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GEW-Schulleitungstag 2023: „Wir vergeigen unsere Zukunft“

Bei der Cornelsen-Schulleitungsstudie 2023 kommt drastisch zutage, was Schulen und Schulleitungen heute brauchen.

Unter den insgesamt etwa 200 Gästen – davon rund die Hälfte online –sind auch Katrin Steinhülb-Joos, Landtagsabgeordnete der SPD und Thomas Poreski, Abgeordneter und bildungspolitischer Sprecher der  Grünen. Doch zunächst widmet sich Kultusministerin Theresa Schopper, ausführlich den verschiedensten Themen, die den Zuhörenden auf den Nägeln brannten. Der zweite Teil des Entlastungspakets für  Schulleitungen sei in der parlamentarischen Anhörungsphase und soll zum kommenden Schuljahr vor allem die Schulleitungen entlasten, die in der ersten Tranche leer ausgegangen  waren. 

Für die aktuell krisenhafte Situation an den Schulen machte sie die Nachwehen der Corona-Pandemie und die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine aus. „An den Schulen ist mittlerweile kaum noch  eine Besenkammer frei“ sagt die Ministerin. Derzeit seien etwa 30.000 Kinder aus der Ukraine an den baden-württembergischen Schulen, hinzukämen aber auch erhöhte  Zahlen Geflüchteter aus anderen Ländern. In diesem Zusammenhang kündigt sie das Ende der Einschränkungen der Beschäftigungsbedingungen für schwangere Kolleginnen an. Das Hauptproblem der  Schulleitungen sieht auch sie bei der  Lehrkräfteversorgung und verspricht, das Gutachten der „Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz” (SWK) differenziert zu betrachten. Beispielsweise seien die Zahlen der  Studienabbrüche bei den Studiengängen zu Lehrer*innenberufen bei weitem niedriger  als kolportiert.

Die von der SWK vorgeschlagene Erhöhung der Deputate oder des Klassenteilers würden in Baden-Württemberg nicht umgesetzt. Als Maßnahme gegen den Lehrkräftemangel nennt die Ministerin die Erhöhung der Studienplätze für das Grundschullehramt von 970 auf 1.670 Plätzen seit 2013. Im Bereich  Sonderpädagogik wurden an der PH Freiburg zusätzliche Studienplätze geschaffen. Da diese aber nicht ausreichten, möchte sie den Direkt- und Seiteneinstieg ins Lehramt für Sonderpädagogik erleichtern. Die Gefahr einer „Verramschung” der Lehramtsqualifikation sei ihr dabei durchaus bewusst und die Frage einer zusätzlichen Qualifikation sei nun in „wirklichen Schlussberatungen”. Obwohl Schopper einen  großen öffentlichen Druck verspüre, was die Frage der Teilzeitbeschäftigung von Lehrkräften betreffe, möchte sie die bestehenden Regelungen nicht grundsätzlich infrage stellen. Hier würden auch  beamtenrechtliche Grundlagen berührt. Diese könnten ohnehin nicht auf die Schnelle geändert werden. Freiwillige Appelle gebe es aber weiterhin, - und ein restriktiverer Umgang mit den vorliegenden Regularien kann im Alltag ja auch schon beobachtet werden.

Ein zweites Thema, das der Ministerin unter den Nägeln brennt, ist die Frage der Bildungsgerechtigkeit. Der IQB-Bildungstrend zeigt nach wie vor, dass der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft abhängt.  Ansetzen möchte sie an den Grundschulen, denn dort „wird das Haus gebaut”, Defizite, die hier entstünden, lösten sich in der Sekundarstufe eins nicht einfach in Luft auf. Das Werkzeug hierfür sei die  sozialindexbasierte Ressourcenzuweisung”. Das  IBBW arbeitet landesweite Kennwerte aus, während drei Schulämter bzw. fünf Städte erste Erfahrungen sammeln können. Zurückgreifen möchte sie auf das
Personal, das sich für Lernen mit Rückenwind gewinnen ließ. Große Hoffnungen setzt Schopper in das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) an Schulen als ein Mittel der Personalrekrutierung. 

