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Arbeits- und Gesundheitsschutz in KITASWer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

Kindertageseinrichtungen gewinnen an gesellschaftlicher Bedeutung, die Erwartungen an sie steigen. Dem gegenüber stehen ein enormer Fachkräftemangel und Arbeitsbedingungen, die den Anforderungen kaum standhalten können. Dies war Themen einer GEW-Fachtagung Ende November 2019 in Stuttgart.

06.02.2020 - Heike Herrmann, GEW-Referentin für Kinder- und Jugendhilfe

„Schon im Vorfeld der Fachtagung haben uns Reaktionen von Mitgliedern und Interessierten alarmiert“, erklärte Petra Kilian, stellvertretende Landesvorsitzende der GEW Baden-Württemberg, bei ihrer Begrüßung. „Viele können an unserer Veranstaltung nicht teilnehmen, weil in ihrer Kita Personalnot herrscht. Fatal, wenn keine Zeit mehr für den Arbeits- und Gesundheitsschutz bleibt“, mahnte Kilian, die seit 26 Jahren eine Kita leitet. Es wundere dann auch nicht, wenn die Gesetze, Richtlinien und Vorschriften zum Schutz der Mitarbeitenden nicht oder nur teilweise bekannt seien. In vielen Kitas fehle es an Ideen für die Umsetzung von Schutzmaßnahmen und je nach Träger ließen sich Probleme nur mühsam und zäh verändern. „Das Arbeitsfeld ist bekannt für seine speziellen Belastungen wie Lärm, Unruhe und die Kinderstühlchen, auf denen auch Erzieher*innen sitzen. ­Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels muss etwas dagegen unternommen werden. Individuelle Bewältigungsstrategien reichen längst nicht mehr aus, schwierige Arbeitsbedingungen müssen öffentlich gemacht werden, und es braucht politische Entscheidungen, die die Situation der Beschäftigten verbessern“ forderte Kilian, ganz nach dem Motto „wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“. Die Arbeit in der Kita müsse für Beschäftigte attraktiv sein. Sonst ergriffen junge Menschen andere Berufe oder verließen die Kita nach wenigen Arbeitsjahren. Die Qualität der pädagogischen Arbeit bliebe langfristig auf der Strecke, Leidtragende seien Kinder und Beschäftigte.


Als Experte war der Arbeitswissenschaftler und Psychologe Prof. Bernd Rudow geladen, der für die GEW Baden-Württemberg bereits 2004 die erste Studie zur Arbeitsbelastung von Beschäftigten in Kitas durchführte. Der ­Wissenschaftler forschte viel zur Arbeitssituation von Erzieherinnen und Erziehern und stellte für die Fachtagung den Titel seines Buches „Beruf Erzieherin/Erzieher – mehr als Spielen und Basteln“ zur Verfügung. Rudow erklärte, dass der Beruf, der längst über Spielen und Basteln hinausginge, noch immer viel zu wenig Anerkennung finde. Er sei überzeugt, die Wissenschaft könne dazu beitragen das Image zu verbessern. Die Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern sei Emotionsarbeit und dadurch an sich schon belastend. Es kämen dann noch Mehrfachbelastungen hinzu, die das Gesundheitsrisiko erhöhten. Besonders die psychischen Erkrankungen stiegen an. Zu den Mehrfachbelastungen zähle z. B. die Vielfalt der Arbeitsaufgaben, die häufig nicht ausreichend definiert und damit unterschätzt würden. Es mangele an Pausen und Pausenräumen. Die Arbeit sei körperlich und ­geistig ­anspruchsvoll und könne zu psychischer Ermüdung, Stress und chronischer Belastung führen. Als Folge könne Burnout auftreten. Symp­tome dafür seien Erschöpfung, Leistungsschwäche und Entfremdung, was be­sonders schlimm sei, denn dadurch könne die Beziehung zum Kind verloren gehen. Die empirische Studie zu Belastungen von Erzieherinnen an der Schule (BEAS-Studie) ­Berlin hätte gezeigt, dass 10 bis 30 Prozent der Erzieher*innen, vor allem ältere ab 45 Jahren zumindest Burnout-gefährdet seien. Laut Statistik der Krankenkassen würden bei Erzieher*innen nach den ­Muskelskelett- und Atemwegserkrankungen an ­dritter Stelle die psychischen ­Auffälligkeiten diagnostiziert. Psychosomatische Beschwer­den seien somit stärker ausgeprägt als bei anderen Berufen.

