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Freiwillige SommerkurseLernbrücke oder Lernkrücke?

In den letzten beiden Sommerferienwochen sollen Schüler*innen in Lern- und Förderkursen die Corona-Folgen aufarbeiten. Die GEW zweifelt am Nutzen des Konzepts der Kultusministerin – und erklärt, wie nachhaltige Förderung gelingen kann.

14.07.2020 - Von Corinna Blume und Barbara Bürgy

Noch zwei Wochen, dann geht ein völlig unvorhersehbares Schuljahr mit seinen großen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie zu Ende. Das Schuljahr hätte jetzt mit der Perspektive enden können, dass sich die Lehrkräfte wie gewohnt in den Sommerferien auf ihre Klassen im nächsten Schuljahr vorbereiten. Stattdessen hat Kultusministerin Susanne Eisenmann den Schulen und der Öffentlichkeit die Lernbrücken angekündigt: In den letzten beiden Sommerferienwochen sollen Schülerinnen und Schüler in Lern- und Förderkursen die Möglichkeit bekommen, Stoff aufzuholen, Lerninhalte zu wiederholen und gezielt an Lernschwierigkeiten zu arbeiten.

Nach vielen Wochen des Fernlernens und der vorsichtigen Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts sind die Schulen nun im „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“ angekommen. Trotz Fernunterricht haben Schüler*innen Lerninhalte versäumt. „Es gibt keinerlei zusätzliche Ressourcen für die Schulen, um dies aufzuholen. Freiwillige Lernbrücken in den Sommerferien sind kein Ersatz für regulären Unterricht. Sie werden die soziale Ungleichheit nicht reduzieren. Die Beschränkung auf Deutsch und Mathematik ist weder motivierend noch sinnvoll“, findet GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz.

Zweifelhafter Nutzen

Kinder, besonders Grundschulkinder, lernen über Beziehung. Sinnvolle Förderung kann hier nur individuell ansetzen. Dies ist bei der angedachten Gruppengröße von 16 Kindern, die aus unterschiedlichen Klassenstufen und möglicherweise verschiedenen Schulen kommen, kaum realisierbar. Die Erfahrung aus den Notgruppen zeigt, dass selbst wenn Lernmaterial zur Verfügung gestellt wird, den Kindern das Arbeiten schwer fällt.

Wer stellt das Lernmaterial zusammen? Die Zusage von Lernmaterialien und Hilfen vom Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) wird kaum weiterhelfen, individuelle Schwächen von Kindern aufzugreifen und ihnen die nötige Unterstützung zu bieten. Auch stellt sich die nicht unerhebliche Frage nach der Motivation der Kinder, zwei Wochen früher als ihre Klassenkameraden wieder die Schule zu besuchen. Und werden überhaupt die Kinder erreicht, die diese Wissenslücken haben? Um schwächere Schüler*innen zu unterstützen, müssen den Grundschulen endlich die längst überfälligen Förderstunden fest zugewiesen werden.

Dass verpflichtende Fördermaßnahmen zusätzlich zum Regelunterricht überhaupt nicht vorgesehen sind, widerspricht dem Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule nach § 1 Schulgesetz.

Die GEW fordert deshalb: nachhaltige Unterstützung durch verbindliche Förderstundenzuweisung statt kurzfristiger Maßnahmen.

Gesundheitsschutz beachten

Lehrkräfte, Eltern und Schüler*innen freuen sich, wenn der Schulbetrieb läuft. Unter den angekündigten Bedingungen stellt er jedoch ein Risiko für alle Beteiligten dar. Kein anderer Arbeitgeber darf auf Schutzmaßnahmen für seine Beschäftigten verzichten.

Nach der strengen Klassentrennung während des Präsenzunterrichts ab Ende Juni dürfen nun jahrgangsgemischte Gruppen, unter Umständen aus verschiedenen Schulen, gebildet werden. Dies ist angesichts der bisherigen Bemühungen um Risikominderung insbesondere direkt im Anschluss an die Urlaubszeit nicht einleuchtend. Das Gesundheitsrisiko wird so erhöht, nicht zuletzt auch hinsichtlich des regulären Unterrichtsbeginns für alle Schüler*innen und Lehrkräfte.

Die GEW findet: Lernförderung darf nicht auf Kosten des Gesundheitsschutzes gehen.

Arbeitsbelastung der Lehrkräfte und Schulleitungen nimmt zu

Die Corona-Zeit mit Schulschließungen, Fernunterricht, Notbetreuung und schrittweiser Wiederaufnahme des Unterrichts war und ist für Lehrkräfte und Schulleitungen eine belastende Zeit. Für das neue Schuljahr ist unklar, unter welchen Bedingungen der Unterricht stattfinden wird. Jetzt schon ist für einzelne Bereiche klar, dass nicht einmal der Pflichtunterricht abgedeckt ist. Die Lehrkräfte, die nicht im Präsenzunterricht eingesetzt sind, sind dabei gar nicht eingerechnet.

Die Unterrichtsplanung und -vorbereitung muss an die Gegebenheiten angepasst werden. Bestimmte Stoffgebiete konnten im Fernunterricht nicht behandelt werden. Auch das bearbeiten Lehrkräfte in den Schulferien. Es ist daher verständlich, wenn Lehrkräfte sich gegen einen zusätzlichen Einsatz entschließen. Es ist außerdem ihr gutes Recht, denn ihre Teilnahme an den „Lernbrücken“ ist freiwillig! Statt Unterstützung zu leisten, macht Kultusministerin Eisenmann den Schulen Druck und jede Menge Vorgaben zur Dokumentation und der Gestaltung des Unterrichts. Das ist Misstrauen gegenüber der Lehrerschaft und den Schulleitungen.

„Lehrerinnen und Lehrer benötigen Zeit zur Erholung und zur Vorbereitung des neuen Schuljahrs“, sagt Moritz.

Ein weiteres Mal ist eine geplante Maßnahme in den Medien angekündigt worden, bevor die Schulen selbst informiert wurden. Schulämtern und Schulleitungen bleibt zur Koordinierung von Angeboten nur wenig Zeit. Diese Koordinierung fällt genau in die Zeit, in der die Schulleitungen das neue Schuljahr planen, bei dem sie jetzt noch gar nicht richtig wissen, mit wie vielen Ressourcen sie ausgestattet sind.

Die Schulen brauchen zusätzliche Unterstützung, zum Beispiel pädagogische Assistent*innen oder Lehramtsstudierende, die – angeleitet durch Lehrkräfte – Schüler*innen fördern. So können sie Praxiserfahrung gewinnen und mit der Vergütung weggefallene Jobs zur Finanzierung des Studiums ausgleichen.