Ein weiteres Anliegen  ist ihr die datengestützte Schulentwicklung. Sie sieht darin den Königsweg, systematisch die Schulqualität zu verbessern. Flankiert durch Unterstützungssysteme wie „starke Basis” und „BISS-Transfer” ist sie  sicher, große Schritte hin zu besserem Unterricht machen zu können. In der Fragerunde wird klar, wie häufig Politik an Grenzen stößt: kleine Grundschulen sind zwar „Ressourcenfresser”, können aber nicht  einfach geschlossen werden, weil Schulträger ganz andere Interessen verfolgen. Ein verbindlicher Ganztagsbetrieb lässt sich gegen den Willen der Eltern nicht durchsetzen. Eine Versorgung von VKL-Kindern im Ganztagsunterricht scheitert an fehlenden Mitteln. Deputate für Ethik an Grundschulen sind nicht vorhanden. Gleiches gilt für eine Stärkung der Kooperation an Grundschulen oder eine Absenkung des  Klassenteilers in der Orientierungsstufe von Realschulen. Fragen, die Theresa Schopper „mitnehmen” möchte, sind eine Beschleunigung von Verwaltungsverfahren und des Stellenbedarfs von ZSL und IBBW angesichts des gravierenden Lehrkräftemangels. Die Frage der Verwaltungsassistenz bzw. Erhöhung von Sekretariatszeiten sei Verhandlungsgegenstand mit den Kommunalverbänden. 

Die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein verweist in ihrer Replik auf Verwerfungen in der Lehrkräfteversorgung. Die drohten, wenn Nachbarbundesländer die Grundschullehrkräfte mit A13 bezahlen. Die Belastungen der Schulleitungen seien immens, weitere Maßnahmen notwendig. Als Beispiel nennt sie das Konzept zur Stärkung der Schulleitungen zu Ende umzusetzen. Es sei notwendig, die Beschulung von DaZ- Kindern stärker zu unterstützen. Allen Studienwilligen für die Lehrämter an Grundschulen und SBBZ müsse ein Studienplatz angeboten werden, damit der Lehrkräftemangel an diesen Schularten nicht noch  größer werde. Es sei ein großer Erfolg der GEW, dass die befristet Beschäftigten auch in den Sommerferien bezahlt werden, für Anwärter* innen mit Übernahmezusage stehe diese Verbesserung jedoch noch  aus. Auch sollten neu kommende Kräfte bereits ab dem ersten September bezahlt werden, denn die Schuljahresvorbereitung sei Teil der Arbeitszeit. Quereinsteiger* innen könnten in den Wochen vor  Schuljahresbeginn mit „Crashkursen“ zumindest etwas auf die Arbeit in den Klassen vorbereitet werden.

Einen Grund für das schlechte Abschneiden bei der IQB-Studie sieht Stein im schlechten Schüler*innen- Lehrkräfte-Verhältnis, wo Baden-Württembergs Grundschulen an vorletzter Stelle aller Bundesländer stünden. Vor allem für die Grundschulen sei es notwendig, Lehramts-Studienplätze zu schaffen. Die GEW-Vorsitzende warnt davor, den Pilotversuch zur sozialindexbasierten Ressourcenzuweisung in die nächste Legislaturperiode laufen zu lassen. Die Dringlichkeit gebiete es, hier Fakten zu schaffen und nicht die  Maßnahme in einer dann neu aufkommenden Diskussion zu gefährden. Die an sich gute Maßnahme der datengestützten Schulentwicklung treffe allerdings auf „komplett ausgelaugte Schulen”, die nichts Neues mehr umsetzen können.

