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Grundschule PattonvilleWo viel gelernt und wenig gelehrt wird

Wie erklärt man einer Zweitklässlerin, was eine Gewerkschaft ist? Wir von der b&w-Redaktion haben in der Grundschule Pattonville hospitiert und sind überrascht, dass ein Mädchen weiß, wer wir sind. Und nicht nur das hat uns erstaunt.

28.08.2019

In den rund 2.500 Grundschulen des Landes werden alle Kinder von Klasse 1 bis 4 unterrichtet. Die Herausforderung für die Lehrkräfte, diesen Kindern mit all ihren Unterschieden gerecht zu werden, ist immens. Die Grundschule Pattonville ist ein Beispiel von vielen Schulen, an der die Aufgabe mit engagierten Lehrkräften überzeugend gelöst wird.

Wie erklärt man einer Zweitklässlerin, was eine Gewerkschaft ist? Wir von der b&w-Redaktion hospitieren in der Grundschule Pattonville und ein Mädchen will wissen, wer wir sind. Noch bevor wir eine kindgerechte Antwort parat haben, erklärt die Grundschülerin, sie wisse, was eine Gewerkschaft sei. „Wir nutzen jede Lerngelegenheit“, erklärt später die Schulleiterin Ulrike Schiller. „Wenn die GEW kommt, lernt man, was eine Gewerkschaft ist.“ Erst vor ein paar Wochen war die GEW-Vorsitzende Doro Moritz zu Besuch und das hat sich das Mädchen gemerkt.

Das war nicht die einzige Überraschung beim Schulbesuch in der Grundschule Pattonville in Remseck, unweit von Stuttgart. Bis 1995 war Pattonville eine amerikanische Kaserne, danach entstand dort ein Stadtteil, der zur einen Hälfte zu Kornwestheim und zur anderen zu Remseck gehört. Zwei Jahre später wurde die Grundschule eröffnet. Ein Glücksfall für Ulrike Schiller, die nach der Freinet-Pädagogik arbeiten wollte und mit der Neugründung unverhofft eine Chance dafür bekam. Sie startete als Schulleiterin mit einem Kollegen, der ihre pädagogischen Vorstellungen teilte, und mit zwei Berufsanfängerinnen. Die beiden sind nach 22 Jahren immer noch an der Schule. Fünf Lehrerinnen, mit denen sich Schiller schon früher in einer Arbeitsgruppe über die Pädagogik Freinets auseinandergesetzt hat, ließen sich nach und nach an die Schule versetzen. So entstand eine Grundschule mit einem eigenen pädagogischen Konzept.

Individuelle Lernzeiten gehören beispielsweise zum diesem Konzept. Die ersten 60 Minuten an jedem Schultag beginnen mit „Lernzeit“. Die Klassen 1/2 und 3/4 lernen jahrgangsübergreifend zusammen. Wir besuchen die Lerngruppe 1/2 „Lila“. Die Schülerinnen und Schüler gucken kurz hoch und arbeiten weiter. Sophie und Maya schreiben einen Einkaufszettel. Sie haben ein Bankkonto, in das sie anfangs 100 Cent einbezahlt haben, und nun können sie je nach Kontostand und mit Hilfe einer Materialliste überlegen, was sie kaufen wollen. Sie entscheiden sich für 25 Fischli, denn die Knabbereien mögen sie und die Rechenaufgabe, wie viel ihr Einkauf kostet, ist ein Kinderspiel für die aufgeweckten Mädchen. Sie dürfen auch Einkaufszettel ihrer Mitschüler/innen prüfen und als Bankiers Geld entgegennehmen und auszahlen. Diese Berechtigung mussten sie mit einem Pass erwerben.

