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Corona-Krise in KitasZwischen Routine und Frust

Seit über einem Jahr beherrscht die Pandemie den Kita-Alltag. Mit welchen Herausforderungen Kitas zu kämpfen haben und wie die Stimmung ist, darüber berichten die Kita-Leiterinnen Manuela Wölfle, Kathrin Schmidt-Sailer und Petra Kilian im Interview.

10.06.2021 - Von Andrea Toll, Journalistin und Texterin

Manuela Wölfle leitet seit viereinhalb Jahren die Kita St. Stephan in Karlsruhe, Kathrin Schmidt-Sailer ist seit 15 Jahren Leiterin der Kindertagesstätte Kentuckyallee, die ebenfalls in Karlsruhe ist. Petra Kilian leitet seit 20 Jahren die Tageseinrichtung für Kinder Griegstraße in Stuttgart.

Das Team der Kita St. Stephan besteht aus 26 Mitarbeiter*innen, die sich um 80 Kinder zwischen zwei und sechs Jahren kümmern. Diese sind in vier Gruppen aufgeteilt, von denen zwei Gruppen auf jeweils einer Etage eng zusammenarbeiten.

In der Kindertagesstätte Kentuckyallee betreuen insgesamt 46 Mitarbeiter*innen 146 Kinder. Schon vor der Pandemie hatte die Kita vier zweigruppige Abteilungen mit jeweils einem Team, das in Lernlandschaften offen arbeitet. An ihren Konzepten mussten Schmidt-Sailer und Wölfle coronabedingt nichts ändern.

Anders lief es in der Tageseinrichtung für Kinder Griegstraße: Die offene Einrichtung ist seit der Coronakrise in drei in sich geschlossene Bereiche aufgeteilt, die jeweils aus einem festen Erzieher*innenteam und einer festen Kinderzuordnung besteht. Die Kita bietet Platz für 105 Kinder. Rund 30 Mitarbeiter*innen sind hier beschäftigt.

Fangen wir mit der Frage an, die ihr wahrscheinlich am häufigsten zu hören bekommt: Gibt oder gab es Coronafälle in euren Kitas?

Petra Kilian: Bei uns ging es lange Zeit gut. Am 23. März hatten wir unsere erste positiv getestete Mitarbeiterin. Seitdem geht es drunter und drüber: rein in die Quarantäne und wieder raus – egal, ob Kinder oder Beschäftigte. Drei Mitarbeiter*innen waren krank, die anderen zeigten keine Symptome. Meine Güte, man steckt sich so schnell an, obwohl wir immer medizinische Masken tragen und uns streng an die Hygienevorschriften halten. Ärgerlich ist, dass es weder Luftfilter noch CO2-Ampeln, geschweige denn extra Reinigungskräfte für uns gibt. Die Regierung hat keine Ahnung, was in den Kitas los ist! Sie entwickelt keine speziellen Konzepte, obwohl wir anders als in Schulen direkten Kontakt zu Kindern haben. Ich bin echt am Ende, permanent angespannt und habe keine Erholungsphasen mehr.

Manuela Wölfle: Bei uns ist es zum Glück nicht so angespannt, und einen Coronafall hatten wir bislang noch nicht. Wir sind insofern betroffen, dass wir einen höheren Krankenstand haben, denn zwei Kolleg*innen zählen zur Risikogruppe und fallen deswegen aus. Hat jemand von uns einen Schnupfen oder Halsweh, bleibt er sicherheitshalber zu Hause. Diese Ausfälle muss das Team auffangen. Eine zusätzliche Herausforderung ist, dass wir das Personal aus den unterschiedlichen Gruppen nicht mischen dürfen.

Kathrin Schmidt-Sailer: Zwei junge Kolleginnen sind bei uns an Corona erkrankt. Die sind mittlerweile aber wieder am Start. Ein Team plus Kinder sind gerade in Quarantäne. Das ist das vierte Mal, dass wir dieses Prozedere durchmachen. Ich bin inzwischen routiniert und weiß, welche Listen ich ans Gesundheitsamt schicken muss und wie es läuft. Dabei ist es mir sehr wichtig, dass ich immer mit den Eltern und Kolleginnen in Kontakt bleibe.

„Ich erlebe die Kinder souveräner als die Eltern.“ (Petra Kilian, Leiterin Tageseinrichtung Griegstraße in Stuttgart)

Wie ist es möglich, engen Kontakt zu halten?

