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Welches Abitur brauchen wir?

Drei unterschiedliche Schularten führen zum Abitur: die allgemeinbildenden und beruflichen Gymnasien, und – wenn auch sehr begrenzt – gehören jetzt auch die Gemeinschaftsschulen dazu. Die verschiedenen Wege bleiben nicht ohne Wirkung.

18.04.2018 - b&w-Artikel, Maria Jeggle

Von rund 90.000 Schülerinnen und Schülern aus Klasse vier wechselten in Baden-Württemberg zum Schuljahr 2017/18 gut 44 Prozent auf ein Gymnasium. Die Übergangsquote ist gegenüber den Vorjahren leicht gestiegen. Außerhalb von Baden-Württemberg liegen die Quoten teilweise deutlich höher. In Hamburg lag die Quote 2016 mit über 57 Prozent am höchsten, deutschlandweit liegt sie bei 53 Prozent. 1968 waren es noch 11 Prozent.

Ist die Entwicklung erfreulich oder beklagenswert? Je nachdem wen man fragt, lauten die Antworten unterschiedlich. Die OECD ist der Meinung, Deutschland brauche zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts mehr Abiturient/innen. Ein Blick ins Ausland zeigt, dort ist die Quote höher. „Die massive Bildungsexpansion entspricht internationalen Entwicklungen“, sagte Prof. Anne Sliwka auf dem Gymnasialtag der GEW Anfang März. Das Abitur werde zum Regelabschluss.

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin warnt vor einem Akademierungswahn und meint, ein Studium sei nicht alles. Die Berufsausbildung werde unverantwortlich geringgeschätzt. Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) schrieb dagegen in der ZEIT Ende 2016: „Viele Kritiker des heutigen Abiturs zählten sich vor Jahren mit ihrem Abitur zur Bildungselite und fühlen sich heute angesichts der Abiturienten-Heerscharen entwertet. Erstaunlich, dass viele dieser Kritiker für ihre eigenen Kinder selbstverständlich das Abitur einfordern.“

Was der Arbeitsmarkt verlangt

Die Anforderungsprofile auf dem Arbeitsmarkt veränderten sich drastisch. Manuelle Routinetätigkeiten gehen massiv zurück. Mit der Digitalisierung verschwinden auch immer mehr mittlere Tätigkeiten. Gefragt sind weltweit komplexe Problemlösefähigkeiten in Teams. „Für dieselbe Tätigkeit wird heute eine höhere Bildung erwartet“, erklärte Sliwka, aus einer Arzthelferin werde beispielsweise eine Assistentin. Für Frauen sei die Entwicklung vorteilhafter als für Männer, weil Soft Skills, die eher Frauen zugeschrieben werden, an Bedeutung gewinnen würden.

Auch der Bedarf an Lehrkräften nehme zu. „Lehrkräfte arbeiten für die Wissensgesellschaft und in Teams, diese komplexe Aufgabe wird nicht aussterben“, prognostizierte die Erziehungswissenschaftlerin Sliwka.“ Früher sei in der Arbeitswelt wichtig gewesen, dass viele das Gleiche können, heute seien unterschiedliche Kompetenzen gefragt. „In der Schule des 21. Jahrhunderts gewinnen Personalisierung und kooperatives Problemlösen an Bedeutung“, betonte Sliwka.

Wie immer man die steigenden Abiturientenzahlen beurteilt, unbestritten ist, dass Gymnasien im Wandel sind. Wer Bilder von Abi-Abschlussklassen anschaut, sieht eine bunte, große Vielfalt. Die relativ homogenen Klassen aus den 60ern gibt es nicht mehr. Aber nicht nur die Zusammensetzung der Schüler/innen hat sich verändert, auch die Art der Wissensbeschaffung und wie Schüler/innen lernen, ist im Umbruch. Vor ein paar Jahrzehnten hatten viele Schüler/innen kaum Zugang zu Büchern, heute können alle rund um die Uhr im Internet recherchieren. Schüler/innen und Studierende bevorzugen Filme, Bilder und Musik. Texte lesen sie meist nur in Auszügen, der virtuelle Austausch mit anderen ist allgegenwärtig, der Schlafrhythmus schiebt sich nach hinten. Schüler/innen sind schnelle Antworten und unmittelbare Reaktionen gewohnt. „Wenn Lehrkräfte sagen, sie hätten nächste Woche Zeit, können das Schüler/innen oft nicht verstehen“, erzählte die Wissenschaftlerin.

Wie kann zeitgemäßes Lernen mit dieser bunten Schar an Schüler/innen in der Oberstufe stattfinden? Selbstregulation ist ein Stichwort, das Sliwka wichtig findet. „Kognitive, metakognitive, emotionale und motivationale Prozesse sind dabei untrennbar verbunden“, erklärt sie. Es geht folglich nicht nur um Wissenszuwachs, Schüler/innen sollten den Stoff interessant finden und Freude daran haben. Wie man auf ein Ziel hinarbeitet und dass über Lernen reflektiert werde, gehöre zum Lernprozess dazu. Daher gewinne das Lerncoaching an Bedeutung. „Studierende scheitern in der Regel nicht an mangelnden kognitiven Fähigkeiten, sondern an fehlender Selbstregulation“, weiß Sliwka aus Erfahrungen mit ihren Studierenden.

