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Schulen dauerhaft krisenfest machen

Vorschläge für kurz- und mittelfristige Investitionen im Landeshaushalt

Bereits am ersten Schultag müssen sich Schüler*innen und ihre Eltern auf Unterrichtsausfall einstellen. Fast alle Schularten werden im nächsten Schuljahr 2022/2023 zu wenig Lehrkräfte haben. Die GEW erwartet nachhaltige Investitionen.

Pressekonferenz im Bürger- und Medienzentrum des Landtages mit GEW-Landesvorsitzende Monika Stein und Landesgeschäftsführer und Pressesprecher Matthias Schneider

Es ist für die Lehrkräfte an den 4.500 Schulen frustrierend, dass sie auch im nächsten Schuljahr jonglieren müssen, um den Pflichtunterricht einigermaßen sicherzustellen. Besonders ärgerlich ist es, dass diese Situation im Unterschied zu Krisen wie die Pandemie und der Krieg in der Ukraine vorhersehbar war. Hätte die Landesregierung von 2012 bis 2015 die vorliegenden Zahlen des Statistisches Landesamtes ernst genommen und sofort ausreichend Studienplätze geschaffen, könnten jetzt zum Schuljahresbeginn am 12. September alle Stellen besetzt werden. Wir erwarten, dass die grün-schwarze Landesregierung endlich den Ernst der Lage in Kitas und Schulen begreift und mit den notwendigen Investitionen im nächsten Landeshaushalt reagiert. Wer anders als eine grün geführte Landesregierung sollte dafür Sorge tragen, dass Bildung nachhaltig und dauerhaft krisenfest wird? Wenn Danyal Bayaz meint, mit 700 Stellen, davon 500 für Lehrkräfte, seien die Schulen auf Mega-Projekte wie den Ganztagsausbau, Sprachförderung, Integration Geflüchteter und die steigenden Schüler*innenzahlen vorbereitet, dann ist er kein seriöser Finanzminister, sondern macht unser Land durch das Starren auf die Schuldenbremse nicht fit für die Zukunft. Wir laden ihn gerne in die Schulen ein, damit er sieht, was 1,5 Millionen Schüler*innen und ihre 130.000 Lehrer*innen brauchen“, sagte am Dienstag (06.09.) Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Stuttgart.

Die Bildungsgewerkschaft GEW erwartet zusätzlich zu den gestern vereinbarten 500 Stellen kurz- und mittelfristige Maßnahmen von der Landesregierung. Bereits im nächsten Landeshaushalt solle der Stufenplan zum Ausbau der ständigen Vertretungsreserve mit 200 neuen Stellen pro Jahr wieder aufgenommen werden. Die Reserve sei mit 1.945 Stellen bei geschätzten gut 5.000 bis 7.000 dauerhaften Ausfällen schon vor der Pandemie viel zu gering gewesen. Die Reserve ist meist bereits am ersten Schultag verplant. Da kaum weitere Personen auf dem Arbeitsmarkt sind, die kurzfristig für Vertretungen gewonnen werden können, bedeute jeder weitere Ausfall, dass Klassen zusammengelegt werden müssen oder Unterricht ausfällt. Der geplante Ausbau, für den pro Jahr etwa 12 Millionen Euro investiert werden müssten, war bereits von zehn Jahren geplant worden, aber von der grün-roten Landesregierung wieder eingespart worden.

