GEW Baden-Württemberg
Sie sind hier:

Migrierte LehrkräfteWie die Berufsanerkennung in Baden-Württemberg läuft

Die GEW hat mit einer Veranstaltungsreihe Lehrerinnen und Lehrern aus dem Ausland Wege aufgezeigt, wie sie im Südwesten als vollwertige Lehrkraft unterrichten können. Das Interesse am Schuldienst ist groß – und die Hürden sind hoch.

12.04.2019 - Maria Jeggle, b&w-Redakteurin

Weil das Interesse überraschend groß war, bot die GEW eine Infoveranstaltung für migrierte Lehrkräfte dreimal an. Beim ersten Termin Anfang Februar in Stuttgart war Platz für 60 Personen. Angemeldet hatten sich rund 230. Es ging darum, Lehrkräften aus dem Ausland Wege aufzuzeigen, wie sie in Baden-Württemberg als vollwertige Lehrkraft unterrichten können.

Die Hürden sind hoch. Lehrkräfte, die nach Deutschland geflüchtet oder aus dem europäischen Ausland migriert sind und in Baden-Württemberg als Lehrkraft weiterarbeiten wollen, müssen für ihre Berufsanerkennung eine lange Liste abarbeiten. Malte Meyer vom DGB-Bildungswerk berichtete, wie das Verfahren abläuft. Für Baden-Württemberg muss der Antrag beim Regierungspräsidium Tübingen gestellt werden, es dauert rund drei Monate und kostet maximal 250 Euro. Neben vielen Formularen und Zertifikaten sind die erforderlichen Deutschkenntnisse die höchste Hürde. Es wird die sichere Beherrschung der deutschen Sprache im Unterricht in Wort und Schrift verlangt, das entspricht dem C2-Niveau des europäischen Referenzrahmens und kommt der muttersprach­lichen Sprachbeherrschung sehr nahe. Auch ein Zwei-Fächer-Studium mit anschließendem Referendariat, wie es in Deutschland und Österreich Standard ist, können nur sehr wenige vorweisen.

Erste Anlaufstelle für die Berufsanerkennung ist das IQ-Netzwerk Baden-Württemberg. Dort werden Lehrkräfte mit einem ausländischen Studienabschluss individuell beraten. „Jeder Fall ist anders“, sagt Inka Edelmann aus dem Netzwerk, „auch wenn für Lehrkräfte die Voraussetzungen nicht einfach zu erfüllen sind, sehe ich viele, die gute Kenntnisse mitbringen.“ Ihre Beratungsstelle versuche, Lehrkräfte zu motivieren und zu bestärken. Pauschale Aussagen, wie gut die Chancen für eine Anerkennung sind, kann sie nicht treffen. „Wenn man dranbleibt, und über Familienangehörige finanzielle Hilfen möglich sind, kann man sie erreichen“, meint sie.

IGEL: Weiterqualifizierung an PH

Die Pädagogische Hochschule (PH) in Weingarten hat ein ­Projekt aufgelegt, das Lehrkräften aus dem Ausland ein verkürztes Studium anbietet und den Einstieg erleichtern soll. Es ist bislang in Baden-Württemberg die einzige Möglichkeit für migrierte Lehrkräfte, sich weiterzuqualifizieren. Roswitha Klepser von der Akademie für wissenschaftliche Weiterbildung an der PH stellte IGEL (Integration Geflüchteter in die Lehrer/innenausbildung) vor. Die Interessierten müssen in ihrem Heimatland ein Lehramtsstudium auf Bachelor-Niveau mit einem Fach studiert haben, das einem deutschen Schulfach entspricht. Mathe oder Englisch kommt am häufigsten vor. Wenn ein Fach anerkannt wird, kann das ­fehlende in drei Semestern nachgeholt werden. Die Studierenden können folglich nach eineinhalb Jahren mit einem Bachelor abschließen. Anschließend fol­gen das Masterstudium und der Vorbereitungsdienst wie bei allen anderen Lehramtsstudiengängen auch.

B2 wird als Sprachniveau vorausgesetzt. Dem Studium wird ein sprachsensibler einmonatiger Vorbereitungskurs vorge­schaltet. Dort lernen die angehenden Studierenden unter anderem das ­deutsche Schulsystem kennen, das demokratische Verständnis von Schule und sie ­können in der Zeit ihre ­Sprachkenntnisse verbessern. Danach folgt das normale, nicht sprachsensible Regelstudium. Da man für das Lehramt an Grundschulen Deutsch studieren muss, kommt nur ein Studium für die Sekundarstufe I infrage. „Der Weg ist steinig“, räumt Roswitha Klepser ein, doch sie sieht in ihrem Projekt eine große Chance, dass geflüchtete Lehrkräfte in Baden-Württemberg ihren Beruf fortführen können. Die Finanzierung des Lebensunterhalts sei allerdings der wunde Punkt. Da die meisten Interessierten über 30 Jahre alt sind, können sie kein Bafög beziehen. Auch Leistungen der Agentur für Arbeit können nicht in Anspruch genommen werden.

Sieben Personen haben mittlerweile den Vorkurs bestanden und starteten mit dem Sommersemester am 1. April ins Regelstudium. Driton Morina ist einer von ihnen. Der 33-Jährige kommt aus dem Kosovo und spricht fließend Deutsch. Er lebt seit Juni 2017 in Weingarten, unterrichtet dort als Co-Lehrer in Vorbereitungsklassen. Er ist weit herumgekommen und spricht neben seiner Muttersprache auch arabisch und englisch. In Damaskus und Kairo hat er Islamwissenschaft studiert, in ­Malaysia vergleichende Religionswissenschaft. 2014 kam er nach Österreich und studierte drei Semester Deutsch an der Uni in Salzburg, bis er schließlich über Freunde und Verwandte in Süddeutschland landete. Für Morina ist das Lehramtsstudium vor allem ein finanzieller Kraftakt. Die GEW unterstützt IGEL-Studierende im ersten Semester mit einem Stipendium.

„Ziel unserer Veranstaltungen war, migrierte Pädagoginnen und Pädagogen oder Menschen, die in der Flüchtlingshilfe andere unterstützen, über die Chancen zur Berufsanerkennung zu informieren“, erläutert Monika Gessat, die in der GEW den Landesausschuss Migration, ­Diversity, Antidiskriminierung (LAMA) leitet und die Veranstaltungen moderierte. „Viele haben uns nach der Veranstaltung zurückgemeldet, dass die Informationen wertvoll für sie waren.

Informationen zur finanziellen Unterstützung durch die GEW, erhalten Sie bei Hans Maziol, dem GEW-Landesschatzmeister.

Wenn Sie Interesse an regelmäßigen Informationen zum Thema Diversity, Migration und Lehrberuf haben, können Sie sich bei Susanne Reinig melden.

Zurück