GEW Baden-Württemberg

Berichte

Besser als nix – VL Schulung des GEW Kreis Ostwürttemberg als Online Veranstaltung

Zunächst als Präsenzveranstaltung im Kloster Neresheim geplant, wurde die Schulung der Vertrauensleute im Kreis Ostwürttemberg aus Pandemiegründen online durchgeführt. So trafen sich die 16 Teilnehmer*innen zu einer „go to meeting“ Veranstaltung am gekachelten Bildschirm in heimischen Gefilden oder auch aus leerstehenden Schulräumen – auf jeden Fall war man sofort „mittendrin“ ohne dass man lange Fahrtstrecken in Kauf nehmen musste, die in unserem flächenmäßig riesengroßen GEW-Kreis Ostwürttemberg  die Regel ist.
Nachdem sich jeder der Beteiligten persönlich vorgestellt und die coronabedingt allseits schwierigen, belastenden  Bedingungen an den Schulen geschildert hatte referierte Dr. med. Martin Zinkler, psychiatrischer Arzt am Klinikum Heidenheim zum Thema „Burn-out“ , ihre Ursachen, präventiven Maßnahmen und Behandlungsmöglichkeiten.
Er betonte  als Präventionsmaßnahme die Wichtigkeit der eigenen Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit auf die individuelle „Work-Life-Balance“.
Die Diagnose „Burn-out“ bezieht sich als psychische Erkrankung auf das Arbeitsleben. Hierbei kommt diese o.g. „Work-Life-Balance“ in ein Ungleichgewicht.

In Zeiten von Corona leben wir unter erschwerten Bedingungen:  Die Arbeitsbelastung an den Schulen hat massiv zugenommen: Der Schulalltag ist geprägt von ständigem Wechsel – manchmal wechseln Organisationsvorgaben wöchentlich, für deren Einhaltung die Kolleg*innen in den Klassenzimmern verantwortlich sind. Es befinden sich ständig Einzelschüler*innen oder immer wieder ganze Gruppen in Quarantäne.  Die mangelnde Planungs- und -Strukturunsicherheit stellt außerordentlich hohe Anforderungen an die Flexibilität der Kolleg*innen.
Das Tragen von Mund- und Nasenbedeckung einen kompletten Schultag hindurch ist kräftezehrend und beansprucht beim Unterrichten die Stimme übermäßig. Dazu kommt noch das ständige Unbehagen, seine Gesundheit und die -Gesundheit seiner Familie zu gefährden, weil in der Schule das allgemein geforderte Abstandsgebot in den vollen Klassen nicht eingehalten werden kann. Das ist zusätzlich extrem belastend. Außerdem wirkt sich der Lehrermangel auf die Arbeit in den Schulen aus: immer wieder befinden sich Kolleg*innen in Quarantäne oder sind aus gesundheitlichen Gründen vom Präsenzunterricht entbunden. Der Personalmangel und die ständigen Vertretungsstunden führen zur zusätzlichen Überlastung.
Das alles kann zu echtem Stress ausarten.
Dazu kommen die pandemiebedingten Einschränkungen für die „Life-balance“:
eingeschränkte Kontaktmöglichkeiten im „Feierabend“, ggf. soziale Isolation auch durch die massiven Einschränkungen bei Hobby und Freizeitangeboten (Sport, Musik, Kultur, etc.)  der so wichtige „Erholungsausgleich“ für die zurzeit massiv erhöhten Belastungen im Arbeitsalltag an den Schulen kann gegenwärtig so nicht wahrgenommen werden.
Eine wichtige aktuelle Information von Dr. Zinkler war der Hinweis, dass alle Psychotherapeuten jetzt Sprechstunden anbieten müssen, damit  eine „schnelle“ Erstversorgung für Hilfesuchende gewährleistet werden kann  - früher waren Wartezeiten von 8-12 Wochen „normal“.

 Nach einer ausgiebigen Pause, bei dem jeder sein „Wohlfühl-Carepaket“, das jedem in im Vorfeld zugeschickt worden war, zum Einsatz bringen konnte folgte der zweite Teil der Veranstaltung.

Volker Spellenberg  Vorsitzender der Schwerbehinderten und Vorsitzender im Örtlichen Personalrat im Staatlichen Schulamt Göppingen informierte über die Bedingungen und Möglichkeiten im Falle einer Erkrankung, die das Staatliche Schulamt anbietet: im Falle einer längeren Erkrankung sollte man sich unbedingt beim sogenannten „BEM“-Gespräch (berufliche Eingliederungsmaßnahmen) beraten lassen. Diese finden im Sinne des betr. Kollegen statt und sollen zu einer Wiederherstellung der Dienstfähigkeit verhelfen. Ein Antrag auf Rekonvaleszenz ermöglicht eine stufenweise Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung, die sich zeitlich auf ein ganzes Jahr erstrecken kann. Susanne Schnaitter, stellvertretende Vorsitzende im Örtlichen Personalrat im Staatlichen Schulamt Göppingen informierte über  Unterschiede bei den Tarifbeschäftigten.
Adelheid Singer-Luschka, Mitglied im ÖPR Göppingen und Schulleiterin der Adalbert-Stifter Realschule in Schwäbisch-Gmünd referierte über die zu diesem Zeitpunkt aktuellen Vorgaben des Kultusministerium
Der geplante angeordnete „Wechselbetrieb“, der zu einer Verkleinerung der Gruppen im Präsenzunterricht führen soll, bezeichnete sie als „politisches Feigenblatt“.
Beispielsweise gilt für eine Realschule, dass nur die Klassenstufen 8 und ein Teil der Klassenstufe 9 im Wechselunterricht beschult werden sollen, weil für die anderen Stufen die Anwesenheit der ganzen Klassen vorgesehen ist.  Das führt nicht wirklich zu einer Verkleinerung der Schülerzahlen in Präsenz.
Außerdem darf die Versorgung der Nicht-präsenten Schüler*innen nicht dazu führen, dass die Kolleg*innen doppelt unterrichten sollen: d.h. ein Teil der Gruppe in Präsenz im Klassenzimmer und der andere Teil der Gruppe dann danach als Online-Angebot am Computer. Ein klares, tragfähiges und durchführbares Konzept wäre sehr wünschenswert, zumal jede Schule, sprich die Schulleitungen, ein eigenes Konzept erarbeiten müssen, das wiederum ständig an die Gegebenheiten der Pandemie angepasst werden muss.
Sie betonte außerdem, dass im Falle einer Krankmeldung der Lehrkraft auch kein Fernlernangebot eingefordert werden darf, weil die betr. Lehrkraft ja „von zu Hause aus“ arbeiten könne. Man muss klar unterscheiden zwischen einer Krankmeldung oder einer Dienstbefreiung vom Präsenzunterricht aufgrund einer Schwangerschaft oder Vorerkrankung, weil ein Risiko für einen schweren Verlauf einer COVID Erkrankung relativ hoch ist. Diese Kolleg*innen werden dann im „Homeoffice“ eingesetzt.  
Da die Personaldecke an den Schulen in den letzten Jahren ohnehin „auf Kante“ genäht wurde v. a. bspw. an den Grundschulen ohnehin massiver Lehrermangel herrscht, kann man sich die Schwierigkeiten bei der Organisation eines Präsenzunterrichts vorstellen.  Dieser Personalmangel ist jedoch nicht (nur) coronabedingt – jedoch hat die Pandemie diese „Mangelerscheinungen“ in den Schulen nur gnadenlos sichtbar werden lassen.

Sabine Ocker
stellv. Kreisvorsitzende im GEW Kreis Ostwürttemberg