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Verantwortungslose Kita-ÖffnungenGEW: Kein Konzept aus dem Kultusministerium für angekündigte Kita-Öffnung

Corona-Pandemie: Die GEW warnt davor, ab Montag, 18. Mai, die Kitas in Baden-Württemberg weiter zu öffnen. Dies sei verantwortungslos gegenüber den Kindern und den pädagogischen Fachkräften, findet GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz.

13.05.2020 - GEW-Pressemitteilung

Die Bildungsgewerkschaft GEW warnt davor, ab Montag, 18. Mai, die Kitas in Baden-Württemberg weiter zu öffnen. Dies sei „verantwortungslos gegenüber den Kindern und den pädagogischen Fachkräften“.

„Wir verstehen die Not der Eltern, die seit Wochen mit kleinen Kindern zuhause sein müssen. Mit ihren leichtfertigen Äußerungen zu ‚einem reduzierten Regelbetrieb‘ ab dem 18. Mai hat Kultusministerin Susanne Eisenmann Verunsicherung und großen Unmut bei den pädagogischen Profis in Kitas, bei Eltern und den Kita-Trägern ausgelöst. Wer weiß, unter welchen Bedingungen derzeit in manchen Kitas in der Notbetreuung gearbeitet werden muss, kann diesen Plan nicht weiterverfolgen. Es wäre verantwortungslos, jetzt ohne Plan die Gruppen bis auf 50 Prozent zu vergrößern“, sagte Doro Moritz, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg, in Stuttgart.

Zwar hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann erklärt, dass er eine Kinderstudie zur Übertragung von Corona-Infektionen abwarten wolle, bevor über eine weitere Öffnung entschieden werde. Eisenmann hatte jedoch am 6. Mai mitgeteilt, dass ab 18. Mai die Betreuung ausgeweitet werden solle. Die Ankündigung führte dazu, dass Eltern Anträge stellten, viele Kinder abgewiesen werden müssen und der Unmut vor Ort von den Kita-Leitungen und Trägern aufgefangen werden muss. „Seit einer Woche warten die Kitas auf klare Kriterien des Kultusministeriums, wie die Kita-Öffnungen mit Blick auf die Regeln zum Infektionsschutz umgesetzt werden sollen. Es gibt kein Konzept, wie die erweiterte Öffnung ablaufen soll. Mehr als ein Drittel des Personals steht in den sowieso unterbesetzten Kitas nicht zur Verfügung. Wieder einmal erleben die pädagogischen Fachkräfte in den Kitas, dass die Arbeit mit kleinen Kindern offenbar am wenigsten wert ist und die Devise der grün-schwarzen Landesregierung offenbar heißt: Kleine Kinder, geringe Bezahlung, große Gruppen, hohes Infektionsrisiko“, sagte Moritz.

Die GEW setzt sich dafür ein, dass bei weiteren Öffnungen die Berücksichtigung der Hygienevorschriften und die Gesundheit der Beschäftigten und der Kinder im Mittelpunkt stehen müssen. Bei weiteren Öffnungen bräuchten die Kitas mindestens eine Woche Zeit für die Vorbereitungen. Wenn weitere Kinder aufgenommen werden können, müssten die Aspekte Kindeswohl und Förderbedarf Vorrang haben. Die GEW kritisiert auch, dass es Träger gibt, die für ihre Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet haben. Die Landesregierung müsse insbesondere freie Träger unterstützen, damit sie weiter arbeiten könnten. „Wer will, dass die Wirtschaft wieder brummt und dafür Betreuungsplätze braucht, muss auch dafür sorgen, dass dies nicht zu Lasten der Kinder sowie ihrer Erzieherinnen und Erzieher geht“, so die GEW-Landeschefin.

„Kitaleitungen sind an der Grenze ihrer Belastungsfähigkeit, das höre ich von allen Kolleginnen und erlebe es mit meiner Stellvertretung gerade auch selbst. Wir alle zeigen klare Symptome von Überlastung, Erschöpfung und beginnenden Burnout. Das mag dramatisch klingen, ist aber so. Organisation, pädagogische Gestaltung, Personalführung und -fürsorge der Notbetreuung sind durch viele zusätzliche Arbeit bestimmt, sowie auch einer großen mentalen Herausforderung für die Mitarbeiterinnen und auch Eltern, die mit Sorgen, Nöten, aber auch völlig unangemessenem Verhalten reagieren.