Zu den kurzfristigen Maßnahmen zählt die GEW auch die Bezahlung der Sommerferien für die knapp 4.000 befristet Beschäftigten, die etwa 15 Millionen Euro pro Jahr kosten würde. Die GEW geht davon aus, dass im nächsten Herbst/Winter etwa 30.000 geflüchtete Kinder und Jugendlichen die Schulen besuchen werden. Das sind mehr geflüchtete Schüler*innen als im Schuljahr 2015/16. „Es rächt sich, dass in den vergangenen Jahren die Lehrkräfte der Vorbereitungsklassen nicht dauerhaft eingestellt und qualifiziert wurden. Hätte die Landesregierung vorausschauend gehandelt, wären jetzt fest angestellte, gut ausgebildete, erfahrene Lehrkräfte in den Klassen, mit denen die rund 2.000 Kolleg*innen, die zusätzlich in den Vorbereitungsklassen benötigt werden, unterstützt werden können. Diese Neueinsteiger*innen brauchen sofort ein ausreichendes Angebot an Fortbildungen und Qualifizierungsmaßnahmen zum Beispiel in den Bereichen Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache (DaF/DaZ) und Traumapädagogik.

Die Grundschulen sind die einzige Schulart im Südwesten, die keine einzige weitere Stunde für zusätzliche Angebote und Förderunterricht erhalten. Die GEW schlägt einen Stufenplan vor, bei dem die Grundschulen mit Förderstunden in der Pflichtstundentafel ausgestattet werden.

2023 soll mit jährlich 3 Stunden gestartet werden, das Ziel sind 12 Stunden pro Zug. Die GEW setzt sich für ein Gesamtkonzept gegen den Fachkräftemangel und neue Investitionen ein. Sie schlägt kurzfristig vor, durch eine Erhöhung der Altersermäßigung zu erreichen, dass Lehrkräfte länger arbeiten können. Mit Qualifizierungsprogrammen soll der Quereinstieg besser möglich werden. Auch das müsse im nächsten Doppelhaushalt Berücksichtigung finden. Der weitere Ausbau der Studienplätze vor allem für Sonderpädagogik und Grundschulen wirke zwar erst langfristig, müsse aber bereits 2023 gestartet werden. „Wir hoffen, dass die designierte Wissenschaftsministerin Petra Olschowski schnell die Voraussetzungen für weitere Studienplätze schafft und die Landesregierung die Finanzierung sicherstellt“, sagte Stein. Am 7. Oktober wird die GEW eine neue Lehrkräftebedarfsprognose für Baden-Württemberg und damit aktuelle Zahlen vorlegen, wie viele Studienplätze benötigt werden.

Beim Thema Schulgebäude sieht die GEW-Chefin Schulträger und die Landesregierung gemeinsam in der Pflicht. Die GEW hat 2017 in einer umfangreichen bundesweiten Studie auf den milliardenschweren Sanierungsstau in den Schulgebäuden hingewiesen. „Klassenzimmer bekommen keine gute Raumluft und werden im Winter nicht warm, wenn weiter an der Schuldenbremse festgehalten wird. Wir wollen dauerhaft krisenfeste Schulgebäude, in denen moderne Lüftungssysteme selbstverständlich sind und nicht durch schlecht isolierte Fenster mit teurem Gas der Schulhof geheizt wird, während die Schüler*innen und ihre Lehrkräfte im Klassenzimmer frieren“, sagte Stein.

Bei der Lehrer*inneneinstellung gibt es große regionale Unterschiede. Viele der Bewerber*innen bewerben sich nicht landesweit, sondern nur in ihren Wunschregionen. Für Schulen in den Großstädten der sogenannten „Rheinschiene“ gibt es meist genügend Bewerber*innen. In vielen ländlichen Regionen gibt es aber kaum Interessent*innen für einen Platz am Lehrer*innenpult. Genauso schwierig ist die Lage in der Landeshauptstadt Stuttgart. Besonders an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) und in der Inklusion fehlen immer mehr Lehrer*innen.

„An den SBBZ kann der Pflichtunterricht an vielen Schulen nur teilweise stattfinden. Schüler*innen mit Behinderung werden nach Hause geschickt, was ihre Bildungschancen beeinträchtigt und die Familien belastet”, sagte Stein.

Auch viele Berufliche Schulen, Grundschulen und Schulen der Sekundarstufe 1 starten ins neue Schuljahr mit zu wenig Personal.

Kontakt
Matthias Schneider
Landesgeschäftsführer
Telefon:  0711 21030-14