 Dr. Dieter Dohmen, Leiter des „Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FIBS)”, präsentiert die Ergebnisse der Cornelsen Schulleitungsstudie 2023 -„Schule  stärken – Digitalisierung gestalten”. Er stellte heraus, dass Schulleitungen mit Gestaltungswillen an ihre Aufgabe herangingen – und das mit einer Arbeitszeit, die mit 50 Stunden pro Woche
der durchschnittlichen Arbeitszeit von Führungskräften entspreche. Beherrschendes Thema der befragten Schulleitungen in der Studie sei erwartungsgemäß die Personalgewinnung – gefolgt von  Digitalisierung und der Aufarbeitung der Corona-Krise. Ein Drittel der Arbeitszeit müsse für Tätigkeiten aufgewandt werden, die mit der Leitungstätigkeit nichts zu tun haben: Administration und Vorbereitung des eigenen Unterrichts. Zugangsbeschränkungen für Lehramtsstudien mittels Numerus clausus sieht Dohmen kritisch, „da Noten wenig über das Empathievermögen aussagen – und genau das eine zentrale  Voraussetzung für erfolgreiches pädagogisches Arbeiten darstellt.“ Ein wichtiges Thema der Zukunft werde eine neue Balance zwischen analogem und digitalem Lernen, zwischen individualisiertem und sozial  eingebundenem Arbeiten sein. Die Wichtigkeit von Schule als sozialem Begegnungsort sei als Erkenntnis aus der Corona-Zeit deutlich geworden, aber auch die Frage von Leistungsfeststellung durch Noten, die im Widerspruch zum Kompetenzerwerb stehe, der Lernende erst handlungsfähig mache. Dohmen sagt: „Die  Verabsolutierung von Noten ist absurd”. Neun von zehn Schulleitungen wünschten sich  mehr Autonomie. Auch die Einrichtung multiprofessioneller Teams werde von der überwältigenden Mehrheit der Schulleitungen gefordert, um den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schulen umfassend  wahrnehmen und die Schüler*innen unterstützen und begleiten zu können. Eine gebundene Ganztagsschule könne ebenfalls dazu beitragen, die Ungleichheiten der Schüler*innenschaft abzumildern.
Ein Hauptproblem der Schulleitungen sieht Dohmen in der Schnelligkeit, in der viele Aufgaben erledigt werden müssten, einfach, weil die Wirklichkeit an den Schulen dies erfordere. Dem stehe oft die Arbeitsweise der Schulverwaltung entgegen, die durch Abwägen und Suchen nach Rechtssicherheit gekennzeichnet sei. Beide, oft gegenläufige Anforderungen passten nicht zusammen.

Dohmens Fazit: Schulleitungen wollen. Schule verändern und die Politik sollte ihnen sehr gut zuhören. Und die Schulverwaltung auch!” Das Podiumsgespräch wird neben Dr. Dohmen von Elke Imbery,  Schulleiterin der Karlsruher Tulla-Grundschule und Mike Emeling, Leiter der Gemeinschaftsschule Dullingen bestritten. Imbery sieht den sozialen Kompetenzerwerb als wichtiges Thema an, dem sie
viel Aufmerksamkeit und Energie widme. Bei der Diskussion um Lehrkräftegewinnung weist Dohmen darauf hin, dass die Bildung an den Hochschulen seines Erachtens weit an den Bedürfnissen der Schulen vorbeigehe. Er fordert deutlich mehr Praxisbezug in der Ausbildung, aber auch in den Bildungsinhalten an den Hochschulen. Auf die Frage, was ein gutes multiprofessionelles Team ausmache, erklärt Dohmen:
„Ein solches Team verursacht einen erheblichen Verwaltungsaufwand, der erbracht und berücksichtigt werden muss.“ In solchen Teams wären neben Expertisen von Sozialarbeit, Schulpsychologie auch  Diversitätskompetenz, IT-Fertigkeiten, Theaterpädagogik, Lerntherapie, Sport- und Musik denkbar. Die Frage nach längerem gemeinsamem Lernen stellt sich für Dohmen nicht, da ohnehin jedes Kind seinen individuellen Lernweg gehe und das Ziel sein müsse, jedes Kind bestmöglich zu fördern. Dass dies auch an einer gemeinsamen Schule stattfinden könne, stehe außer Frage. Das eigentliche Problem der Schulstrukturfrage sei der Distinktionsgewinn, den die Eltern mit der Wahl der Schule und der Schulart suchten. Diese Intentionen seien so stark, dass sich ein längeres gemeinsames Lernen  gesellschaftlich nicht durchsetzen lasse. Am Ende eines langen Tages resümiert Dohmen: „Seit der Bildungsreform Ende der 60er Jahre, in der alles dafür getan wurde, dass jede*r eine Chance bekam, ist außer Redereien nichts mehr passiert. Die Welt außerhalb der Schulen hat sich massiv verändert. Wir vergeigen unsere Zukunft, wenn wir so weitermachen. Es ist eine neue Bildungsrevolution notwendig!”