Enormer Verwaltungsaufwand

Der Verwaltungsaufwand hat sich verdoppelt, denn nach wie vor sind alle sonst üblichen Verwaltungsarbeiten weiterhin zu leisten. Dazu kommen:

  • zusätzliche umfangreiche tägliche und monatliche statistische Meldungen,
  • eine völlig veränderte Steuerung des Personaleinsatzes,
  • Strukturierung der Notgruppen,
  • Umgestaltung der Einrichtung entsprechend der Vorgaben,
  • umfangreiche Erweiterung der Hygienevorschriften/-pläne,
  • Umsetzung/Kontrolle auch der Reinigung/Bestellungen der Mittel,
  • sinnvolle pädagogische Bildung von Kindergruppen/neues Konzept für die völlig veränderte Arbeit entwickeln,
  • allgemeine Regelungen/Hausordnung für die Kita festlegen (zum Beispiel Eltern betreten das Haus nicht; Erzieher*innen, Eltern und Besucher der Kita, beispielsweise Lieferanten, Handwerker und andere, tragen Masken im Kontakt miteinander),
  • Organisation der Betreuungsplätze unter sich veränderten Regelungen in viel zu kurzen Zeitabständen und Beratung der Eltern (sehr, sehr zeitintensiv/Kontrolle der Anträge/Nachfragen und Klärung von Unklarheiten/Anfordern von fehlenden Belegen; es gibt Anfragen, die bis heute noch nicht entschieden sind, weil Unterlagen fehlen oder es sich um Fälle im Rahmen von Kinderschutz/Kindeswohl handelt, bei denen die begleitenden Dienststellen nicht voran kommen),
  • Entscheidung mit der Vorgesetzten treffen, Aufnahme planen, Information der Eltern, die dann gerne nochmals alles über den Haufen schmeißen, weil sie lieber drei Tage später anfangen wollen.

Das sind nur ein paar Beispiele zur Organisation.

Eigene Kinder müssen auch versorgt werden

Dazu kommen die umfangreichen Aufgaben der Personalführung. Wir alle, so auch Erzieher*innen, müssen uns mit dieser neuen Lebenssituation beschäftigen, unser Leben organisieren. Eigene Kinder, alte Eltern und Arbeit, all das muss unter einen Hut gebracht werden. Die einen können zum Beispiel wegen der eigenen Kinder nicht um 8 Uhr hier sein und müssen früher gehen, weil sie diese ja auch in die Kita bringen und wieder abholen müssen. Also müssen Kollegen*innen ohne Kinder einspringen, da muss ein Team gut miteinander können, um da kollegial zu bleiben.

Dafür zu sorgen ist Leitungsaufgabe, alle immer mitnehmen, den Informationsfluss aufrechtzuerhalten, wenn nicht mehr alle gleichzeitig im Haus sind, es keine gemeinsamen großen Teambesprechungen gibt. Das Ohr bei den Mitarbeiterinnen zu haben, um zu hören, wer ‚wackelt‘ gerade? Dem Team Stärke zu verleihen, unter den unklaren Ansteckungsmöglichkeiten, Ängste zu hören und dann zu ermutigen. Auch dies sind viele kleine Nuancen, die aber eigene Kraft kosten.

Was es heißt, in diesen Zeiten eine Kita am Laufen zu halten

Mir ist das als Leitung aber besonders wichtig, so schreibe ich neben Infomails mindestens jeden zweiten Tag eine kleine persönliche Info an alle Mitarbeiter*innen mit einem Foto, einem Film, Musik, einem Text. Obwohl ich in Arbeit versinke, gehe ich mehrmals am Tag durch das Haus, schaue nach den Kindern, frage nach, wie was läuft, spreche mit allen Mitarbeiter*innen, die im Laufe des Tages da sind, persönlich. Das widerspricht allen Hygieneregeln, weil ich somit zu mehr als 20 Erwachsenen sowie Kindern, Eltern und anderen am Tag Kontakt habe.