Schmidt-Sailer: Bei uns funktioniert das zum einen online sehr gut – Entwicklungsgespräche mit Eltern genauso wie der Austausch der Erzieher*innen untereinander und mit mir. Damit verbringe ich viel Zeit. Zum anderen haben wir für jede Abteilung eine Art Koordinationsstelle mit einer Ansprechpartnerin geschaffen. Mit ihr bespreche ich alles. Von ihr erhalte ich Informationen, und sie gibt diese in das jeweilige Team weiter. Im letzten Jahr sind wir noch fester zusammengewachsen und wir tragen uns gegenseitig.

Kilian: Das erlebe ich genauso. Wir arbeiten toll zusammen und sind füreinander da. Alle leiden darunter, dass wir den Alltag nicht wie vor der Pandemie im großen Team gemeinsam meistern. Unsere 100 Kinder sind seit der Pandemie in drei Bereiche aufgeteilt, für das es jeweils ein Infoteam gibt, mit dem meine Stellvertreterin und ich uns einmal pro Woche treffen. Außerdem bin ich jeden Montag in einem der Bereiche, um zu hören, wie es allen geht und was zum Beispiel der Aufreger der Woche ist. Die Kommunikation läuft ansonsten größtenteils per E-Mail.

Wölfle: Am Anfang der Krise standen wir den Online-Meetings skeptisch gegenüber. Da haben wir uns lieber mit viel Abstand und Maske getroffen. Heute schätzen wir es, online in Kontakt zu bleiben. Dadurch sind wir flexibel, denn wir können uns auch von zu Hause dazuschalten.

Haben eure Mitarbeiter*innen Sorge, sich mit Corona zu infizieren?

Wölfle: Bis auf eine Kollegin, die einen Pflegefall zu Hause hat, ist unser Team recht gelassen. Die Schnelltests, die Mitarbeiter*innen einer Apotheke bis zum 31. März zweimal wöchentlich bei uns im Haus durchgeführt haben, haben für noch mehr Sicherheit gesorgt. Da ist uns schon immer ein Stein vom Herzen gefallen, wenn alle Tests negativ ausgefallen sind. Dass es die nun nicht mehr gibt, finde ich hanebüchen. Wir erhalten nun Selbsttest von der Stadt Karlsruhe.

Schmidt-Sailer: Nachdem wir nicht mehr regelmäßig von den Apothekenmitarbeiter*innen getestet wurden, waren wir sehr verunsichert, da die Inzidenzwerte immer weiter stiegen. Das war eine zweiwöchige Durststrecke für uns, denn wir haben keine Tests bekommen. Unmöglich! Mittlerweile sind wir wieder mit Selbsttests versorgt und können uns zweimal pro Woche testen.

Kilian: Ja, wir testen auch wie die Weltmeister. Dadurch haben wir schnell den aktuellen positiven Fall bei uns entdeckt. Aber uns geht es wie euch: Die professionell durchgeführten Tests geben ein sichereres Gefühl als die Selbsttests.

„Im letzten Jahr sind wir noch fester zusammengewachsen und wir tragen uns gegenseitig.“ (Kathrin Schmidt-Sailer, Leiterin Kita Kentuckyallee Karlsruhe)

Wie erlebt ihr die Eltern? Habt ihr mehr Aufwand durch deren coronabedingte Ängste und Nöte?

Kilian: So multikulturell wie unser Klientel ist, ist auch der Umgang mit dieser schwierigen Situation: Von „Wir kriegen das irgendwie hin“ bis hin zur absoluten Überforderung erlebe ich alles. Zusätzlich Zeit kostet es mich, wenn mir Eltern ihr Leid klagen. Da wäge ich individuell ab, wie ich sie unterstützen kann und welche Hilfsangebote es für sie gibt.

Schmidt-Sailer: Hoffen, bangen, Frust – die ganze Palette erlebe ich bei den Eltern auch. Um sie auf dem Laufenden zu halten, zum Beispiel über neue Verordnungen und Pläne, wie es weitergeht, treffen wir uns mit dem Elternbeirat alle 14 Tage online. Das hat sich bewährt. Und da es unser Elterncafé zurzeit nicht gibt, bieten wir seit neuestem auf unserem großen Spielplatz „Rutschen und tratschen“ für Eltern an, wo sie mit unseren Mitarbeiter*innen auf Abstand sprechen und Ballast loswerden können. Wie wir alle sehnen sie sich nach Leichtigkeit und Kontakt. Wir haben seit jeher einen guten Draht zu den Eltern, die großes Vertrauen in unsere Einrichtung haben.

