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FrauenpolitikWie Geschlechterzuschreibungen zu Privilegien führen können

Der internationale Frauentag am 8. März ist ein guter Anlass, Fragen zu Geschlechtergerechtigkeit zu stellen. Bianca Baßler, akademische Mitarbeiterin an der PH Freiburg, forscht zu sozialer Ungleichheit und Machtungleichheiten in der Sozialpädagogik. Andrea Wagner aus dem Leitungsteam der GEW-Frauenpolitik interviewte sie.

18.03.2021

Wann hätten wir Geschlechter­gerechtigkeit erreicht?

Bianca Baßler: Wenn es keine Ungerechtigkeiten aufgrund von Geschlecht gäbe. Geschlechtermerkmale sind in unserem Alltag sehr präsent: In Frisuren, in Bewegungen oder in Kleidungen. Einordnungen aufgrund von Geschlecht prägen unser ganzes Bild und führen dazu, dass wir bestimmte Handlungen erwarten. Mit den Erwartungen gehen auch Bewertungen einher, die uns einschränken können. Wer welchen Berufswunsch haben kann, wer die Haare wie tragen darf, wer im Beruf aufgrund von Care-Arbeit zurückstecken soll.

Geschlechtergerechtigkeit heißt dann, jemanden nicht auf ein Geschlecht zu beschränken. Das bedeutet nämlich einen Ausschluss von Möglichkeiten. Ziel ist, bei Kindern, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, inwieweit Geschlechterzuschreibungen Privilegien bedingen. Dieses Wissen ist der Ausgangspunkt, um sich für gleiche Rechte und Chancen einzusetzen.

Was ist dein Aufgabengebiet als ­Sprecherin der Gleichstellungskommission an deiner Fakultät für ­Bildungs­wissenschaften?

Wir beschäftigen uns damit, wie die Hochschule mit Geschlechterungleichheiten umgehen kann. Themen dabei sind beispielsweise der Umgang mit zusätzlicher Arbeit zu Hause in Pflege und Erziehung. Wir sorgen für fachlichen Austausch und Input, indem wir Veranstaltungen unterstützen, oder organisieren und stärken uns gegenseitig als Netzwerk. Auch arbeiten wir eng mit dem Betriebsrat und der GEW zusammen, wenn es um Fragen von Befristung und Anstellungsverhältnissen und der Organisation von Arbeitszeiten geht.

Der CDU-Landtagsabgeordnete ­Andreas Deuschle hat in der Drucksache 168722 vom 31.08.2020 eine sehr kritische Anfrage zum Thema Gender-Studies an Hochschulen in Baden-Württemberg gestellt. Dort wird z. B. gefragt: „Wie beurteilt die Landesregierung die ­zunehmend betriebene gesellschaft­liche Verankerung von aus der Gender-Theorie ­stammenden Positionen vor dem Hinter­grund, dass die ­Möglichkeit normativer Wissen­schaft im Allgemeinen und die Geschlechter­forschung im Besonderen ­umstritten ist?“ Hier steht der Vorwurf der Un­­wissen­­schaftlichkeit im Raum.
Was sagst du dazu?

Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen – sich die Zeit zu nehmen, Phänomene zu reflektieren und zu fragen, wann etwas sinnvoll ist, woher es kommt, welche Folgen es hat und wie es anders sein könnte. In Bezug auf Geschlechterverhältnisse gibt es wissenschaftliche Ergebnisse, die unsere Vorstellung von Normalität in Frage stellen. Das ist ja das Spannende an Wissenschaft: nicht einfach das zu reproduzieren, was wir schon wissen, und nicht zu sagen, das haben wir schon immer so gemacht.

Wieso und bei wem lösen die Gender-Studies so viel Empörung aus? Nach den Ursachen und Folgen von Geschlecht zu fragen und eine Ungleichheit von Macht zu erkennen, ist ja nichts Schlechtes: Aber immer wieder scheinen sich bestimmt positionierte Personen oder Gruppierungen davon angegriffen zu fühlen. Scheinbar auch Herr Deuschle von der CDU. Weil bestimmte Machtverhältnisse, von denen ja auch immer Personen profitieren, in Frage gestellt werden? Einer ganzen Wissenschaftsdisziplin undifferenziert Normativität und Unwissenschaftlichkeit zu unterstellen, halte ich für unangemessen.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Forschung der Geschlechterpolitik aus?