Ich bin über 60, aber das interessiert alles niemand, so lange der Laden läuft. Ich mache das so, weil es mir wichtig ist, aber um Kitaleitungen macht sich wirklich kaum jemand Gedanken, was es wirklich heißt, in diesen Zeiten ein Team und eine Kita am Laufen zu halten. Ich zehre daraus natürlich auch, weil mein Team mich auch trägt und meine Mitarbeiter*innen meine Überforderung und Erschöpfung auch sehen und darauf sehr nett und empathisch reagieren. Insofern zahlt sich dieser Krafteinsatz auch aus. Trotzdem ist es mein Einsatz! Er wird nicht gesehen, nicht wirklich gewürdigt.

Kinder zu Hause und Homeoffice, das kann nicht gelingen

Und etwas zu den Eltern muss ich auch noch schreiben: Ja, die Situation von Mütter und Vätern ist herausfordernd, aber ihre Kinder sind ihre Aufgabe und Verantwortung. Kita ist und kann nur eine Ergänzung sein, auch zur organisatorischen Frage der Kinderversorgung: Ich habe schon immer kritisiert, dass das Thema Vereinbarkeit von Familie und Berufe ziemlich alleine auf Ganztagsbetreuung ausgerichtet ist. Hier, und das zeigt sich gerade jetzt, sind auch Arbeitgeber vielmehr gefragt, familienfreundliche Beschäftigungsmodelle zu entwickeln. Kinder komplett zu Hause, Kontakteinschränkungen und volles Homeoffice, das kann nicht gelingen. Aber nun wird die Lösung dieses Problems ziemlich alleine Kitas/Ganztagsbetreuung verantwortet. Dabei werden die Bedingungen und der Gesundheitsschutz von Kindern und Beschäftigten in keinster Weise ernst genommen. Und ja, Kinder wollen und sollen auch wieder in die Kita, nur braucht es dazu gute Konzepte, die nicht vom Himmel fallen.

Wir haben in den letzten Wochen viele nette Eltern erlebt, die sich bedanken, loben, unterstützen, ne Tüte Brezeln zum Frühstück für die Erzieherinnen vorbeibringen, Fotos schicken, Briefe an die Bezugserzieherin schreiben und und und. Es gibt Eltern, die anrufen und um Beratung bitten – machen wir alles, natürlich, selbstverständlich und gerne.

Aber wir erleben auch das völlige Gegenteil: Egal was wir machen für die Kinder, die zu Hause sind, es ist nie genug. Dann stellt sich aber auf einmal heraus, sie sind umgezogen, haben eine neue Mailadresse und/oder Telefonnummer, ‚aber ach ja, habe ich ganz vergessen mitzuteilen‘, aber sich erstmal beschweren. Es gibt Eltern, die erwarten, wir organisieren ihnen von außen den Alltag mit ihren Kindern, beschweren sich, dass ihre Kinder zu Hause bleiben müssen, die Notdienstkinder aber im Kitagarten spielen dürfen.

Kein Wunschkonzert: Verlautbarungen des Kultusministeriums erzeugen Erwartungshaltungen

Das erweckt den Eindruck, Eltern wollen ein Wunschkonzert. Die Situation in der Kita, die Gesundheit der Beschäftigten und manchmal scheinbar auch die ihrer Kinder ist ihnen erstmal etwas egal, wird nicht so zu Ende gedacht, um es mal vorsichtig zu formulieren. Wertschätzung und Achtung sieht anders aus. Der Ton und die Art und Weise uns gegenüber ist völlig unangemessen.

Die Verlautbarungen der Kultusministerin erzeugen eine Erwartungshaltung, die die Praxis so nicht erfüllen kann. Die Kitaleitungen sind dann die, die das vor Ort organisieren, regeln, managen, Verzweiflung der Eltern ertragen, beraten und sich gegebenenfalls auch beschimpfen lassen müssen.

Von solidarischem gesellschaftlichem gemeinsamen Meistern der Situation ist da manchmal wenig spürbar.“