Wölfle: Unsere Brennpunkt-Kita ist für viele Eltern die erste Anlaufstelle – nicht erst seit der Coronakrise. Wir unterstützen, geben Orientierung und helfen. Die Eltern vertrauen mir und dem Team. Bei 70 bis 80 Prozent ist ein Elternteil nicht berufstätig und dadurch recht flexibel, was die Kinderbetreuung angeht. So bin ich nicht in Bedrängnis geraten, wenn ich sie aufgrund des mangelnden Personals bitten musste, ihre Kinder früher abzuholen oder ganz zu Hause zu lassen. Für die berufstätigen Eltern war das natürlich schwierig. Die standen vor dem Dilemma: Einerseits mussten sie zur Arbeit, andererseits haben wir sie gebeten, ihre Kinder nicht in die Kita zu bringen. Da sollte meiner Meinung nach die Regierung die Arbeitgeber viel stärker in die Pflicht nehmen, damit diese mehr Möglichkeiten zum Homeoffice anbieten.

Seit dem 24. April müssen Kitas schließen, wenn eine Sieben-Tages-Inzidenz von mehr als 165 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner*innen festgestellt wird. Dann dürfen nur berufstätige Eltern, die glaubhaft versichern können, dass sie unabkömmlich sind, ihr Kind in die Kita bringen. Wie wurde in der Vergangenheit die Notbetreuung in Anspruch genommen?

Wölfle: Anders als in anderen Kitas lag bei uns die Auslastung von Dezember 2020 bis Februar 2021 bei rund 25 Prozent. Ein hoher Aufwand war für mich, die Rückzahlungen an Familien zu veranlassen, wenn sie die Notbetreuung nicht in Anspruch genommen haben.

Kilian: Wir waren bislang sehr kulant und hatten fast einen normalen Kita-Alltag. Jetzt können nur noch die Eltern einen Anspruch auf Notbetreuung geltend machen, die eine Bescheinigung vom Arbeitergeber haben, dass sie unabkömmlich sind. Und natürlich Familien, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden oder ein Kinderschutzthema haben. Wie gewohnt sind wir auch dann im Früh- und Spätdienst von 7 bis 16:30 Uhr für die Kinder da.

„Wir stellen auch fest, dass manche Kinder Rückschritte machen, wenn sie lange zu Hause bleiben müssen, wegen Quarantäne oder Kitaschließung.“ (Manuela Wölfle, Leiterin Kita St. Stephan in Karlsruhe)

Permanente Veränderungen und Verunsicherung: Wie reagieren die Kinder darauf?

Schmidt-Sailer: Die Kinder sind Vorbilder für mich in der Pandemie: Sie nehmen alles, wie es kommt, hadern nicht und haben eine hohe Resilienz. Wenn sie in Quarantäne waren, sind sie danach sofort wieder am Start und freuen sich, dass sie bei uns wieder frei spielen und ihre Freund*innen treffen können. Regeln, zum Beispiel, dass sie räumliche Grenzen im Hof einhalten müssen, akzeptieren sie, denn sie wollen, dass ihre Oma gesund bleibt. Das Händewaschen ist ebenfalls ins Fleisch und Blut übergegangen.

Wölfle: Ja, die Kinder arrangieren sich ganz wunderbar. Sie kommen sogar gut damit klar, dass manche Kolleg*innen Masken tragen. Für die Sprachentwicklung ist das zwar nicht optimal, aber die Verständigung klappt besser als gedacht. Bei uns haben sie es sehr genossen, dass weniger Kinder da waren und sie in kleineren Gruppen betreut wurden. Allerdings haben wir auch festgestellt, dass manche von ihnen Rückschritte machen, wenn sie lange zu Hause bleiben müssen, wegen Quarantäne oder Kitaschließung. Bei einigen vermuten wir, dass ihnen zum Zeitvertreib und damit zu Hause Ruhe ist, einfach ein Tablet in die Hand gedrückt wird. Dass das bei einem Dreijährigen die Entwicklung verzögert, ist nicht verwunderlich.

Kilian: Die Kinder haben zwar auch Ängste und Sorgen, aber ich erlebe sie auch souveräner als die Eltern. Was wir zum ersten Mal beobachten: Kinder, die während der Corona-Pandemie geboren wurden, hatten noch nie Kontakt zu anderen Kindern. Sie kennen nur die Mama-Papa-Blase. Wenn die zu uns in die Kita kommen, ist das purer Stress für sie. Das ist eine Herausforderung für uns, denn wir müssen in diesen Fällen ganz kleinschrittig anfangen, sie an den Kita-Alltag zu gewöhnen. Das heißt, eine Mitarbeiter*in kümmert sich permanent um dieses Kind, was mehr Arbeit und Aufwand für uns ist – wahrscheinlich auch noch für eine längere Zeit. Aber was nach der Pandemie sein wird, darüber mache ich mir jetzt möglichst wenig Gedanken.