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Nachtragshaushalt gegen Lehrermangel

GEW: Mehr Studienplätze – Fortbildungen ausbauen – Vertretungsreserve erhöhen

01.02.2018 - GEW-Pressemitteilung

Stuttgart/Berlin – Die GEW macht sich für einen Nachtragshaushalt Bildung in Baden-Württemberg stark.

„Die Steuereinnahmen sprudeln. Niemand versteht, warum die Kürzung der Lehrerfortbildungsmittel durch Grüne und CDU jetzt nicht zurückgenommen wird, warum nicht die notwendigen Studienplätze für das Grundschulehramt geschaffen und angesichts des Unterrichtsausfalls die Vertretungsreserve ausgebaut wird. Die Landesregierung hat das Geld und alle Informationen, um jetzt in Bildung und damit die Zukunft unseres Landes zu investieren. Wenn sie jetzt nicht handelt, wird sich die Situation in den Grundschulen auch langfristig nicht verbessern“, sagte am Donnerstag (01.02.) in Berlin Doro Moritz, Landesvorsitzende der GEW.

Die GEW-Landesvorsitzende sprach heute in Berlin zusammen mit den GEW-Landesvorsitzenden der anderen Bundesländer und der Bundesvorsitzenden Marlis Tepe mit der Kultusministerkonferenz (KMK) über Strategien gegen den Lehrermangel.

Nach den vorliegenden Prognosen für den Lehrerbedarf müssen weitere Studienplätze für angehende Grundschullehrer/innen geschaffen werden, damit die Grundschulen bis 2030 ausreichend versorgt werden können. Diese Zahlen hat der Bildungswissenschaftler Klaus Klemm in seiner Lehrerbedarfsprognose Grundschulen für Baden-Württemberg bereits im April 2017 vorgelegt. Klemm ist auch Mitautor der bundesweiten Bertelsmann-Studie zum Lehrerbedarf. Im Oktober haben etwa 2.000 Studierende ein Lehramtsstudium an einer PH begonnen, darunter gut 1.000 angehende Grundschullehrkräfte. Die Landesregierung will nur 200 neue Studienplätze schaffen, benötigt werden aber nach der Studie weitere 200-300. Auch für die Sonderpädagogik müsse die Anzahl der Studienplätze erhöht werden.

Die GEW kritisiert den Umgang der Landesregierung und der Kultusministerin insbesondere mit den Grundschulen. „Anstatt so viel Zeit in Stammtischreden über Schreiblernmethoden zu investieren, sollte Kultusministerin Susanne Eisenmann lieber dafür sorgen, dass die Schulen in ihrer Notlage besser unterstützt und zum Beispiel ausreichend Fortbildungen angeboten werden. Wer mehr Qualität fordert, kann nicht gleichzeitig wie 2017 die Lehrerfortbildungsmittel um eine halbe Million Euro kürzen“, sagte Moritz.

Die GEW nennt als Beispiel für den Mangel an Fortbildungsangeboten eine Grundschul-Fortbildung zum Thema „Rechtschreibstrategien“ bei der nur 21 Teilnehmer/innen bei 52 Bewerber/innen zugelassen werden konnten. Das Kultusministerium lehne es außerdem seit vielen Jahren ab, Fortbildungen für die Erteilung fachfremden Unterrichts anzubieten, obwohl Baden-Württemberg im Bundesvergleich hier einen besonders hohen Anteil hat.

Vertretungsreserve ausbauen

Die GEW erwartet von der Landesregierung einen zügigen Ausbau der Vertretungsreserve. „Wir haben für die meisten Fächer in den weiterführenden Schulen genug Bewerberinnen und Bewerber auf dem Arbeitsmarkt. Es ist angesichts der vielen Ausfälle längst überfällig, die Vertretungsreserve auszubauen und für eine bessere Unterrichtsversorgung an Haupt-/Werk-realschulen, Realschulen, Gemeinschaftsschulen und Gymnasien zu sorgen“, sagte Moritz.