Das Vorwissen, das Schüler/innen mitbringen, sei fürs Lernen entscheidender als Intelligenz. Deshalb wies Sliwka auf die Bedeutung von früher Bildung hin. Um in der Oberstufe gut lernen zu können, müssten vorher, unabhängig vom Elternhaus, die Grundlagen gelegt werden. Gutes sprachliches Niveau und gute mathematische Kenntnisse seien die Voraussetzung, dass in der Oberstufe die vielen anspruchsvollen Ziele erreicht werden könnten.

Welche Ziele sind gemeint? „Mir wird vorgeworfen, ich argumentiere ökonomisch“, erklärt die Bildungsforscherin. Wobei sie durchaus andere Ziele im Blick hat: ein Sozialleben führen können, mit Freiheit umgehen lernen, die Persönlichkeit zu entwickeln, Antworten zu finden auf Fragen „Wer bin ich? Welche Talente stecken in mir? Wer will ich sein?“ und andere mehr.
Sliwka vermisst aber genau darüber eine Debatte. Wie viele Abiturient/innen wollen wir? Brauchen wir so viele oder brauchen wir nicht auch Handwerker/innen? Welcher Stoff soll unterrichtet werden, wie breit und wie tief? Was soll im Abitur geprüft werden? Welche Bedeutung bekommt die Abschlussnote? Darüber gebe es in Deutschland keine Zielklarheit.
Sliwka hat sich mit erfolgreichen PISA-Ländern wie Kanada, Singapur oder Finnland auseinandergesetzt. Diese Länder seien sehr unterschiedlich, aber erfolgreichen Ländern sei gemeinsam, dass dort Entwicklungsziele auf verschiedenen Ebenen planmäßig ineinandergreifen (Stichwort ‚alignment‘).

Ob es in Deutschland oder Baden-Württemberg mehr oder weniger Abiturient/innen geben soll, darüber gibt es keinen politischen Konsens. Die Zahlen steigen schlicht deshalb, weil immer mehr Eltern ihre Kinder aufs Gymnasium schicken und immer mehr Schüler/innen über die beruflichen Schulen oder den zweiten Bildungsweg eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben. Das Abitur gilt als Türöffner für eine erfolgreiche Biografie. Dass man das Abitur für ein erfülltes Leben nicht brauche, gilt immer nur für die anderen, nie für die eigenen Kinder. Aus diesem Grund werden Schulen, die keine Perspektive zum Abitur bieten, von den Eltern abgewählt. Deshalb ist es so elementar wichtig, dass auch Gemeinschaftsschulen ein Weg zum Abitur eingeräumt wird. Die beruflichen Gymnasien sind schon lange für viele Schüler/innen zur zweiten Chance geworden. Sie sind ein Sammelbecken vieler Schüler/innen, die in der 5. Klasse nicht aufs Gymnasium konnten oder wollten. Viele sind an beruflichen Schulen erfolgreich. Über ein Drittel aller Abiturient/innen haben ihren Abschluss dort gemacht.

Auch die Bildungsinhalte auf dem Weg zum Abitur sind strittig. Deutlich werden die Diskrepanzen, wenn, wie zurzeit bei der Oberstufe, um Reformen oder Bildungspläne gerungen wird. Die GEW plädiert beispielsweise für eine Stärkung der Gesellschaftswissenschaften, die Landesregierung hat stattdessen das Fach „Wirtschaft“ durchgesetzt. (Siehe Text von Jürgen Stahl ab Seite 18) Die beruflichen Schulen kämpfen darum, dass ihr Abschuss nicht als „Abitur light“ (Siehe Text von Michael Futterer ab Seite 20) abgewertet wird. Und bisher ist es nur zwei Gemeinschaftsschulen gelungen, dass sie überhaupt eine Oberstufe einrichten dürfen. Sie stehen unter besonderer Beobachtung und unter Erfolgsdruck.

Anne Sliwka plädiert für ein flexibles Kurssystem der Oberstufe. Der in Baden-Württemberg entwickelte Vorschlag eines „Abiturs im eigenen Takt“ sei wegweisend. Dies würde sowohl dem Bedürfnis nach einem zeitgemäßen Umgang mit Heterogenität, dem Trend zur Personalisierung von Lernprozessen und dem moralischen Gebot von Chancengerechtigkeit entgegenkommen. Auch die GEW unterstützt den flexiblen, durchlässigen und individuellen Weg zum Abitur.

„Schule kann nicht aus dem Blickwinkel einer Schulart gestaltet werden. Eine Veränderung in einer Schulart hat Konsequenzen für die anderen“, sagte die GEW-Vorsitzende Doro Moritz auf dem Gymnasialtag. Werden die Profile der einzelnen Schularten verwässert, verschärft sich die Konkurrenz der Schulen um die guten Schüler/innen. G9-Züge an allgemeinbildenden Gymnasien beispielsweise schwächen Schulen, die G9-Gymnasien sind oder sein könnten: berufliche Gymnasien und Gemeinschaftsschulen. G9-Züge an allgemeinbildenden Gymnasien führen auch dazu, dass mehr leistungsschwächere Schüler/innen an diese Schulen drängen und dort die Heterogenität der Schüler/innen steigert. Gemeinschaftsschulen haben damit kein Problem.
Bildungsziele, Schulprofile, Wege, Inhalte, Anforderungen zum Abitur, vieles bleibt seltsam konturlos.

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