Hauptschulabschluss geführt werden. Man muss davon ausgehen, dass sich der Übergangsprozess in eine vollqualifizierende Berufsausbildung für gering qualifizierte Jugendliche alles andere als leicht darstellt.

Lösungsansätze

Der Bericht über die berufliche Bildung 2019 bestätigt letztlich die von den Gewerkschaften seit langem vertretene Auffassung, dass die Attraktivität der Berufsausbildung dringend gestärkt werden muss. Hinsichtlich der eigenschaftsbezogenen Passungsprobleme kommt die Forschergruppe zu der Schlussfolgerung, dass man kaum darum herumkommen wird, das Angebot an attraktiven Ausbildungsstellen auszubauen. Regionale Passungsprobleme lassen sich nur durch die Förderung einer höheren Mobilität lösen. So hat zum Beispiel der Landesausschuss für Berufsausbildung die Landesregierung aufgefordert, ein verkehrsbundübergreifendes, kostengünstiges Angebot für Auszubildende einzuführen sowie Maßnahmen zu entwickeln, wie Auszubildende, die den Wohnort wechseln, kostengünstig untergebracht und – bei Minderjährigen – betreut werden können.

Um die Chancen für Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss beziehungsweise Migrant/innen zu verbessern, fordern die Gewerkschaften seit langem einen vollständigen zweiten Berufsschultag, um so Jugendliche besser ausbildungsbegleitend fördern zu können. Zwar wurde eine Reihe von Maßnahmen (assistierte Ausbildung, ausbildungsbegleitende Hilfen) entwickelt. Diese Maßnahmen werden aber von verschiedenen Stellen und Trägern angeboten und finden immer zusätzlich zur Ausbildung und dem Berufsschulunterricht statt. Ziel ist es deshalb auch, die bislang entstandenen Fördermaßnahmen an den beruflichen Schulen zu zentralisieren und in eine Hand zu legen.

Unabhängig davon bleibt aber die zentrale Aufgabe nach wie vor: Die Wirtschaft muss deutlich mehr Ausbildungsplätze schaffen.

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