In der ständigen Lehrerreserve sind 1.666 Stellen, gleichzeitig gibt es etwa 6.000 – 7.000 Lehrkräfte, die dauerhaft ausfallen, die meisten aufgrund von Mutterschutz und Elternzeit. Grüne und SPD hatten sich 2011 auf einen Ausbauplan geeinigt und wollten jährlich die Lehrerreserve um 200 Stellen ausbauen. Der Ausbauplan wurde nach zwei Jahren wieder eingestellt, obwohl die Zahl der Ausfälle weiter steigt.

PH-Rektoren: Studienzeiten erhöhen

Die PH-Rektoren und die GEW als größte bildungspolitische Interessenvertretung im Land haben gemeinsam kritisiert, dass die Studienplätze nicht schneller ausgebaut werden und setzen sich dafür ein, dass Grundschullehrkräfte wie alle anderen Lehrer/innen zehn Semester studieren sollen. „Wir erwarten einen wachsenden Bedarf in allen Lehramtsstudiengängen. Kein Mensch versteht, warum wir mangels Studienplätzen für das Grundschullehramt einen hohen NC haben und an unseren Schulen 500 Lehrerstellen unbesetzt bleiben. Wir brauchen eine Angleichung der Studienzeiten für Grundschulpädagogik an die anderen Lehrämter. In einer verlängerten Studienzeit könnte ein weiteres Fach studiert werden und damit der fachfremde Unterricht reduziert werden. Dadurch würde die Unterrichtsqualität erheblich verbessert werden“, sagte Moritz.

Lehrermangel in Grundschulen

Eine Studie des Bildungswissenschaftlers Prof. Klaus Klemm kommt für Baden-Württemberg zum Ergebnis, dass bis 2030 mindestens 8.000 zusätzliche Lehrerstellen in den Klassen 1 bis 4 gebraucht werden und viel zu wenig Lehrkräfte ausgebildet werden. Zur Deckung allein des demografischen Bedarfs an den Grundschulen ohne pädagogische Verbesserungen braucht Baden-Württemberg jährlich 1.400 – 1.500 Studienanfänger.

Im vergangenen Schuljahr unterrichteten gut 22.000 Lehrer/innen an 2.382 öffentlichen und 108 privaten Grundschulen fast 380.000 Schüler/innen in knapp 20.000 Klassen. Die Altersgruppe der 6- bis 10-Jährigen wird von etwa 391.700 zum Jahresende 2015 bis 2020 auf etwa 398.900, bis 2025 auf gut 433.000 und bis 2030 auf 438.000 ansteigen, wenn die Geburtenhäufigkeit etwa gleich bleibt. Bis zum Schuljahr 2030/31 ist nach der Studie mit zusätzlichen 44.600 Grundschüler/innen zu rechnen. Mit den neu zu besetzenden Stellen für die Lehrkräfte, die bis dahin in den Ruhestand gehen, werden in den nächsten 13 Jahren 11.930 Lehrerstellen zu besetzen sein.

Die GEW hat weiter ausrechnen lassen, wie viele zusätzliche Lehrerstellen gebraucht werden, um die Erweiterung der Kontingentstundentafel mit je zwei Stunden mehr Mathematik und Deutsch umzusetzen und was für eine bessere Kooperation zwischen Grundschulen und Kitas, für eine bessere Vertretungsreserve, die Einführung von Poolstunden und den Ausbau der Ganztagsschulen nötig ist. Noch ohne den Mehrbedarf für Inklusion und Ethik werden nur dafür bis 2030 5.439 weitere Stellen und gut 6.000 neue Grundschullehrkräfte gebraucht. Zusammen mit dem Mehrbedarf von 2.559 durch steigende Schülerzahlen werden etwa 8.000 Stellen neu zu schaffen sein und insgesamt für die Besetzung aller Stellen etwa 19.000 neue Grundschullehrer/innen gebraucht. Bleiben die Studienzahlen gleich, ist nur mit 10.500 Berufseinsteiger/innen zu rechnen.

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