Inhaltlich treten in dieser Krise viele Themen zutage, die eng mit den Inhalten der Gender-Studies verbunden sind: Welchen Stellenwert wollen wir der Care-Arbeit gesellschaftlich und politisch geben? Gerade Eltern und Menschen, die Angehörige pflegen, erhalten auch in Coronazeiten sehr wenig staatlich geregelte Unterstützung. Die Schwierigkeit, Beruf und Care-Arbeit zu vereinbaren, spitzt sich zu. Erste Untersuchungen zeigen, dass es vor allem Frauen sind, die die Mehrarbeit in Betreuung und Homeschooling stemmen, ohne dafür eine finanzielle und gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren, die mit einem Aufstieg auf der Karriereleiter vergleichbar wäre. Auch ein intersektionaler Blick ist wichtig, wenn wir bei der Bildungsgerechtigkeit jetzt keinen großen Rückschritt erleben wollen. Macht und Ungleichheit spielen auch im Kontext von Corona eine große Rolle.

Außerdem zeigt sich, dass Berufe, die vor allem weiblich konnotiert sind, einerseits unglaublich wichtig für die Stabilität der Gesellschaft sind, also etwa in der Erziehung, Bildung und Pflege, andererseits stagniert aber die finanzielle Anerkennung sehr. Hier ergeben sich weiterhin wichtige Forschungsfelder, um langfristige Änderungen bewirken zu können.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann nennt gendergerechte Sprache „überspanntes Sprachgehabe“?
Was meinst du dazu?

Würde sich Winfried Kretschmann als Ministerpräsidentin bezeichnen ­lassen wollen? Ich denke, da steckt wieder eine Machtfrage dahinter: Wer hat ­Interesse daran, dass ausschließlich Männer in der Sprache vorkommen? Ich finde es traurig, dass ein Politiker sagt, es falle ihm schwer, in seiner Sprache alle Bürger*innen anzusprechen. Ich werte das als eine klassische ­Abwehrreaktion, sich auf Kritik einzulassen und das eigene Handeln und eigene Routinen, die eigenen Privilegien zu hinterfragen. Sprache birgt die Möglichkeit, Vielfalt abzubilden. Diese Möglichkeit sollten wir wahrnehmen – aus Respekt vor bisher weniger sichtbaren Personengruppen.

Sprache ist ein Instrument der Macht, das ganz unmittelbar unsere Wirklichkeit mitgestaltet. Sprache erzeugt Privilegierung und eben auch Deprivilegierung. Sprache beeinflusst maßgeblich unsere Wahrnehmung und ist ein wichtiger Forschungszweig – auch für andere Diskriminierungsformen wie Rassismus, Klassismus oder Ableismus.

In deiner Dissertation forschst du, wie Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe mit Ungleichheiten umgehen. Welche Erkenntnisse hast du bisher gewonnen?

Eine Erkenntnis ist, dass es der Komple­xität von Deprivilegierung nicht gerecht wird, ausschließlich eine einzelne Un­­gleich­heitsdimension zu betrachten. Der Blick muss offengehalten werden für Überschneidungen von verschiedenen Dimensionen von Ungleichheit, die dabei zusammentreffen: ein Kind oder eine jugendliche Person kann situativ sowohl aufgrund von Geschlechterzuschreibungen als auch aufgrund rassistischer Strukturen benachteiligt sein. Dieses komplexe Zusammenspiel in der alltäglichen Praxis, in der die Fachkräfte unter Handlungszwang und Zeitdruck stehen, zu berücksichtigen, scheint sehr herausfordernd. Hier genau zu schauen, was die Folgen sind und was gerade für die Adressat*innen relevant ist, erfordert, neben einer sensiblen Haltung, Zeit sowie Raum. Eine selbstreflexive Haltung auch in der sozialpädagogischen Praxis aufrecht zu erhalten, braucht wiederum Strukturen, in denen ­Fachkräfte Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen.

Das Interview führte Andrea Wagner