Diego, ein Erstklässler, sitzt am gleichen Vierertisch. Er zählt Punkte von Marienkäferbildchen und überträgt die Zahlen in sein Heft. Julian schreibt schwierige Buchstaben ins Arbeitsbuch. Nach drei „ch“ spielt er aber lieber mit einem Stofftier. Damla zeigt die Meerschweinchen im Zimmer daneben. Sie achtet genau darauf, dass die Tür danach geschlossen wird und erklärt, wer sich am Wochenende oder in den Ferien um die Tiere kümmert. Einige Schüler/innen bedauern, dass ihre Lehrerin den Hund Bilbo heute nicht mitgebracht hat. „Frau Anuschek bleibt heute bis um 5 Uhr an der Schule und das ist zu lange für den Hund“, erklärt Damla verständnisvoll. Der Hund, ein Labradoodle, schaffe eine gute Atmosphäre in der Gruppe, begründet Martina Anuschek den Hundeinsatz. Bilbo ließ sich beispielsweise von einem Kind mit Berührungsängsten immer wieder streicheln, so dass es im Laufe der Zeit bessere Sozialkontakte aufbauen konnte. Eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn ist die Lehrerin mit dem Hund im Klassenzimmer. Die Kinder kommen nach und nach, bis um 8 Uhr alle da sind.

Die 26 Schüler/innen arbeiten selbständig und wissen genau, was sie zu tun haben. Zwei Lehrerinnen unterstützen einzelne, es sieht aber so aus, als kämen die Grundschüler/innen auch ohne sie zurecht. Zwei bis drei Stunden pro Woche sind zwei Kolleg/innen für eine Lerngruppe eingeplant, zumindest theoretisch. Wenn allerdings Lehrkräfte ausfallen, leidet die Teamarbeit zuerst. „Von November bis Februar hatten wir vier langzeiterkrankte Lehrerinnen. Erst ab Januar kam ein Ersatz“, berichtet die Schulleiterin. Insgesamt arbeiten 28 Lehrkräfte an der Grundschule mit rund 400 Schüler/innen. Die Ausfälle zu kompensieren, sei schon sehr anstrengend. Räume fehlen der Schule auch, doch hierfür ist Besserung in Aussicht. Ein Schulneubau ist geplant, in zwei Jahren soll er fertig sein. Die Schulleiterin freut sich schon sehr darauf, weil das Kollegium in die Planung einbezogen war und viele pädagogische Anforderungen umgesetzt werden. Aus der Halbtagsschule wird eine Ganztagsschule, zunächst in Wahlform, „damit die Eltern sich leichter dafür entscheiden können“, erklärt Schiller. Sie geht davon aus, dass drei Viertel aller Schüler/innen den Ganztag nutzen werden.

Während der Lernzeit können sich Lehrkräfte auch um einzelne Kinder kümmern.
Während der Lernzeit können sich Lehrkräfte auch um einzelne Kinder kümmern. (Foto: © Carla Neckermann)

„Unsere Ateliers sind was Besonderes“, verspricht eine Lehrerin, bevor uns zwei Schülerinnen der Lerngruppe 3/4 „Grün“ durchs Schulhaus führen. An drei Tagen der Woche ist die letzte Schulstunde dafür reserviert. In der Holzwerkstatt wird gesägt und geklebt, beim „Malen“ geht es zuerst theoretisch um Picasso, bevor die Schüler/innen selbst kreativ werden, bei den „Insekten“ geht es um Raupen, deren Wachstum beobachtet wird, um Spinnen, Bienenstöcke und vieles mehr. In den Sporthallen wird Akrobatik fürs Sommerfest trainiert, überall wuseln Kinder mit Einrädern rum und in einer Ecke auf dem Schulhof finden Ballspiele statt. Man muss eine Weile zuschauen, bis man die Lehrer/innen in jeder jahrgangsgemischten Gruppe findet. Die beiden Mädchen erzählen, wo sie schon überall mitgemacht haben und sie kennen alle Regeln. Ungefähr alle 6 Wochen wechseln die Schüler/innen die Gruppe. So erleben alle Theater, Malen, Zirkus, Spiele oder Tiere im Wechsel. Hier können Schüler/innen und Lehrkräfte ihre Interessen und Begabungen einbringen.

