GEW Baden-Württemberg
Margerete Teuscher, Heidrun Dietrich, David Warneck, Hans Dörr (alle GEW), Sabine Ruppel, Ilse Petilliot-Becker (beide KM)

Mehrwert der Grundschrift

GEW-Gespräch mit KM-Vertreterinnen zum Verbot der Grundschrift

Die GEW Esslingen-Nürtingen führte am 13.9.2017 ein offenes, konstruktives Gespräch mit zwei Vertreterinnen des Kultusministeriums zum Thema „Verbot der Grundschrift“. Auf Seiten der GEW nahmen neben der Rektorin der Grundschrift-Erprobungsschule Herderschule Esslingen, Margarete Teuscher und der Lehrerin Heidrun Dietrich (zuständig für die Koordination der Erprobung an der Schule) der neue GEW-Kreisvorsitzende David Warneck und sein Vorgänger Hans Dörr teil. Zum Gespräch eingeladen hatte Ilse Petilliot-Becker, Referatsleiterin des Referats Grundschule, Frühkindliche Erziehung und Bildung im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport. Ihre Stellvertreterin, Sabine Ruppel, nahm ebenfalls an der Unterredung teil.

Anlass für das Gespräch war eine Äußerung von Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann bei einer CDU-Veranstaltung Anfang April 2017 im Esslinger Rathaus. Die Kultusministerin hatte auf die Frage des neuen GEW-Kreisvorsitzenden David Warneck, warum sie in ihrem „Orthographie-Schreiben“ vom Dezember 2016 den Grundschulen (außer den Erprobungsschulen) die Einführung der Grundschrift untersagt habe, lapidar geantwortet: „Weil sich an den Versuchsschulen kein Mehrwert der Grundschrift ergeben“ hat (Zitat: C. Bitzer, Redakteurin der Esslinger Zeitung vom 7.4.17).

Diese Antwort veranlasste den vormaligen GEW-Kreisvorsitzenden, Hans Dörr, die Kultusministerin in einem Brief u.a. zu fragen:  

  • „Woher wissen Sie, dass sich an den „Versuchsschulen kein Mehrwert“ ergeben haben soll? Mit wie vielen Versuchsschulen wurde seitens des Ministeriums gesprochen?
  • Gab es eine seriöse Befragung oder gar eine wissenschaftliche Begleituntersuchung bei den Versuchsschulen oder den „Abnehmerschulen“?“  

Hans Dörr führte in seinem Schreiben vom 22.4.17 aus, das Verbot der Grundschrift habe keinerlei wissenschaftliche Grundlage. Er verwies außerdem auf die KMK-Beschlusslage, den baden-württembergischen Bildungsplan von 2016 und die Bildungspläne und Vorgaben von 10 anderen Bundesländer (s. Info-Kasten: Blick über Landesgrenze). Im zeitnahen Antwortschreiben vom 17.5.17 hatte die Kultusministerin ein Gespräch mit den Mitarbeiterinnen des zuständigen Referats angeboten.

Kontroverse Standpunkte

Rektorin Margarete Teuscher und Lehrerin Heidrun Dietrich widersprachen beim Gespräch im Kultusministerium der These vom fehlenden Mehrwert der Grundschrift kenntnisreich und vehement. Die Zielvorgabe des neuen Bildungsplanes, aus der Ausgangsschrift Druckschrift eine flüssige, gut lesbare, formklare, verbundene persönliche Handschrift zu entwickeln, lasse sich nach ihren jetzt siebenjährigen Erfahrungen mit der Grundschrift für die Schüler/innen leichter erreichen als mit der Lateinischen Ausgangsschrift, die beide in ihrem Unterricht auch sehr lange vermittelt hätten. Der für viele Schüler/innen belastende Bruch zwischen dem Erwerb der Druckschrift und dem Erlernen der Vereinfachten Ausgangsschrift (VA) oder der Lateinischen Ausgangsschrift (LA) sei nicht mehr vorhanden. Die herkömmlichen Schreibschrift-Lehrgänge würden langwierige, sich wiederholende Übungsphasen ohne merklichen Lernzuwachs erfordern. Dies falle weg. Der Verlust der Schreibfreude beim Übergang hin zu den Verbindungen sei nicht mehr zu beobachten. Auch aus Inklusions- bzw. Integrationsklassen konnten die beiden aus ihrer Erprobungsschule positive Erfahrungen berichten. Insgesamt bleibe mehr Zeit für andere Bereiche des Deutschunterrichts: Übungszeiten für Lernwörter, Zeit für das freie Schreiben, mehr Lesezeiten und vor allem Zeit für die Rechtschreibung. Kolleginnen der Klassen 3 und 4 würden feststellen, dass sich die Schüler beim Schreiben von Geschichten mehr auf die Darstellung des Inhalts und auf die Orthografie konzentrieren könnten, da sie frühzeitiger flüssig und geläufig schreiben würden. Dadurch würden sie auch längere und gut leserliche Texte schreiben. Selbstverständlich treffe auch auf die Grundschrift zu, was die Kultusministerin in ihrem Antwortschreiben formuliert habe: eine sorgfältige Einführung der Buchstaben sowie die intensive Übung des Bewegungsablaufs sei auch beim Erlernen der Grundschrift notwendig. Wie beim Erlernen anderer verbundener Schriften seien regelmäßige Übungsphasen, vor allem bei den Buchstabenverbindungen, unerlässlich.Eine individuelle Begleitung der Kinder beim Schreibenlernen durch die Lehrkraft sei wie beim Erlernen von VA oder LA notwendig.

Referatsleiterin Petilliot-Becker und ihre Stellvertreterin, Sabine Ruppel, zeigten sich beeindruckt von den engagierten Darlegungen und den vorgelegten Schreibproben. Sie betonten, die intensive Arbeit der Erprobungsschulen werde sehr geschätzt und solle deswegen an den bisherigen 17 Erprobungsschulen auch weitergeführt werden können. Dennoch würden derzeit keinerlei wissenschaftliche Vergleichsstudien vorliegen, die einen Vorteil der Einführung und Verwendung der Grundschrift gegen der VA oder der LA belegen würden. Aus diesem Grund habe die Kultusministerin abschließend entschieden, dass es neben der VA und der LA keiner weiteren Alternative bedürfe.