Arbeits- und Gesundheitsschutz besser beachten

Rudow referierte auch über die schönen Seiten des Berufs. Die Arbeit mit den Kindern, Eltern, die Unterstützung des Teams und die Gestaltungsmöglichkeiten gehörten dazu. „Das sind Ressourcen, die bewusst gemacht werden müssen. ­Ressourcen sind wichtig im Gesundheitsmanagement, es gilt, sie zu erkennen und zu stärken“, erklärte Rudow. Ginge es nach ihm, so wäre das Gesundheitsmanagement fester Bestandteil der Ausbildung. Dem Arbeits- und Gesundheitsschutz, und damit der Unfallverhütung, der Arbeitssicherheit, der Prävention und der Gesundheitsförderung müsse viel mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Kitaleitungen könnten hier Vorbild sein und Maßnahmen einleiten. Man könne z. B. mit einer Arbeitsanalyse oder einem Gesundheitszirkel anfangen. „So merken Mitarbeiter*innen, es wird etwas getan“, bemerkte der Arbeitswissenschaftler. Gesundheitsmanagement dürfe ­allerdings keine Alibifunktion einnehmen und es sei unbedingt darauf zu achten, dass Probleme nicht individualisiert würden, vielmehr müssten die Strukturen in den Blick genommen werden.

Löhne der Erzieher*innen stark gestiegen

GEW-Tarifexperte Alfred Uhing wies darauf hin, dass auch Arbeitgeber Lernende in einem solchen Prozess seien und die betrieblichen Interessensvertretungen Anstöße für den Arbeits- und Gesundheitsschutz geben könnten. Prozesse bräuchten Zeit und man dürfe sich nicht entmutigen lassen. Uhing machte auf die großen Erfolge bei der Lohnentwicklung der letzten 20 Jahre aufmerksam. Diese war bei Erzieher*innen doppelt so hoch als im allgemeinen Arbeitssektor. Trotzdem sei noch Luft nach oben. Gerade in Zeiten der Personalnot spiele die Tarifpolitik eine große Rolle. Der Arbeitsexperte Rudow sprach vielen Anwesenden aus der Seele, als er abschließend sagte: „Aus arbeitswissenschaftlicher Sicht ist der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für Kinder unter drei Jahren nicht mehr aufrecht zu erhalten.“

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung berichteten über ihre Erfahrungen aus ihrem Alltag. Eine Kitaleiterin bilanzierte: „Der Fachkräftemangel ist enorm, das Arbeitsfeld ist überlastet, wir Beschäftigten sind am Limit. So geht´s nicht mehr weiter!“ Alle waren sich einig, dass fehlende Fachkräfte keinesfalls durch Personal ersetzt werden dürfe, das nicht pädagogisch qualifiziert sei. Eher müssten die Öffnungszeiten einschränkt oder notfalls die Kita geschlossen werden. An einen weiteren Kitaausbau sei nur dann zu denken, wenn es genug Fachkräfte gebe. Personalnot führe zur Überforderung und verändere die Kita, der Ton untereinander würde rauer und die Wertschätzung geriete in Gefahr. Eine Erzieherin fragte: „Wie kann ich achtsam mit Kindern umgehen, wenn mein eigenes Wohlbefinden nicht gewährleistet ist? Eine Entspannungsübung mit Kindern wird unglaubwürdig, wenn ich selbst im Stress bin.“ Es dürfe doch nicht so weit kommen, dass aufgrund mangelhafter Arbeitsbedingungen das Kindeswohl in Gefahr sei.

Am Ende der Tagung wurden Forderungen formuliert, die die GEW in ihre Gespräche mit Vertreter*innen der Landespolitik mitnimmt. Es müsse noch mehr Geld in die Hand genommen werden, damit die Rahmenbedingungen verbessert werden könnten und die Arbeit in der Kita für junge Menschen attraktiver werde, resümierte Petra Kilian. Unbedingt müssten die Ausbildungs-, aber auch die Studienkapazitäten erhöht werden. Die Ausdifferenzierung des Arbeitsfelds müsse in den Blick genommen werden, sodass noch mehr Expertise vor Ort und auch Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb des Systems gegeben seien. Und endlich müssten sich Fort- und Weiterbildungen auch monetär auswirkten. Entlastet würden Kitas durch die Freistellung der Leitung und genügend Fachberatung und durch zusätzliches Personal für Verwaltungs- Reinigungs-, Hauswirtschaft­liche u. a. nichtpädagogische Tätigkeiten.

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