Kinderrat und Schulversammlung

Gelebte Demokratie ist ein weiteres wichtiges Element der Schule. Jede Klasse wählt zwei Präsident/innen, die in den Kinderrat entsandt werden. Der plant und leitet jede Woche eine Schulversammlung. Aus Raumnot entstand dabei das Schulfernsehen. Weil die Turnhalle, in der die Schulversammlung üblicherweise stattfand, renoviert wurde, musste ein anderer Weg gefunden werden, um alle Schüler/innen einzubeziehen. Ein kleiner Raum wurde zum Studio umfunktioniert und von dort aus wird bis heute die Versammlung in alle Klassenzimmer übertragen.

Martina Anuschek bedient die Videokamera, Ulrike Schiller überwacht den Ablauf. Wie eine Nachrichtensprecherin im Fernsehen moderiert eine Schülerin die Versammlung. Alles läuft wie am Schnürchen. Es geht los mit dem Protokoll der letzten Versammlung, es folgen Präsentationen von Schüler/innen, zum Beispiel wie eine Batterie funktioniert, oder wie die Spielregeln für ein selbstgebautes Spiel zu „Anstand, Respekt und Höflichkeit“ lauten. Danach gibt es Tipps, was man tun kann, damit Roller nicht gestohlen werden. Ein Witz der Woche, ein Lied des Monats und der Wetterbericht stehen ebenfalls auf der Tagesordnung. Am Schluss zoomt Anuschek auf eine Schale mit Fundsachen und der Kinderrat löst sich routiniert wieder auf.

„Die Notlösung hat sich als gute Standardlösung herausgestellt“, berichtet Schiller. Mit der Kamera lassen sich viele Arbeiten der Schüler/innen besser zeigen als in einer großen Halle. Damit auch Vorstellungen von Theater- oder Zirkus-Ateliers möglich sind, und das Gemeinschaftsgefühl nicht abhandenkommt, tagt die Schulversammlung alle sechs Wochen wieder in der Turnhalle.

Nicht nur die Schüler/innen sollen Demokratie erleben. Auch im Kollegium wird das Miteinander und der Austausch großgeschrieben. Die zahlreichen Materialien der Schule, die für das individuelle Lernen gebraucht werden, entstehen im Team. Der Donnerstagnachmittag ist fest dafür eingeplant. Im pädagogischen Austausch geht es auch darum, gute Lösungen für Kinder zu finden, zum Beispiel wenn eines in einer Gruppe oder mit einer Lehrkraft nicht so gut zurechtkommt. „Die Zusammenarbeit erleichtert vieles und stärkt die Arbeitszufriedenheit“, sagt die Schulleiterin. An ihrer Schule war das von Anfang an selbstverständlich und sie erfährt viel Rückhalt für ihre pädagogischen Ideen. Dass der Aufwand und der Einsatz für jede Lehrkraft und sie selbst trotzdem sehr groß sind, erwähnt sie nicht. Das ist allerdings unübersehbar. „Die Grundschulen brauchen mehr Zeit – für Lehrkräfte und Schulleitung und auch zum Lernen für die Kinder. Für die Umsetzung innovativer Konzepte gibt es nichts. Sie fallen in die Rubrik Freizeitvergnügen“, sagte die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz, nachdem sie die Grundschule Pattonville besucht hatte.

Ärgerlich kann man die Schulleiterin erleben, wenn es um Vorschriften aus dem Kultusministerium zu Unterrichtsmethoden geht. „Ich finde den Rechtschreibrahmen sehr bemerkenswert“, erklärt Schiller. Sie habe bei Jakob Ossner, dem Autor des Rechtschreibrahmens, studiert. Das Werk sei gut und eine Unterstützung, aber „die Art und Weise, wie uns Vorgaben gemacht werden, verstößt gegen unsere Profession“, kritisiert sie.

Wie geht die Schule damit um, dass sie Schüler/innen in der vierten Klasse eine Grundschulempfehlung geben müssen, um damit die Selektion zu ermöglichen? „Wir wollen den Noten kein so großes Gewicht geben“, erklärt Ulrike Schiller. Die Leistungsmessung werde nicht gleichschrittig abgerufen und die Selbsteinschätzung der Schüler/innen spiele eine große Rolle. Der Schulleiterin wäre es am liebsten, wenn alle Schüler/innen bis zur zehnten Klasse gemeinsam lernen könnten. Dann hätte sich auch die Grundschulempfehlung erledigt.

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